Erste Konzerte des WKO Heilbronn nach der Corona-Pause

Heilbronn  Mit sechs Auftritten an zwei Tagen meldet sich das Württembergische Kammerorchester mit einem "Mietekonzert Spezial" in der Harmonie zurück auf der Bühne. Durch die Corona-Vorschriften haben sich allerdings viele Dinge verändert.

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Entlockt seinem Instrument mit Leidenschaft und Energie eine Vielfalt an Farben und Ausdrucksnuancen: Solist Johannes Moser. Mit dem WKO spielte er Stücke von Carl Philipp Emanuel Bach und Peter Tschaikowsky. Foto: Ralf Seidel

Es dauert nicht lange, bis einen ein sonderbares Gefühl beschleicht und nicht mehr loslässt. Im Foyer der Heilbronner Harmonie, wo sich normalerweise zahlreiche Besucher vor den Konzerten des Württembergischen Kammerorchesters (WKO) tummeln, wo geplaudert und gelacht wird, herrscht am Donnerstagabend gähnende Leere und eine fast schon gespenstische Stille.

Die Konzertgäste müssen - coronabedingt - sofort in den Theodor-Heuss-Saal wandern, wo das WKO sein erstes größeres Konzert seit dem Lockdown spielt. Oder besser gesagt: einen kleinen bis mittelgroßen Konzertmarathon. Insgesamt sechs einstündige Konzerte, verteilt auf Vormittag, Nachmittag und Abend, spielt das Kammerorchester am Donnerstag und Freitag als "Mietekonzert Spezial".

Weiße Kreuze dienen als Abstandhalter

Auch im Saal sind die Veränderungen nicht zu übersehen. Große weiße, auf die Lehnen geklebte Kreuze fungieren als optischer Abstandhalter, maximal 99 Besucher dürfen aufgrund der aktuellen Corona-Beschränkungen jedem Konzert beiwohnen. Atemschutzmasken, aufgehängt an Notenpulten, Orchestermitglieder, die weit auseinander sitzen - Anblicke, an die man sich vorerst wohl gewöhnen muss.

Doch zur Musik. Das WKO kommt, zunächst nur in Streicherbesetzung, mit jeder Menge Spielfreude aus der Zwangspause. Unter der Leitung von Zohar Lerner und mit Violoncello-Solist Johannes Moser beginnt der Abend eindrucksvoll mit Carl Philipp Emanuel Bachs (1714-1788) Konzert für Violoncello, Streicher und Basso continuo A-Dur Wq. 172. Ein Einstieg mit rauschenden Tremoli, untermalt mit Cembalo-Klängen. Fröhlich und voller Tatendrang entwickelt sich im ersten Satz ein Wechselspiel zwischen Streichern und Solist, immer wieder pariert Moser die Orchestereinwürfe mit virtuosen Läufen.

Erste Konzerte des WKO Heilbronn nach der Corona-Pause

Neue Normalität: Große weiße, auf die Lehnen geklebte Kreuze fungieren als optischer Abstandhalter bei den Konzerten in der Harmonie. Foto: Ralf Seidel

Im Gegensatz dazu steht der langsame Mittelsatz, ein melancholisches Largo e Mesto. Dem Streichervorspiel wird auch hier vom Solisten ein eigenes Thema gegenübergestellt. Moser erweist sich als Cellist in lockerer, aber hoch konzentrierter Manier, der seinem Instrument mit Leidenschaft und Energie eine Vielfalt an Farben und Ausdrucksnuancen entlockt. Einen Blick wert sind auch die Social-Media-Kanäle des 41-jährigen Müncheners, der auf Facebook in Corona-Zeiten nicht nur Heim-Konzerte streamt, sondern auch weitere Talente wie Tricks mit dem Jo-Jo zur Schau stellt.

Viel Applaus vom Publikum und ein wichtiger Geburtstag

Viel Gefühl gibt es beim zweiten Stück des Abends, Peter Tschaikowskys (1840-1893) viersätzige Serenade für Streichorchester C-Dur, op. 48, eine hingebungsvolle Verbeugung an den verehrten Wolfgang Amadeus Mozart. Grandios gelingen dem WKO das pathetische Thema in a-Moll als langsame Einleitung im ersten Satz und die graziösen Walzerklänge im zweiten. Wehmütig geht es mit der Totenklage in "Elegie" zum "Finale (Tema Russo) Andante - Allegro con spirito", das, wie schon im Titel deutlich wird, russische Volksthemen aufgreift und am Ende noch einmal zum Ursprungsthema zurückkehrt.

Viel Applaus und Standing Ovations gibt es von der überschaubaren Anzahl von Besuchern in der Harmonie für einen gelungenen Neustart. Doch viele scheinen den außerordentlichen Auftritten in Corona-Zeiten noch mit Skepsis zu begegnen. Keines der sechs Konzerte ist ausverkauft.

Für das WKO ist dieser Auftakt ein kleiner Schritt in Richtung Normalität und der Donnerstag gleich in doppelter Hinsicht ein besonderer Tag. Es ist nicht nur die Rückkehr auf die Bühne nach drei Monaten, sondern auch der 91. Geburtstag von WKO-Gründer Jörg Faerber. "Ich habe heute Morgen mit ihm telefoniert. Er klang wie ein junger Hüpfer", sagt WKO-Intendant Rainer Neumann.


Ranjo Döring

Ranjo Doering

Autor

Ranjo Doering arbeitet seit 2015 bei der Heilbronner Stimme. Nach seinem Volontariat und einem Jahr als Redakteur bei der Hohenloher Zeitung ist er seit 2018 im Kulturressort tätig. Seine Schwerpunkte sind Musik, Film, Theater und Kabarett.

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