Essay über Orplid: Kurt Oesterle stellt im Literaturhaus sein neues Buch vor

Heilbronn  In "Der erste König von Orplid" zeichnet Kurt Oesterle die Entstehungsgeschichte der mythisch-poetischen Insel nach. Im Literaturhaus Heilbronn sprach der mehrfach ausgezeichnete Autor vor allem auch darüber, was dieses Phantasiegebilde mit Hohenlohe verbindet.

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Kurt Oesterle stellte am Trappensee sein neues Buch vor.

Foto: Mario Berger

Unterwegs sind sie in jenem Sommer des Jahres 1825 im damals noch unbebauten Tübinger Süden. Genauer: auf einem Fußweg durch ein stadtnahes Waldstück, nicht weit entfernt von einer heute noch sprudelnden Quelle. In ihren Tagträumen aber befinden sich die zwei Studenten ganz woanders, nämlich Tausende Kilometer entfernt im Südpazifik.

Dorthin verorten sie ihre gemeinsame Kopfgeburt, die mythisch-poetische Insel Orplid. Ihr Leben lang werden die beiden Freunde Eduard Mörike (1804-1875) und Ludwig Amandus Bauer (1803-1846) auf Orplid, ihre gemeinsame Schöpfung, zurückkommen. Mörike beispielsweise in seinem Roman "Maler Nolten", Bauer in seinem Drama "Der heimliche Maluff".

An Ludwig Bauer die "Gebrochenheit der Zeit" studieren

Orplid als Gesamtphänomen erkunden: Das hat sich der mehrfach ausgezeichnete Schriftsteller Kurt Oesterle in seinem neu erschienenen Essay "Der erste König von Orplid" (Molino Verlag, 144 Seiten, 20 Euro) vorgenommen. Dabei richtet der 66-Jährige sein Hauptaugenmerk nicht auf den Ludwigsburger Eduard Mörike, sondern den Orendelsaller Ludwig Bauer, auch Louis genannt.

Warum gerade ihn? Weil sich an dem Pfarrer und Lehrer aus Hohenlohe die "Gebrochenheit der Zeit", also jener Epoche, die Biedermeier oder Vormärz genannt wird, "besser studieren lässt als an manchem Großen, der ja oft erst wieder zurückgeholt werden muss aus den Höhen, in den ihn die Literaturgeschichte gebracht hat", wie der ehemalige Journalist ("Süddeutsche" und "FAZ") im Gespräch verrät.

Aus Shakespeare wird "Sparchel": Die sprachliche Seite Orplids

In geschmeidig parlierenden Passagen skizziert Kurt Oesterle die Lebensstationen Bauers, beschreibt die Dynamiken dessen Tübinger Clique, der zeitweise auch der Lauffener Friedrich Hölderlin und der Heilbronner Wilhelm Waiblinger angehören, und zeichnet so letztlich Orplids Weg vom "schwer zu entwirrenden sozialen Phantasiegebilde, von teils kollektiver, teils individueller Herkunft" zum "geordneten Kunstwerk" nach.

Ein Kunstwerk freilich, das dem in der Landesgeschichte merklich bewanderten Oesterle zufolge neben einer mythologischen, geografischen, politischen und erotischen auch eine sprachliche Seite besitzt. Noch Jahre nach jenem Sommer finden sich in der Privatkorrespondenz der beiden Freunde Spuren jener von ihnen ersonnenen Kunst- ja Geheimsprache, die beispielsweise aus Shakespeare "Sparchel", aus der Sonne eine "Rauthstrunsel" und aus Bier ein "Hopfenmälzling" macht.

So wie die erträumte Südseeinsel ist übrigens auch das Buch ein Gemeinschaftsprodukt. Denn der Solinger Künstler Michael Klenk hat Malereien dafür angefertigt. "Als ich den Auftrag bekommen habe, wusste ich sofort, was ich machen möchte, und habe mir Blattgold besorgt", sagt der 70-Jährige. Denn Orplid, das sei für ihn eine Idée fixe, schwer greifbar, aber leuchtend.


Christoph Feil

Christoph Feil

Autor

Seit 2015 ist Christoph Feil bei der Heilbronner Stimme. Er arbeitet im Ressort Leben und Freizeit. Darüber hinaus schreibt er für das Thementeam Wissen, hat den aktuellen Buchmarkt im Blick und stellt für das "Interview der Woche" Menschen gerne Fragen.

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