Heilbronner Hochschul-Rektor bringt Buch über die Ästhetik von Sandkörnern heraus

Heilbronn  Aus seiner Faszination für Sand und die mikroskopische Fotografie hat der Rektor der Hochschule Heilbronn hat einen Kunstband gemacht: "Sand by Oliver Lenzen" ist jetzt im Snoeck Verlag erschienen.

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Schalenfragment, Noumea, Neukaledonien, 2009, gekreuzte Polarisationen, 490 Mal vergrößert.

Fotos: Oliver Lenzen/Snoeck

"Sand ist ja eigentlich vollkommen uninteressant. Das macht den Charme aus", tiefstapelt Oliver Lenzen, wenn man ihn auf die Faszination anspricht, die das Sediment auf ihn ausübt, das sich überwiegend aus Mineralkörnern zusammensetzt mit einer Korngröße von 0,063 bis zwei Millimetern.

"Das Interessante ist dann doch", fährt er fort, "das Wechselspiel von Einheit und Vielheit". Seit Jahren beschäftigt sich der Rektor der Hochschule Heilbronn mit Sand - und mit mikroskopischer Fotografie. Soeben ist in der Snoeck Verlagsgesellschaft Köln "Sand by Oliver Lenzen" erschienen. Ein Band mit 70 Farbfotografien voll Schönheit und Opulenz und einem Text, der in die Geschichte und die Besonderheiten des Sands einführt samt philosophischen Betrachtungen.

Von Goethe zu Platon zu Archimedes und zurück

"In meinem Herzen bin ich auch Geisteswissenschaftler", sagt der Professor für Konstruktion und Maschinenelemente, der elegant von Goethes Farblehre über Platons Begriff der Ästhetik zu Archimedes von Syrakus springt, dem ersten Gelehrten, der sich mit Sand und Zahlen intensiver beschäftigte und Sand als Metapher für "viel" verstand.

Im Heilbronner Verlagsbüro von Snoeck in der Wildecker Straße, wo Verleger Andreas Balze lebt, führt Oliver Lenzen aus, was ihn fasziniert. "Im Sand kreuzen sich alle möglichen Disziplinen und Wissenschaften, bei näherer Beschäftigung streift man die Mineralogie, Geologie, Geomorphologie, die Optik, die Biologie." Dabei interessiert sich Lenzen vor allem für die ästhetische Dimension von Sand: also das, was er bei seinen Fotoarbeiten entdeckt. "Ich arbeite mit alten Objektiven aus den 50er Jahren und älteren sowie mit restaurierten Leitz-Mikroskopen."

Jedes Korn ist atemberaubend individuell

Von der Ästhetik eines simplen Sandkorns

Steckbriefe im Anhang des Bands geben Auskunft: Schalenfragment, Galapagos, 2010, Dunkelfeld Auflicht, 62 Mal vergrößert.

Sand nehmen wir als Ganzes wahr, als Masse, während Lenzen auf die "Individualität ihrer Komponenten" blickt. Aus ihrem Kontext herausgelöst, sind die Aufnahmen einzelner Quarzkörner, dem einen oder anderen Silikat, Calcit und wie die Sandtypen heißen, tatsächlich atemberaubend individuell. Zwar gibt es zu jedem Foto im Anhang einen Steckbrief, doch was kompliziert klingt, ist ein Angebot an den Leser, der die Aufnahmen auch ohne dieses Wissen bestaunen wird.

"Ich nenne die Aufnahmen Porträts." Warum? "Kein Sandkorn ist wie das andere. Das Porträthafte, das wir gemeinhin mit Menschen und Tieren verbinden, ist", so Lenzen, "die Spuren der Zeit aufzuzeigen". Hier trifft der Naturforscher, der sich sowohl für die wissenschaftliche Seite wie die technische begeistert, auf den Philosophen, der über "fluide Inklusionen" ins Schwärmen gerät, die, millionenfach vergrößert, wie Lebewesen im Innern eines Sandkorns wirken.

"Die Zeit hinterlässt Spuren", sagt Oliver Lenzen. Und "ich kann ein Wüstensandkorn von einem Gletschersandkorn oder Meeressandkorn unterscheiden".

Wenn Licht auf kristalline Materie trifft

Von der Ästhetik eines simplen Sandkorns

Ihn fasziniert die ästhetische Dimension des Phänomens Sand: Die mikroskopischen Fotografien von Ingenieurwissenschaftler und Weltbürger Oliver Lenzen sind jetzt beim Kunstbuchverlag Snoeck erschienen.

Foto: Mario Berger

Stellt man sich vor, dass in jeder einzelnen Sekunde auf der Erde eine Milliarde Sandkörner durch erosive Prozesse neu entsteht, begreift man, dass Lenzens Leidenschaft ein weites Feld zur Verfügung steht. Die Proben entnimmt er in entlegenen Teilen der Welt, bevor er sich mit seinem technischen Equipment ans Fotografieren macht. Und die Farbe ins Spiel kommt. "Die Farben ergeben sich, das sind Interferenzphänomene." Darüber, erinnert Lenzen, hat schon Goethe geforscht, "der sich länger mit Farbe als mit seinen Gedichten beschäftigte". "Wenn Licht auf kristalline Materie trifft, spielt sich eine Vielzahl an hochinteressanten Prozessen und Phänomenen ab."

"Das Licht - und ich - durchdringe Materie, was an sich schon seltsam ist". "Das klingt pathetisch, ist aber Quantenphysik", sagt Oliver Lenzen. Wissenschaftlich sei das, was er tut, unerheblich, da bekannt. Lenzen reizt die Veränderung, die dabei zutage tritt. "Der ästhetische Aspekt." Oder das, was Verleger Andreas Balze pragmatisch "den Effekt" nennt. "Mich interessieren die Bilder. So einfach ist das. Und, dass der Mann seine Bilder erklärt."

Schöner, schräger Kunstverein

Gemacht ist "Sand by Oliver Lenzen" wie ein klassisches Kunstbuch. "Kunst hat sich schon immer der Wissenschaft bedient", sagt Balze. "Kunst ist keine Eigenschaft, sondern eine Zuschreibung", sagt Oliver Lenzen. Seine Mitgliedschaft im örtlichen Kunstverein übrigens begründet Lenzen damit, "dass für mich die Existenz eines so schönen und schrägen Kunstvereins in Heilbronn eine Sensation ist".

"Sand by Oliver Lenzen"

Snoeck Köln, 96 Seiten, 29,80 Euro.

Zur Person

1960 in Berlin geboren, promovierte Oliver Lenzen nach dem Studium des Maschinenbaus an der Universität Stuttgart zum Thema "Hydrostatisch selbstsperrende Planetengetriebe". Nach leitenden Engagements in der Automobilindustrie ist Lenzen seit 2007 als Professor der Hochschule Heilbronn tätig, seit 2017 als Rektor. Oliver Lenzen ist verheiratet und hat zwei Kinder.

 

Claudia Ihlefeld

Claudia Ihlefeld

Autorin

Seit ihrem Volontariat bei der Heilbronner Stimme 1991 schreibt Claudia Ihlefeld überwiegend über regionale Kultur und Kulturpolitik, aber auch über nationale und internationale Kulturereignisse.

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