Handfeste Berührungen: Das Stuttgarter Ballett präsentiert sich online

Stuttgart  Vorerst nur ballett@home: Dreiteiliger Beethoven-Abend mit einer Uraufführung von Mauro Bigonzetti und zwei Choreographien von Hans van Manen. Am 18. April gibt es die nächste Premiere aus Stuttgart als Livestream.

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Moderner Klassiker: „Große Fuge“ (1971) von Hans van Manen mit Clemens Fröhlich, Rocio Aleman (hinten, links) Veronika Verterich, Agens Su, Alicia Garcia Torronertas. Foto: Stuttgarter Ballett

Sicher kann der Sozialraum Theater nicht ersetzt werden. Und doch wird die Digitalisierung für die Bühnen unausweichlich, wenngleich für kleinere Häuser kaum finanzierbar - schon ist der Begriff des Plattformkapitalismus in der Welt.

Andererseits, was die Technik möglich macht und der Lockdown notwendig, kann ein demokratisches Medium sein: Tickets für alle, die sonst keine Premierenkarte erwischen. Weil die Vorstellung ausverkauft ist, weit entfernt stattfindet, die Karten schlicht teuer sind. Wenn wie im Fall des Stuttgarter Balletts mit Porsche ein potenter Sponsor hinter dieser Weltklasse-Kompanie steht, gerät der Livestream zum kostenlosen Rundum-Paket mit Künstlern, die so intensiv und konzentriert tanzen, spürbar dankbar, nicht nur zu trainieren, sondern ein Stück auf die Bühne zu bringen.

Den Drink muss man selbst kalt stellen

Dazu gibt es das umfassende Rahmenprogramm: digitale Stückeinführung, digitales Programmheft, Backstagetour in der Pause. Nur den Drink musste man selbst kalt stellen am Osterwochenende beim jüngsten, bisher dritten Angebot ballet@home aus Stuttgart.

Nun wartet ein hinreißend getanzter Beethoven-Abend mit zwei Meisterstücken von Hans van Manen und einer Uraufführung von Mauro Bigonzetti auf Wiederholung vor Publikum im Stuttgarter Schauspielhaus. Nur das Rahmenprogramm ist online noch zu haben. Mehrfach hatte das Stuttgarter Ballett seine Hommage an Ludwig van Beethoven verschoben, dessen 250. Geburtstag im vergangenen, ersten Corona-Jahr vielerorts ins Wasser fiel.

Handfeste Berührungen: Das Stuttgarter Ballett präsentiert sich online
Zeitlos abstrakt: „Adagio Hammerklavier“ von Hans van Manen aus dem Jahr 1973 mit Anna Osadcenko und David Moore. Foto: Stuttgarter Ballett

Triple Bill nennt man dreiteilige Tanzprogramme, wohl noch nie allerdings dürfte sich ein ganzer Abend ausschließlich dem als untanzbar geltenden Komponisten gewidmet haben. "Der Tanz sollte den Beethoven in Ruhe lassen, zu seiner Musik kann man nicht choreographieren", hat die Choreographen-Legende George Balanchine (1904-1983) einst das Verdikt gefällt.

Jede Körperlinie zoomt die Kamera heran

Jetzt sitzt der Zuschauer zu Hause in der ersten Reihe, während die Kamera gnadenlos und messerscharf jede Körperlinie der Tänzer heranzoomt, Heben und Senken des Brustkorbs, atemberaubende Sprünge, Drehungen, die kleinste Geste und ernsthafte ruhige Mimik.

Hans van Manen hat Anfang der 70er Jahre mit "Adagio Hammerklavier" und "Große Fuge" gleich zwei Werke aus Beethovens Kanon choreographiert, gerade das formal Abstrakte faszinierte den Niederländer, dessen Credo "Aktion - Reaktion. Alles gehorcht diesem Prinzip" in beiden Stücken, die den Abend umrahmen, aufs Feinste zu studieren ist. Anna Osadcenko und David Moore, Miriam Kacerova und Roman Novitzky, Elisa Bedenes und Jason Reilly sind die souveränen Paare, die das Prinzip zeitlos abstrakt in Ruhe und Balance übersetzen.

Mit gestischer Leichtigkeit, ausgreifenden Schritten fast wie im Modern Dance, eignen sich vier Paare den angriffslustigen Ton der "Großen Fuge" an, die Männer mit schwarzem Rock und definiertem Muskelspiel, die Frauen im cremefarbenen Trikot, erhaben elegant.

Handfeste Berührungen: Das Stuttgarter Ballett präsentiert sich online
Regelmäßige Covid-19-Tests und strenge Vorsichtsmaßnahmen machen es möglich: Uraufführung von Bigonzettis „Einssein“ mit Elisa Badenes und Friedemann Vogel. Foto: Stuttgarter Ballett

Verspielt und leidenschaftlich

Verspielt, leidenschaftlich, mit handfesten Umarmungen und Verschränkungen mit den Beinen und dann wieder revuehaft fließend, gefällt die Uraufführung "Einssein" von Mauro Bigonzetti. Drei Klaviersonaten hat Bigonzetti ausgewählt und aus dem Sperrigen das Expressive destilliert, wobei Andrej Jussow als Pianist nicht minder glänzt als die formidabel trainierten Tänzer.

Die lehnen als Gruppe lässig verträumt am Flügel, während sich einzelne Paare herauslösen und zu intensiven Duetten aufschwingen. Lichteffekte und stimmungsvolle Schnitte unterstreichen den Flow, wenn sich Elisa Badenes und Friedemann Vogel, Vittoria Girelli und Alessandro Giaquinto sowie zwei weitere Paare umgarnen, bis sie erneut im Tross elegisch und forsch den Raum durchmessen. Man wünscht ihnen viel Live-Publikum.

Nach "Beethoven-Ballette" präsentieren sieben Nachwuchs-Choreographen beim Livestream am 18. April, 18 Uhr, neue Werke auf der Webseite und dem Youtube-Kanal des Stuttgarter Balletts. Der Abend ist bis 22. April kostenlos verfügbar. Das Format Junge Choreographen war 1961 weltweit die erste Plattform für Choreographenförderung.


Claudia Ihlefeld

Claudia Ihlefeld

Autorin

Seit ihrem Volontariat bei der Heilbronner Stimme 1991 schreibt Claudia Ihlefeld überwiegend über regionale Kultur und Kulturpolitik, aber auch über nationale und internationale Kulturereignisse.

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