Familien-Musical Captian Silberzahn gastiert in der Heilbronner Harmonie

Heilbronn  Mit viel Slapstick und Klamauk begeistert das Musical 80 Kinder und deren Eltern. Kalauer erreichen die Erwachsenen, den Nachwuchs freuen die Mitmachelemente. Dass dabei auf lautes Rufen gesetzt wird, irritiert.

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Großmaul auf hoher See: Espen Nowacki mimt Silberzahn als nervigen aber beschränkten Boss, bald übertrumpft vom Gehilfen (Michael Müller).

Foto: Andreas Veigel

Captain Silberzahn (Espen Nowacki) ist ein Stromberg im Gewand eines Jack Sparrows: unbeholfen, dabei großsprecherisch, herrisch aber planlos. Und nicht einmal auf Zehn zählen kann er. Da lachen alle Kinder. Apropos planlos: Den Plan los ist er auch. Angelandet auf einer vermeintlich einsamen Insel wird ihm und seinem Adjutanten (Michael Müller) die Schatzkarte von einer adretten Inselbewohnerin (Eva Kuperion) entwendet. Also nichts wie hinterher.

Das Musical der Produktionsfirma Wacky aus Pfronten, deren Geschäftsführer und Autor Espen Nowacki auch ist, entführt am Samstagnachmittag in die Welt der Freibeuter. Mit 120 Besuchern ist fast die Hälfte der verfügbaren Plätze gefüllt, die Gruppen sind durch frei gehaltene Stühle voneinander abtrennt. Es ist zu erfahren, dass man sich andernorts hingegen bereits mit 60 oder 80 Besuchern zufrieden geben musste.

Direkte Ansprache und Shanty-Schwerpunkt bei den Songs

Die in Eigenkomposition verfassten gut 15 Songs haben eine kaum verwundernde shantyhaft-schunkelbare Schlagseite. Den Vorzug der Niederschwelligkeit des Shanty macht sich das Stück durchgehend zu eigen. Die drei- bis zehnjährigen Kinder im Publikum werden nach Ideen gefragt, zum Tanzen und Singen animiert und auch fürs Wachehalten eingebunden, wenn es heißt, vor der Gefahr der nahenden Piraten zu warnen. Oder zum Zählen, wenn der Kapitän scheitert, eine gewisse Anzahl von Schritten zu tun.

Wiewohl alle drei Darsteller die vierte Wand durchbrechen, gelingt es Eva Kuperion als Insulanerin Prinzessin Mirabella besonders gut, Fragen an das kindliche Publikum zu richten und dessen Impulse sinnvoll ins eigene Spiel zu integrieren.

Die Mitmachelemente sind stark betont und es ist spürbar, wie sehr das die Kinder freut. Ob es in der gegenwärtigen Pandemielage allerdings tatsächlich angebracht ist, dass gut 80 Kinder ohne Masken - angeheizt von den Musicaldarstellern - um die Wette schreien sollen, sei dahingestellt, insbesondere bei einer Tournee.

Blitz-Entwicklung vom Tollpatsch zum Gentleman

Der beschwingte Grundtenor des Stückes überwiegt. Kalauer gibt es für die Erwachsenen, da heißt der Kahn dann schon einmal Oliver, oder zum in der Songzeile auftauchenden Passat mutmaßt ein Charakter, es handele sich um ein Auto.

Zwar wird das Image des selbstverliebten Pirats erschüttert, allerdings im Zuge einer recht gewollten Auflösung mit kruder Psychologisierung getreu dem Motto: "Niemand mag mich, darum bin ich böse". Vergleichbar plötzlich wie unterkomplex dominiert die letzten Minuten eine Liebesgeschichte.

Dabei ist die Emanzipation des vormals tollpatschigen Gehilfen zwar konsequent für die Entwicklung gegenüber dem titelgebenden Freibeuter, trägt aber mitnichten die Erzählung der romantischen Anbändelei. Und so markiert nicht die eine Fechtszene, sondern ein kleines Liebesduett das Finale des Musicals.


Philip-Simon Klein

Philip-Simon Klein

Volontär

Philip-Simon Klein arbeitet seit Oktober 2021 als Volontär bei der Heilbronner Stimme.

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