Hölderlins Selbstisolation als Filmfassung

Heilbronn  Unverhofft aktuell: "Schönes Leben! du liegst krank!". Das Theater FF aus Heilbronn hat aus seinem Hölderlin-Klassenzimmerstück einen Film gemacht.

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Was uns heute noch an Friedrich Hölderlin interessiert: Helga Fleig hat zuerst die Bühnenfassung geschrieben, Thomas Fritsche daraus dann ein Drehbuch destilliert für ihre Filmfassung von "Schönes Leben! du liegst krank!".

Foto: Mario Berger

Vor 30 Jahren etwa, während seines Schauspielstudiums in Stuttgart, hat eine Nachbarin, vermutlich eine pensionierte Deutschlehrerin, Thomas Fritsche zwei Bände "Friedrich Hölderlin Werke" geschenkt. Gedichte, Briefe und Aufsätze, erschienen 1949 im Carl Pfeffer Verlag Heidelberg. "Vielleicht machen Sie was damit." Vor zwei Jahren und nach diversen Umzügen hat der Schauspieler die abgegriffenen Bände hervorgeholt, um gemeinsam mit seiner Frau Helga Fleig ein Klassenzimmerstück zu realisieren.

"Schönes Leben! du liegst krank" wurde zum Projekt von Theater FF, wie sich Fritsche und Fleig nennen, in Kooperation mit dem Förderkreis für Neue Musik Heilbronn zum 250. Geburtstag des Dichters im vergangenen Jahr. Lothar Heinle wurde mit einem Kompositionsauftrag betraut, eine Klangcollage, die die inneren Welten Hölderlins verdichtet.

Hölderlins Leben als Rückblick in 50 Minuten

Nach wenigen Aufführungen machte bald Corona dem Hölderlin-Stück einen Strich durch die Rechnung. Und auch die Einladung zu den Theatertagen "Junges Theater" der Stadt Frankfurt/Oder vergangenen Sommer war somit hinfällig. Stattdessen haben Fritsche und Fleig eine Filmversion geschaffen, die nun wieder auf Youtube zur Verfügung steht. Der Rückblick auf Hölderlins Leben mit Videoeinspielungen endet mit Aufnahmen an Hölderlins Grab auf dem Stadtfriedhof Tübingen. Die 50-Minuten-Fassung konzentriert sich auf zentrale Themen des Dichters, der am 20. März 1770 in Lauffen zur Welt kam: Anerkennung als Dichter, Poesie als Revolution, Liebe und Tod.

Die Filmfassung ist auf dem Youtube Kanal von Thomas Fritsche zu sehen.

Der Film-Monolog mit Thomas Fritsche ist wie das Theaterstück in einem Klassenzimmer angesiedelt, nun allerdings in einem leeren. Unverhofft aktuell erscheint Hölderlins abgeschiedenes Leben im Tübinger Turmzimmer, eine unfreiwillige (Selbst)-isolation, die nun, während der Kontaktbeschränkungen in der Pandemie, eine andere Dimension erfährt. Dabei bewegt die beiden vor allem: Was könnte heute noch und wieder an Hölderlin interessieren? "Seine Gedichte sind nicht einfach, aber sie vermögen uns zu fangen", sagt Helga Fleig.

"Wir erleben einen Verlust an Kommunikation"

Die Autorin und Regisseurin, die als Deutschlehrerin an der Gustav-von-Schmoller Schule unterrichtet, weiß, wovon sie spricht, wenn sie sagt, dass es um mehr geht als Sprachverlust. "Wir erleben einen Verlust an Kommunikation." Fleig hat für das Theaterstück Texte von Hölderlin aus verschiedenen Phasen seines Lebens mit eigenen Texten verwoben. "Bei Hölderlin spürt man, wie fein er spricht und sich mitteilt."

Der Zuschauer braucht keine Vorkenntnisse, wer darüber verfügt, entdeckt um so mehr Querverweise. "Wir behaupten, das Klassenzimmer ist Hölderlins Turm, das ist unser sehr reduziertes Setting. Und trotzdem versuchen wir, das 18. Jahrhundert einzufangen."

Kein abgefilmtes Theater

Für die Filmversion von "Schönes Leben! du liegst krank!" hat Thomas Fritsche ein Drehbuch geschrieben, das heißt, er hat für dieses andere Medium andere dramaturgische Einstellungen gesucht. "Die Fassung ist kein abgefilmtes Theater. Das würde nicht funktionieren." Fünf Jahre gehörte Fritsche unter der Intendanz von Martin Roeder-Zerndt ab 2003 zum Ensemble des Heilbronner Theaters. Danach hat er sich als freier Schauspieler durchgeschlagen und vor zehn Jahren mit seiner Frau das Theater FF gegründet nach den Initialen ihrer Nachnamen - und als Abkürzung für "folgend" beziehungsweise "auf den nächsten Seiten". Nicht nur Klassenzimmerstücke, auch Projekte für Erwachsene erarbeiten sie als Team.

"Wir ergänzen uns und geben uns Raum", erklärt Helga Fleig, wie das funktioniert. Schließlich haben sie sich über die Arbeit kennengelernt, damals am Theater Hof, wo Fritsche sein erstes Engagement hatte und Fleig Regie führte.

Ob der Film von Schülern abgerufen wird, als Ergänzung zum Abi-Thema Reiselyrik? Und von Hölderlinfans jeglichen Alters? FF würden es sich wünschen, zumal ihre Fassung hundertpro coronatauglich ist.

Helga Fleig, 1970 in Hannover geboren und in Schleswig-Holstein aufgewachsen, hat Germanistik und Anglistik studiert und als Regisseurin gearbeitet. Thomas Fritsche, 1971 in Perleberg/Brandenburg geboren, aufgewachsen in Berlin, hat an der Staatlichen Hochschule in Stuttgart Schauspiel studiert. Seit 2011 arbeiten die beiden projektbezogen als Theater FF. Das Paar lebt in Heilbronn und hat zwei Söhne.


Claudia Ihlefeld

Claudia Ihlefeld

Autorin

Seit ihrem Volontariat bei der Heilbronner Stimme 1991 schreibt Claudia Ihlefeld überwiegend über regionale Kultur und Kulturpolitik, aber auch über nationale und internationale Kulturereignisse.

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