Grenzgänger und Sprachrevolutionäre: Eine Tagung zu Hölderlin und Kleist

Heilbronn  Kommende Woche findet im Literaturhaus Heilbronn eine internationale Tagung zu zwei Genies und Sonderlingen der Literatur um 1800 statt. Was ihn an Hölderlin und Kleist so fasziniert, erläutert der Literaturwissenschaftler Rüdiger Görner im Interview.

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Die beiden großen Unverstandenen der Literatur um 1800: hier Friedrich Hölderlin.

Friedrich Hölderlin und Heinrich von Kleist: Die beiden großen Unverstandenen der Literatur um 1800 stehen im Zentrum einer Tagung des Heilbronner Literaturhauses kommende Woche. Was verbindet die beiden Genies und Sonderlinge, was trennt die Dichter, denen auf Erden nicht zu helfen war? Mit dem Literaturwissenschaftler Rüdiger Görner haben wir uns über Grenzgänger, Gewalt und Grazie bei Kleist und Hölderlin als Revolutionär der Sprache unterhalten.

Was zeichnet einen Grenzgänger aus, einen Denker im Dazwischen?

Rüdiger Görner: Das Dazwischen oder "in between" ist eine Erfahrung, die junge Schriftsteller um 1800 auf besondere Weise gemacht haben. Wie das eigene Ich positionieren? Wie mit Zwängen umgehen, mit den autoritären Zügen der Zeit? Hinzu kam das Nachbeben der Französischen Revolution. Sich zwischen diesen Extremen zu verorten, zeichnete den Grenzgänger aus.


Welche Rolle spielt Hölderlins psychische Krankheit? Eine Weltflucht?

Görner: Man könnte behaupten, Hölderlin habe sich gerettet. Hölderlins Geisteskrankheit wird ja immer wieder diskutiert, man kann darüber spekulieren. Dass er sich der politischen Verfolgung durch die Obrigkeit entziehen wollte, steht außer Frage. Ob er sich darüber hinaus in einen Verfolgungswahn geflüchtet hat, muss offen bleiben. Wir haben uns mit dem abzufinden, was vorliegt. Und es liegt immens viel vor. Hölderlin war auch in sprachlicher Hinsicht ein Grenzgänger. So wie er, dichtete keiner zu seiner Zeit. So wie er, sprach keiner.


Auch Kleist scheint psychisch nicht stabil. Wie sonst ließe sich seine Form der Flucht in den Freitod erklären?

Görner: Auch bei Kleist ist es schwierig, dazu Verbindliches zu sagen. Wir wissen nicht, wie es um ihn stand, inwiefern Henriette Vogel seine Todesekstase teilte, seine Gefährtin im Suizid. Wieder sind wir auf die Texte angewiesen und auf Kleists Sprache des Extremen.


Welche Extreme?

Görner: Es ist das Reißende in seiner Sprache, das das Reißende in der Seele widerspiegelt. Nehmen wir "Das Käthchen von Heilbronn", ein wie ich meine verharmloster Text, was falsch ist. Da sagt an einer Stelle Käthchen zum Grafen vom Strahl: "Und läge ich so wie ich vor dir jetzt liege vor meinem eigenen Bewusstsein." Was für ein Bekenntnis, wenn man das am Sprachhorizont seiner Zeit misst.

 

Grenzgänger und Sprachrevolutionäre: Eine Tagung zu Hölderlin und Kleist
Die beiden großen Unverstandenen der Literatur um 1800: hier Heinrich von Kleist.

Bei Kleist, dem Dichter von Mord und Totschlag, fällt die Gegensätzlichkeit von Gewalt und Anmut auf.

Görner: Die Spannung zwischen Gewalt und Grazie, diese Gegensätzlichkeit erscheint mir sehr wichtig. Kleist ist eben nicht der Dichter von Mord und Totschlag, denn selbst bei gewissen Stellen etwa in "Die Herrmannsschlacht" entdeckt man das Grazile in der Wortbehandlung. Das subtil Gesagte kann messerscharf sein, die Grazie kann verletzen.

Auch Friedrich Hölderlin ist ein Meister des Subtilen...

Görner: ... vor allem ein Meister des subtilen Vergleichs. Wir sind dieser Subtilität heute entwöhnt durch eine maßlos vergröberte Sprache.


"Hölderlin und die Folgen" lautet der Titel einer Ihrer Publikationen. Was sind Folgen des in Lauffen am Neckar geborenen Dichters?

Görner: Eine Schärfung des Sprachbewusstseins. Eine Vorstellung, wie deutsche Sprache klingen kann. So war etwa Bertolt Brecht voll des Lobes für Hölderlins Sophokles-Übersetzung. Eine weitere Folge ist: Hölderlin zeigt uns, was Revolution im Sprechen heißt.


Würde Hölderlin heute gendern?

