Faszination Verwandlung: Neue Ausstellung im Kunstverein

Heilbronn  Katja Davar verwandelt die Räume im Kunstverein Heilbronn in eine flimmernde Bühne: Die Ausstellung "Notes from a Flickering Stage" öffnet am Sonntag coronabedingt auf dem Platz vor der Kunsthalle Vogelmann.

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"Für mich sind Film, Zeichnung und Malerei eins": Wie aus einem Guss wirken die Videoinstallationen und die großformatigen Zeichnungen von Katja Davar im Kunstverein Heilbronn. Foto: Matthias Heibel

Film, Zeichnung, Malerei: "Für mich sind diese Medien eins", sagt Katja Davar. Die Künstlerin aus Köln und Professorin für Experimentelles Zeichnen an der Hochschule Mainz beschäftigt sich mit Metamorphosen: mit der Verwandlung von Material, Natur und Struktur.

"Es ist interessant, wie Kreativität und Technik Hand in Hand gehen", sagt die Britin, die im Kunstverein Heilbronn ihre Ausstellung "Notes from a Flickering Stage" aufbaut. Einen Tag sind Davar und ihr Techniker im Plan hinterher, bis zur Eröffnung am Sonntag ist die Gesamtinstallation aus zwei großen, frei hängenden Filmprojektionen, kleineren Monitoren, Zeichnungen und Stoffbahnen fertig. In Köln hat sich Katja Davar einem Corona-Schnelltest unterzogen. Dass der englische Wortschatz neben "Blitzkrieg" und "Kindergarten" nun mit "Stoßlüftung" und "Querlüftung" - besser bekannt als Durchzug - weitere deutsche Wörter übernommen hat, findet sie kurios. Und erzählt dann aber von ihrer künstlerischen Arbeit.

Wie ein roter Faden

Das lautmalerische "Notes from a Flickering Stage" - etwa Notizen von einer flimmernden Bühne - trifft den Kern von Davars bewegten Bildern. Schimmernde Verwandlung, die kühle Ästhetik der Technologie und Naturerfahrung ziehen sich als roter Faden durch ihr Werk. Auf den großformatigen Zeichnungen im ersten Raum variiert Davar Faltungen, Entfaltungen, Knoten und Figuren.

"Ich begreife meine Zeichnungen als Denkbewegung." Ihre Videos im abgedunkelten Raum daneben versteht sie als "animierte Zeichnungen". Von den frei hängenden, projizierten Filminstallationen geht eine psychedelische Sogwirkung aus. Der Film "Tugs on a Thread" zeigt ein Wesen, das wie in Zeitlupe seine Flügel bewegt. Während wir instinktiv Schmetterling assoziieren, sehen wir aber auch eine abstrakte Form, auf dem Meeresgrund oder im All.

Slow Motion durch High Speed

Wenngleich die Bilder streng formal sind, lassen sie das Unscharfe zu, als spielten sie mit dem Zufall. Mit einer Hochgeschwindigkeits-Kamera schafft die Künstlerin berauschende Filmsequenzen. Slow Motion durch High Speed: Es klingt paradox, ist aber Technik, wenn Katja Davar mit bis zu 3000 Einzelbildern pro Sekunde eine extrem verlangsamte Darstellung der Bewegung provoziert. Da schwebt dann ein Stoff in seiner Bewegung im Raum, dehnt und entfaltet sich.

Ausstellungseröffnung

Sonntag, 11 Uhr, Kunstverein Heilbronn, Allee 28, Vorplatz Kunsthalle.

Auf vier kleinen Monitoren an der Wand gegenüber zeigen Filme der Tänzerin und Choreographin Loie Fuller, auf wen sich Davar historisch bezieht. Fuller war um 1900 nicht nur eine Pionierin des Modernen Tanzes, sie entwickelte ein Lichtsystem unter der Bühne, dessen farbige Effekte ihre Kostüme und Choreographien inszenierten.

"Damals hat sich das technische Verständnis der Menschen enorm gewandelt", sagt Davar und schwärmt von der "Errungenschaft Bewegungsbild". Ob sie eine besonderen Affinität für Bühnenkünste pflegt? Nicht wirklich, "mich faszinieren die Magie und die ,special effects"." Bei Katja Davar spielen neben der Bewegung das Material eine Rolle und das Handwerkliche.

Dahinfließender Sound

Davars Bewegungsbilder kommen ganz ohne Körper aus. Ihre Stoffe wirken seidig leicht, sind aber synthetische, weiße Stoffe, die sie bemalt. Davars "Notes from a Flickering Stage" verwandeln den Kunstverein in eine pulsierende Bühne: eine surreale Atmosphäre, die ein dahinfließender, computergenerierter Sound noch verdichtet.

Zur Person

Katja Davar, 1968 in London geboren, studierte dort an der Central Saint Martins School of Art und an der Kunstakademie Düsseldorf. An der Kunsthochschule für Medien Köln absolvierte sie anschließend ein Postgraduiertenstudium im Bereich Audiovisuelle Medien. Seit 2012 ist Katja Davar Professorin für Experimentelles Zeichnen an der Hochschule Mainz. Sie lebt mit ihrer Familie in Köln. Davar zeichnet Gemälde, malt Zeichnungen und erforscht deren zeitliche Komponente in Videoarbeiten. Metamorphosen jeder Art stehen im Zentrum ihrer künstlerischen Arbeit.


Claudia Ihlefeld

Claudia Ihlefeld

Autorin

Seit ihrem Volontariat bei der Heilbronner Stimme 1991 schreibt Claudia Ihlefeld überwiegend über regionale Kultur und Kulturpolitik, aber auch über nationale und internationale Kulturereignisse.

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