Festakt zur Eröffnung des Heilbronner Literaturhauses im Deutschhof

Heilbronn  Eine Marke wie das Tollhaus: Zum Auftakt eines langen Eröffnungswochenendes werden im Deutschhof das neue Literaturhaus, Bürgersinn und Widerspruch gefeiert. Büchnerpreisträger Arnold Stadler liest aus einem noch nicht veröffentlichten Buch.

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Reden, Danksagungen, eine Lesung und dazu musikalische Zwischentöne mit Beethoven und Stefan Schubert (links), Irene Lachner und Georg Oyen vom Württembergischen Kammerorchester Heilbronn.

"Warum alles in der Welt braucht Heilbronn ein Literaturhaus?", provoziert Rainer Moritz. Und liefert gute Argumente für seine rhetorische Frage.

Der Leiter des Hamburger Literaturhauses und gebürtige Heilbronner Moritz ist wie Büchnerpreisträger Arnold Stadler Special Guest an diesem Freitagabend vor gut 180 Gästen und Literaturfreunden. Mehr dürfen es nicht sein im Deutschhof in Zeiten von Corona - das Interesse an der Auftaktveranstaltung zum langen Wochenende zur Eröffnung des Heilbronner Literaturhauses im Trappenseeschloss liegt um ein Mehrfaches höher.

Aus dem oberschwäbischen Geniewinkel

Wohl nur der langjährigen Freundschaft zwischen Anton Knittel, dem ambitionierten Leiter des neuen Literaturhauses, und Arnold Stadler ist es zu verdanken, dass der Autor aus Meßkirch - dem "oberschwäbischen Geniewinkel", wie Knittel schwelgt -, zum Abschluss aus seinem noch unveröffentlichten Roman "Am siebten Tag flog ich zurück" lesen wird. Ein echter Stadler, beiläufig lakonisch und vorgetragen im allemannischen Tonfall - zum ersten Mal überhaupt vor Publikum.

Zuvor aber gibt es erst einmal die obligatorischen Danksagungen und Lobeshymnen, die mit der Eröffnung einer Institution einhergehen, die so selbstverständlich für Heilbronn nicht ist. Zur musikalischen Umrahmung interpretieren die WKO-Musiker Irene Lachner, Georg Oyen und Stefan Schubert Streichertrios von Beethoven.

Stolz und Freude sind greifbar

Auch wenn nach diesem Wochenende das Literaturhaus im Schlösschen am Trappensee für das Publikum bis 1. September wieder schließt, weil Umbau und Sanierung noch nicht abgeschlossen sind, sind Stolz und Freude greifbar.

"Nur sieben Jahre hat es von der Vision bis zur Verwirklichung eines Literaturhauses in Heilbronn gebraucht", feiert Oberbürgermeister Harry Mergel das neue "kulturelle Aushängeschild" der Stadt. Worte wie Bürgerstolz und Gemeinsinn fallen, aber auch die Einsicht: "Vieles, was eine Uni-Stadt ausmacht, müssen wir uns noch erkämpfen." Mergels Dank und Anerkennung gilt vielen, aber vor allem dem Engagement und der Sachkompetenz des neuen Leiters.

"Zu viel Weihrauch schwärzt den Heiligen", kontert ein spürbar bewegter Anton Knittel. "Literaturveranstaltungen sind soziale Praxis, sie brauchen den Austausch, unerwartete Begegnungen und Momente, nicht den Elfenbeinturm", unterstreicht Knittel sein Konzept.

Heilbronn und die Literatur? Kein leichtes Feld

Warum nun "alles in der Welt" braucht Heilbronn ein Literaturhaus? Zumal es immer schon Auftritte von Schriftstellern gab, wie sich Rainer Moritz in einer "kleinen Grundsatzrede" an seine erste Lesung als 17-Jähriger erinnert, mit keinem Geringeren als Manfred Bieler, der in der Buchhandlung Determann aus "Der Mädchenkrieg" las. Heilbronn und die Literatur sei kein leichtes Feld, immerhin widmet Goethe der Stadt, in der er sich eineinhalb Tage aufgehalten hat, sechs Seiten in seiner "Italienischen Reise". Kleist dagegen war nie in Heilbronn, setzt aber den Namen der Stadt in den Titel seines Dramas "Das Käthchen von Heilbronn".

Wäre da noch das denkwürdige Gedicht von Gabriele Wohmann, 1978 in dem Band "Grund zur Aufregung" erschienen, das so hoffnungsvoll beginnt mit der Zeile "Plötzlich auf dem Bahnhof von Heilbronn", um so niederschmetternd lapidar zu enden: "Rechtzeitig bin ich abgefahren." Viel hat sich seitdem in Heilbronn getan, gerät Rainer Moritz ins Schwärmen. Ohne Frage würde das neue Literaturhaus am Trappensee einer Gabriele Wohmann gefallen.

Über 40 Literaturhäuser gibt es inzwischen in Deutschland

Suchte man vor 15 Jahren vergeblich im Duden nach dem Wort Literaturhaus, ist der Begriff heute ein stehender, eine Marke wie Tollhaus, Baumhaus oder Freudenhaus, gibt Moritz zu bedenken. Über 40 Literaturhäuser zählt Deutschland inzwischen. 1986 wurde das erste in Berlin eröffnet, Hamburg folgte 1989. Nicht als Weiheort, vielmehr als Ort für Begegnungen jeder Art soll ein Literaturhaus Schwellenängste abbauen. "Aber auch seinen literarischen Anspruch spiegeln und sich nicht klein machen."

Wie weit der Literaturbegriff eines Literaturhauses geht, hängt auch vom jeweiligen Leiter ab. Eine Warnung spricht Rainer Moritz noch aus: "Ein Literaturhaus ist kein Ornament, auch wenn es im Schlösschen ist. Sondern ein Forum der Auseinandersetzung, des Streits." "Stachel im Fleisch sein", auch das wünscht Moritz dem Literaturhaus seiner Geburtsstadt und zitiert programmatisch Franz Kafka: "Ich glaube, man sollte überhaupt nur solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen."


Premiere: Warum sich ein promovierter Träumer an einen Wandteller erinnert von einem Ausflug nach Tripsdrill und was ihm widerfährt, als er vom Bodensee nach Bremen über Kilimandscharo International fliegt und dort ein älteres Ehepaar aus Basel kennenlernt und zwei junge Frauen aus Südtirol, davon erzählt Arnold Stadler in seinem noch unveröffentlichten Roman "Am siebten Tag flog ich zurück". "Deine Premiere zu unserer Premiere", begrüßt Anton Knittel den Büchnerpreisträger am Eröffnungsabend. Stadler liest von der Ankunft des Ich-Erzählers auf dem Airport und aus Manuskriptseiten über den sechsten Tag, berichtet ironisch vom "struggle of life", macht einen Schlenker zu Papst Benedikt und Alfred Andersch. Was dazwischen geschieht, ist ab Februar 2021 im Verlag S. Fischer nachzulesen.

Festakt zur Eröffnung des Heilbronner Literaturhauses im Deutschhof

Mit gebührendem Corona-Abstand: Büchnerpreisträger und Autor Arnold Stadler (links), Heilbronns Literaturhauschef Anton Knittel und Rainer Moritz, Leiter des Literaturhauses Hamburg.

Fotos: Mario Berger


Claudia Ihlefeld

Claudia Ihlefeld

Autorin

Seit ihrem Volontariat bei der Heilbronner Stimme 1991 schreibt Claudia Ihlefeld überwiegend über regionale Kultur und Kulturpolitik, aber auch über nationale und internationale Kulturereignisse.

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