Görner: Nein. Ganz und gar nicht. Gendern ist keine Revolution, sondern Zumutung, weil Verkennung sprachgeschichtlicher Zusammenhänge. Wenn Hölderlin, aber auch Kleist die Sprache revolutionierte, dann in Grammatik und Rhythmus.


Hölderlin wäre, wie ich meine, solch eine Zumutung durchaus zuzutrauen. Beide Dichter trennten nur sieben Lebensjahre. Kannten sie einander?

Görner: Mit großer Wahrscheinlichkeit kannten sie sich nicht. In meinem Beitrag zur Tagung frage ich spekulativ, wie wären die beiden im Gespräch? Wie würden sich Hölderlin und Kleist verständigen? Ich kann mir das bei allem Trennenden gut vorstellen. Hölderlin ist zwar der bescheidenere Schwabe hinsichtlich seiner Ambitionen, sich mit anderen Dichtern gleichzusetzen. In seiner Sprache aber ist Hölderlin ganz und gar nicht bescheiden.


Beide gelten in ihrem Querstehen zu gesellschaftlichen Erwartungen als Avantgarde. Was daran ist modern?

Görner: Dass sie sich ihrer Zeit ausgesetzt haben. Dass sie vor aller Augen ihr Ich, ihr Bewusstsein offenbarten. Im Aufbegehren gegen Konventionen haben sie sich existenziell exponiert. Beide waren ungemein zeitkritisch, wenngleich Hölderlin nicht am Tagesgeschehen interessiert war wie Kleist. Dabei hingen sie keinen Modethemen nach, folgten keinen Trends. In dieser Hinsicht waren sie antimodern. Vielmehr setzten beide eigene Maßstäbe.


Seit den 80er Jahren leben und lehren Sie in Großbritannien. Welche Rolle spielt deutsche Literatur in England?

Görner: Eine zunehmend marginale Rolle. Wir betreiben in unseren Instituten hier missionarische Arbeit.


Spüren Sie die Folgen des Brexit?

Görner: Unbedingt. Das Abkappen des Erasmus-Programms als eine der Folgen ist eine Katastrophe. Die Zahl der Studenten aus Kontinentaleuropa ist um die Hälfe geschrumpft. Die britische Regierung und die Universitäten setzen auf Studenten hauptsächlich aus Asien, die mit Staatsstipendien ihrer Länder kommen und die inzwischen horrenden Studiengebühren ohne Murren akzeptieren.

Rüdiger Görner, 1957 in Rottweil geboren, studierte Germanistik, Geschichte, Philosophie und Anglistik. Seit 1981 lebt er in London. Der Professor an der Queen Mary University ist Gründungsdirektor des Zentrums für britisch-deutsche Kulturbeziehungen.

Am Donnerstag, 21. Oktober, beginnt die dreitägige wissenschaftliche Tagung "'Seit ein Gespräch wir sind'. Friedrich Hölderlin und Heinrich von Kleist im Dialog". Geplant zum Hölderlin-Jahr 2020 und zur Eröffnung des Literaturhauses am Trappensee, bringt die nachgeholte Tagung zwei Solitäre der Literaturgeschichte zusammen: den im schwäbischen Lauffen geborenen Friedrich Hölderlin (1770-1843), Sohn eines Klosterverwalters, und den im brandenburgischen Frankfurt/Oder geborenen Offizierssohn Heinrich von Kleist (1777-1811). Lehrstuhlinhaber sowie Hölderlin- und Kleist-Experten wie Rüdiger Görner (London), Alexander Honold, Manfred Koch (beide Basel), Walter Erhart (Bielefeld), Justus Fetscher (Mannheim) und Rolf-Peter Janz (Berlin) sind Tagungsteilnehmer.

Dabei sind zudem Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der jüngeren Generation wie Kay Wolfinger (München), Moritz Strohschneider (Tübingen), Adrian Robanus (Frankfurt/Oder)) sowie Inka Kording (Flein). Die Vorträge werden um zwei Lesungen ergänzt: Am Donnerstag, 18 Uhr, liest im Festsaal der Gaststätte Trappensee mit José F. A. Oliver der aktuelle Heinrich-Böll-Preisträger aus "zum Bleiben, wie zum Wandern - Hölderlin, theurer Freund". Zum Abschluss am Samstag, 11 Uhr, liest im Literaturhaus Katrin Seglitz aus ihrer Erzählung "Nuit Blanche". Die Tagung findet hybrid statt, vor Ort sind auch begrenzt Plätze zur kostenfreien Teilnahme verfügbar. Anmeldung über E-Mail an literaturhaus@heilbronn.de oder Telefon 07131/56-2668. Weitere Informationen zu den einzelnen Vorträgen gibt es unter www.literaturhaus.heilbronn.de.

 

Claudia Ihlefeld

Claudia Ihlefeld

Autorin

Seit ihrem Volontariat bei der Heilbronner Stimme 1991 schreibt Claudia Ihlefeld überwiegend über regionale Kultur und Kulturpolitik, aber auch über nationale und internationale Kulturereignisse.

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