Heilbronnerin für Studenten-Oscar nominiert

Heilbronn/Los Angeles  Die Heilbronnerin Franziska Unger geht mit "Apocalypse Baby" beim Studenten-Oscar in der Kategorie Experimentalfilm ins Rennen. Die knapp 20-minütige Produktion wirft den Zuschauer in eine Welt der nicht allzu fernen Zukunft, die mit den Folgen des Klimawandels zu kämpfen hat.

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Dass man optisch komplett überfordert werde, mit all den Bannern, Bauchbinden und Einblendungen, räumt Franziska Unger ein. "Wir haben das aber etwas reduziert, im normalen Werbefernsehen wird man noch viel heftiger zugeballert", sagt die 33 Jahre alte Filmschaffende, "denn um Inhalte rüberzubringen, muss man eine gewisse Ruhe hineinbringen".

Mit ihrem Streifen "Apocalypse Baby, We Advertise the End of the World" ist Unger im Rennen um den Studenten-Oscar in der Kategorie Experimentalfilm. Inhalt der Groteske ist der zukünftige Umgang mit Klimawandel-Folgen. Vordergründig erzählt durch Werbung für Utensilien, die in diesem Szenario den Menschen helfen sollen.

 

Wie das Regie-Duo zusammenfand

Franziska Unger, geboren und aufgewachsen in Heilbronn, lernte in München, wo sie seit ihrem Architekturstudium lebt, die 28-jährige Camille Tricaud aus Bordeaux kennen, die an der Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) studiert. Zusammen mit ihr hat sie den Film im Rahmen eines Stipendiums an der HFF Ende Dezember 2020 fertiggestellt.

Die knapp 20-minütige Produktion wirft den Zuschauer in eine Welt der nicht allzu fernen Zukunft, die mit Klimawandelfolgen zu kämpfen hat. Als Guckloch hinein in diese Realität dient ein Format, das auch analogen Sehgewohnheiten vertraut ist: das der Dauerwerbesendung oder genauer gesagt: des Teleshopping. Dabei mimen Unger und Tricaud Moderatorinnen, kündigen einzelne Werbeclips an, haben Studiogäste, führen Schaltgespräche. Gemäß Vorbildern wie Home Shopping Europe oder QVC werden die Leiden und Plagen des Alltags angesprochen und dazu das adäquate Produkt präsentiert.

 

Irrwitzige Alltagshelfer

Da ist zum Beispiel der Clip, der den Film eröffnet: Ein paar junge Leute - eine Art Neo-Hippies - fahren mit einem roten Mercedes durch die Lande und erfreuen sich des Lebens. Beworben wird dabei eine kurios aussehende "Sauerstoffpfeife". Lifestyledroge oder heilender Inhalator? Das bleibt offen. "Wir überspitzen Produkte, die es quasi schon gibt. Sauerstoff-Bars gibt es im asiatischen Raum, in Reaktion auf Smog und Luftverschmutzung", so Franziska Unger. Der Clip wirft auch einen Blick auf die fiktive Welt da draußen: Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor sind darin weiterhin Normalität, sogar ein Tankvorgang ist zu sehen. Der fossile Antrieb bleibt unreflektiert, während man sich fit, gesund und glücklich inhalieren soll.

Heilbronnerin für Studenten-Oscar nominiert

Erwähnt sei noch ein weiteres Produkt: "Resilient Sunrise" - eine Art handlicher Elektroschocktherapie für Jedermann. Klare Stoßrichtung des Produkts: "Mensch, entwickle gefälligst Widerstandsfähigkeit!" Der Film bezieht das Wort auf seinen ursprünglichen Kontext, nämlich mentale Gesundheit.

Aber Franziska Unger betont auch, "man hat das in den Medien viel gehört, gegenüber dem Klimawandel, da müsse man resilient werden". Doch, wer nach Resilienz rufe und Entscheidungsträger sei, könne derjenige nicht etwas ändern, anstatt die Verantwortung auf die Betroffenen abzuwälzen? "Ursachen zu bearbeiten, bevor etwas passiert, ist leider nicht wirklich profitabel, aber die Reparatur lässt sich gewinnbringend vermarkten", sagt Unger. Und dann berichtet die Filmemacherin und Architektin von sogenannten "resilienten" Häusern, die man in Florida baue, um auf den ansteigenden Meeresspiegel zu reagieren.

Kreative Heimatbeziehung zur Käthchenstadt

Den Weg zum nominierten Film ebnete ein Kurzfilm, mit dem Unger und Tricaud auf Festivals auf sich aufmerksam gemacht haben. Die ersten Videoarbeiten, die Franziska Unger einem breiteren Publikum zugänglich machte, entstanden als Musikvideos für Rapper rund um das Label Wortsport, das über Jahrzehnte hinweg dem Club Mobilat in Heilbronn verbunden war.

"Zu wissen, dass wir nominiert sind, bedeutet schon, dass es wohl mit den Filmen weitergeht, dass Förderungen viel wahrscheinlicher sind", sagt Franziska Unger über ihre Wünsche fürs Filmemachen.

Informationen zum Film

www.apocalypsedelight.com


Studenten-Oscars


Erstmals vergeben wurde der Student Academy Award 1973, seit 1981 wird auch die beste ausländische Arbeit prämiert. Nicht nur die erste deutsche Nominierung, sondern als erster auch den Preis errang Wolfgang Becker mit "Schmetterlinge" 1988. Neben der Kategorie Alternativ/Experimentell, bei der das Regieduo Unger/Tricaud für die Hochschule für Fernsehen und Film München gegen zwei Filme amerikanischer Hochschulen antritt, gibt es noch weitere Kategorien: Animation, Dokumentation und Narrativ.

 

Philip-Simon Klein

Philip-Simon Klein

Volontär

Philip-Simon Klein arbeitet seit Oktober 2021 als Volontär bei der Heilbronner Stimme.

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