Große Emotionen bei den Festspielen in Salzburg

Meinung  Mit zwei starken Produktionen unterstreichen die Festspiele am Wochende ihr Verständnis als Festival der Vielfalt. Friedrich Schillers "Maria Stuart" und Luigi Nonos Oper "Intolleranza 1960" sorgen für Begeisterung beim Publikum.

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Überwältigungsmusik mit Bildern, die den Zuschauer frontal ansprechen: Luigi Nonos "Intolleranza 1960" in der Felsenreitschule als Gesamtkunstwerk aus Gesang und Tanz.

Vor über 220 Jahren verhandelte Friedrich Schillers Politthriller "Maria Stuart", was Freiheit ist, was politische Macht und wo sie endet. Und das am Schicksal zweier Frauen, zweier Königinnen, die Marionetten sind in einer toxischen Männergesellschaft. Seine Unzufriedenheit mit den Machtverhältnissen Nachkriegseuropas drückte Luigi Nono in seiner Oper "Intolleranza 1960" aus, die der italienische Komponist als "azione scenica" bezeichnet hat. Schon die Begriffe Aktion und szenisch markieren den Anspruch von Nonos politisch-künstlerischen Ästhetik. Mit diesen zwei starken Produktionen unterstreicht Salzburg noch einmal, dass es sich als Festival der Vielfalt versteht.

Für Begeisterung sorgt am Samstag "Maria Stuart", auch, weil Regisseur und Burgtheater-Chef Martin Kusej kein Freund von Überschreibungen ist, dafür texttreu nah an Schiller arbeitet. Dass er das gut sechs-Stunden-Trauerspiel für die Pernerinsel auf zwei Stunden und vierzig Minuten ohne Pause streicht, ist gängige Aufführungspraxis. Schillers Pathos und historische Überzeichnung der Figuren sind die Steilvorlage für starke Bilder, die ziemlich genial an der Grenze zum Kitsch vorbeisegeln.

30 nackte Männer auf der Bühne

Große Emotionen bei den Festspielen in Salzburg

Königin von England zwar, doch Spielball einer toxisch dominanten Männergesellschaft: Bibiana Beglau ist Elisabeth in Martin Kusejs textkonzentrierter Inszenierung von Schillers Politdrama "Maria Stuart".

Fotos: Festspiele Salzburg

Kusej seziert die Mechanismen, die ein Herrschaftssystem zusammenhalten, arbeitet mit Lichtkontrasten, Musik, choreographierten Menschenmassen und Blackouts, die die Szenen scharf abgrenzen. Wie die Kommunarden der Berliner Kommune 1 dominieren 30 nackte Männer die Bühne, ein klaustrophobischer Raum, die drehbaren Wände sind am Ende Spiegel. Diese 30 Komparsen sind fleischgewordene Kulisse, illustrieren martialisch stumm, dass Elisabeth, Königin von England, wie auch Maria, Königin von Schottland, zwar an der Spitze eines Systems stehen, doch Manipulationsgut sind in einer Männerwelt.

Angesiedelt in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts in England, wo, wie überall in Europa, Anhänger der Reformationsbewegung und papsttreue Katholiken um Einfluss kämpfen, zeichnet Kusej das Psychogramm der Machtprofiteure und ihrer Opfer - wobei die Grenzen fließend sind. Das geköpfte Haupt Marias pendelt über der Bühne, die Nackten atmen rhythmisch durch Sauerstoffmasken. Ein Kommentar zur Pandemie? Oder, dass die Luft, je höher man kommt, dünner wird?

Rückblickend werden die letzten Tage Maria Stuarts erzählt, die aus Schottland schutzsuchend nach England geflüchtet war und im Gefängnis landete. Trotzig stolz, mit rauer Stimme macht Birgit Minichmayr klar, dass man Maria schlecht behandeln kann, aber nicht demütigen. Bibiana Beglau ist ihre Widersacherin Elisabeth. Von ihrem Beraterstab vor sich hergetrieben, ist Elisabeth eine verunsicherte Seele.

Wenn Beglau nach Marias Hinrichtung im roten Schlauchkleid an die Einsamkeit einer Marilyn Monroe erinnert und am Boden kauernd nicht "Thanks Mr. President", sondern wenige Takte der englischen Nationalhymne ("God save the Queen") summt, geht das unter die Haut.

Ein Klangraumerlebnis mit bildstarken Schaueffekten

Eine noch heftigere Attacke auf die Emotion des Publikums ist die körperbetonte Inszenierung Jan Lauwers von Luigi Nonos "Intolleranza 1960" am Sonntag in der Felsenreitschule. Der belgische Theatermacher und Choreograph, der auch Bühne und Live-Video verantwortet, und Dirigent Ingo Metzmacher, der souveräne Anwalt der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts, begreifen Nonos szenische Aktion als Gesamtkunstwerk aus Gesang und Tanz. Ein Klangraumerlebnis mit bildstarken Schaueffekten, exzellenten Solisten, den souveränen Wiener Philharmonikern und dem famosen Wiener Staatsopernchor.

Nonos Komposition ist Überwältigungsmusik und von seiner politischen Haltung nicht zu zu trennen. Das Stück erzählt von einem Auswanderer (emigrante), den Heimweh zurücktreibt. Dabei gerät er in eine antifaschistische Demonstration, wird verhaftet und gefoltert. Er flieht und gerät in eine Flutwelle.

Nonos Schilderung der humanitären Katastrophe, die folgt, ist inzwischen 60 Jahre alt und braucht keine Aktualisierung, um als Intolleranza 2021 durchzugehen. Knapp 170 Menschen sind auf der 48 Meter breiten Bühne: Tänzer aus verschiedenen Ensembles, Sänger, Chor, links und rechts Schlagwerker. Migration, Bewegung und Menschen, die auf dem Weg sind, sind Lauwers Thema. Die Figur des blinden Dichters - und Sehers - ist sein Einfall.

Auf aufwühlende Chorpartien folgen sinnlich-poetische Momente, kontrastiert durch Schlagwerkpartien, archaisch brodelnde Streicher- und Bläsertutti. Als Interpreten von Nonos so anspruchsvollen Solo-Singstimmen ragen Sean Panikkar (Emigrant) und Sarah Maria Sun (seine Gefährtin) heraus. Begeisterter Applaus nach 80 Minuten.

 

Claudia Ihlefeld

Claudia Ihlefeld

Autorin

Seit ihrem Volontariat bei der Heilbronner Stimme 1991 schreibt Claudia Ihlefeld überwiegend über regionale Kultur und Kulturpolitik, aber auch über nationale und internationale Kulturereignisse.

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