"Eine Verschärfung des politischen Klimas"

Kultur  Der Sinologe Björn Alpermann spricht im "Stimme"-Interview über Chinas Kulturpolitik und den wachsenden Einfluss auf Hollywood-Produktionen - am Beispiel des Disneyfilms Mulan.

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Aufruf zum Boykott des Disney-Films "Mulan": Grund für die Empörung ist der Abspann des Films, der zeigt, wie sich die Filmemacher bei Sicherheitsbehörden in der Region Xinjiang bedanken, wo die Minderheit der Uiguren unterdrückt wird.

Foto: dpa

Nicht nur im eigenen Land kontrolliert China Medien und Kultur. Auch auf Film- und Serienproduktionen im Ausland sind die Einflüsse spürbar. Über Chinas rigorose Kulturpolitik haben wir uns mit dem Sinologen Björn Alpermann von der Univeristät Würzburg unterhalten.

Herr Alpermann, ganz allgemein gefragt: Welchen Einfluss hat Chinas Regierung auf den Kulturbereich?

Björn Alpermann: Innerhalb von China versucht die Kommunistische Partei durch ihre Propagandamaschinerie alle gesellschaftlichen Bereiche zu steuern, auch die Kultur. Die Medien sind weisungsgebunden gegenüber der Partei. Das beinhaltet nicht nur Verbote und Zensur, sondern auch ein Framing, wie über bestimmte Dinge berichtet werden soll. Das sind weitreichende Eingriffsmöglichkeiten. Andererseits ist durch das Internet und die sozialen Netzwerke eine größere Pluralität an Stimmen zu vernehmen als der Partei lieb wäre. Unter Xi Jinping als Generalsekretär sind die Daumenschrauben aber wieder fester angezogen worden.



Seit dem 1. März gibt es spezielle Verhaltensregeln für einen ganzen Berufszweig: Künftig sollen Chinas Kulturschaffende sich an einen Leitfaden mit 15 Anweisungen halten, darunter "Liebe zur Partei und ihren Prinzipien" und der Dienst an "den Menschen und dem Sozialismus".

Alpermann: Seit etwa einem halben Jahr werden Exempel statuiert an herausragenden Persönlichkeiten, die sich angebliches Fehlverhalten im privaten oder gesellschaftlichen Bereich zuschulden haben kommen lassen sollen. Das reicht von Steuerhinterziehung, krummen Deals mit Werbeträgern, Vergewaltigungsvorwürfen oder die Leihmutterschaft wie bei der Schauspielerin Zheng Shuang. Nur in wenigen Fällen wird man für politisch konnotierte Vergehen belangt, beispielsweise, dass man sich nicht nationalistisch genug geäußert hat.

Bei Fehlverhalten ist man also eine Persona non grata?

Alpermann: Ja, das ist die chinesische Version der Cancel Culture. Man wird politisch und sozial geächtet, verliert seine Werbeverträge und die Protektion durch den Parteistaat. Dazu wird man aus den staatlichen Medien entfernt, die Serien oder Filme werden nicht mehr im Staatsfernsehen gezeigt. Somit hat man keine Auftritts- und Einnahmemöglichkeiten mehr. Und auch in den sozialen Medien wird man von den Fans geächtet.

Nun hat Chinas Regierung auch feminin aussehende Männer aus dem Fernsehen verbannt. Passt das auch nicht ins Weltbild?

Alpermann: Genau. Man spürt generell eine Verschärfung des politischen Klimas in allen Bereichen. Dazu kommt ein sehr prüdes und in meinen Augen auch überkommenes Familienbild mit sehr traditionellen Vorstellungen über Gender Rollen. Der Mann muss der Ernährer der Familie sein. Es gab auch schon Versuche, junge Männer "männlicher" zu machen, indem man im Sportunterricht mehr auf Krafttraining und Körperbau abzielt. Auch die Fertilität wird wieder wichtiger. Nachdem man über drei Jahrzehnte die Ein-Kind-Politik propagiert hat, geht es inzwischen in Richtung Zwei- oder Drei-Kind-Politik.

Welches Bild möchte China denn im Ausland vermitteln?

Alpermann: Das wird ganz klar formuliert. Es soll das Bild einer modernen, sozialistischen Gesellschaft sein, die in einem Land mit wunderschöner Landschaft harmonisch zusammenlebt. Das versuchen die Staatsmedien beispielsweise auch über Youtube-Videos zu vermitteln.

Disney hat seinen Blockbuster "Mulan" in einer Region gedreht, in der die chinesische Regierung Minderheiten verfolgt. In der Comicverfilmung "Doctor Strange" wurde eine tibetische Hauptfigur durch eine keltische ersetzt. Die Drehbuchautoren wollten eine Tibet-Thematisierung vermeiden, um China nicht zu verärgern. Unterwerfen sich Hollywood und die Streamingdienste der Politik, um Zugang zum größten Kinomarkt der Welt zu bekommen?

Alpermann: Die Gefahr besteht zumindest. In der Tat. Es gibt zahlreiche Beispiele, wo Inhalte geglättet wurden oder Schauspieler oder Schauspielerinnen nur angestellt wurden, um den chinesischen Markt zu erobern. Was inzwischen auch oft gemacht wird, ist, dass Filme als Joint Venture in China produziert werden mit Hilfe von chinesischen Partnern.

Was erhofft man sich dadurch?

Alpermann: Es hat den "Vorteil", dass man sich die Zensur schon vor der Fertigstellung des Films einholt. Das Skript wird schon durchgeschaut, ob es aus Sicht des Parteistaates passt. Dann muss man den Film nicht durch ein anderes Prüfverfahren laufen lassen, das im Jahr nur zwischen 25 und 35 Hollywoodfilme auf dem chinesischen Kinomarkt zulässt. Man zählt daher als interner chinesischer Film und kann direkt auf den Filmmarkt.

Es geht also eigentlich nur um Geld.

Alpermann: Selbstverständlich. Der chinesische Kinomarkt ist einfach sehr lukrativ.

Welche Möglichkeiten gibt es aus westlicher Sicht denn, dem etwas entgegenzusetzen? Boykott?

Alpermann: Man könnte regulatorisch an die Sache gehen, das bestimmte Kooperationen unserer westlichen multinationalen Unterhaltungskonzerne nicht nur in China, sondern auch hier genehmigt werden müssen. Aber das entspricht nicht dem amerikanischen Verständnis von freier Meinungsäußerung und freiem Unternehmertum. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das zustande kommt. Manche Änderungen, die in Filmen gemacht werden, bekommt man im Ausland auch gar nicht mit. Und der Kinogänger will sich meistens amüsieren und nicht über den politischen Hintergrund eines Films nachdenken.

Zur Person

Prof. Dr. Björn Alpermann, Jahrgang 1972, studierte Moderne China-Studien, Volkswirtschaftslehre und Politikwissenschaft an der Universität in Köln und der Nankai University in Tianjin. Seit Januar 2013 leitet er den Lehrstuhl für Contemporary Chinese Studies an der Universität Würzburg. Kürzlich erschien sein Buch "Xinjiang - China und die Uiguren" als Open Access-Publikation, einsehbar unter opus.bibliothek.uni-wuerzburg.de.


Ranjo Döring

Ranjo Doering

Autor

Ranjo Doering arbeitet seit 2015 bei der Heilbronner Stimme. Nach seinem Volontariat und einem Jahr als Redakteur bei der Hohenloher Zeitung ist er seit 2018 im Kulturressort tätig. Seine Schwerpunkte sind Musik, Film, Theater und Kabarett.

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