Ein filmisches Denkmal für die Wanderkinos in Baden-Württemberg

Heilbronn  Wolfram Hannemann stellt seinen Dokumentarfilm "Kultourhelden" am Montag im Arthaus-Kino Heilbronn vor. Darin beleuchtet er die Arbeit von Gerhard Göbelt und Klaus Friedrich, zwei Wanderkinobetreiber, die auch immer wieder in der Region zu Gast sind.

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Lange Zeit hatten sie Tradition: Anfang des 20. Jahrhunderts gab es in Deutschland noch mehr als 500 Wanderkinos. Ab 1911 sank die Zahl aber dramatisch. Heute gibt es nur noch wenige Betreiber, die durch Kleinstädte und Dörfer touren, in Gemeindesälen ihre Leinwände aufbauen oder die Filme open air auf einer Wiesenfläche zeigen.

Zwei, die seit Anfang der 1980er Jahre und bis heute in Baden-Württemberg unterwegs sind, sind Gerhard Göbelt und Klaus Friedrich. Beide haben Lehramt studiert, doch beide haben dann ihre Liebe zum Film zum Beruf gemacht. Seit Jahrzehnten machen sie mit ihren mobilen Kinos unter anderem Station in Lenningen, Oppenweiler, Nürtingen, Allershausen, Eberbach, Freiberg am Neckar oder Brackenheim.

Hannemann hat die beiden Betreiber über Monate begleitet

"Im Jahr haben die beiden zwischen 130 und 200 Termine", sagt Wolfram Hannemann. Der Filmemacher aus Korntal im Landkreis Ludwigsburg hat es sich zur Aufgabe gemacht, dem Lebenswerk der beiden Wanderkinobetreiber ein Denkmal zu setzen. Denn: Göbelt und Friedrich, beide Jahrgang 1956, liebäugeln mit der Rente, einen Nachfolger haben sie bislang nicht gefunden.

Die Dokumentation "Kultourhelden", die Regisseur Hannemann am kommenden Montag um 18 Uhr im Arthaus-Kino Heilbronn vorstellt, begleitet die Filmliebhaber über mehrere Monate. Mit seinen Protagonisten ist Hannemann gut befreundet, auf einer gemeinsamen Wanderung erfuhr er über die Rentenpläne. "Ich hatte sofort die Idee für einen Film. Man muss ihre Arbeit für die Nachwelt festhalten."

Der Filmemacher Wolfram Hannemann sieht das mögliche Ende von Wanderkinos als herben Verlust für kleinere Gemeinden. Seine Dokumentation begleitet zwei Betreiber über mehrere Monate. Fotos: privat

Von der ersten Klappe Mitte 2020 bis zur Premiere verging genau ein Jahr. Wolfram Hannemann hat den Film komplett selbst finanziert und nur eine Verleihförderung in Anspruch genommen. Die Dokumentation lässt Raum für witzige Anekdoten der beiden Betreiber, durchleuchtet aber auch Unwägbarkeiten wie die Abhängigkeit vom Wetter oder den Ärger mit Film-Verleihfirmen, die lieber die regulären Abspielstationen beliefern wollen. "Beide sind auch Zeitzeugen für den Wandel in der Branche. So haben sie beispielsweise die Umstellung von analog auf digital miterlebt", sagt Hannemann.

Die Besucherzahlen sind in den letzten Jahren zurückgegangen

Die Anfänge in den 80er Jahren waren, so Hannemann, "goldene Zeiten" für Wanderkinos. Inzwischen spüren Göbelt und Friedrich deutlich die Konkurrenz durch Streaminganbieter, die Besucherzahlen sind zurückgegangen. "Man kann das privatwirtschaftlich nur machen, wenn man alles selbst macht", erläutert Hannemann, der in seiner Doku auch die Innovationsfreudigkeit der beiden Urgesteine aufzeigen möchte.

Ein filmisches Denkmal für die Wanderkinos in Baden-Württemberg
Große Leidenschaft für Filme: Die Wanderkinobetreiber Gerhard Göbelt und Klaus Friedrich (links).

Klaus Friedrich beispielsweise zeigte regelmäßig Horrorfilme in einem Steinbruch oder erwarb die Rechte der romantischen Komödie "Die Fischerin vom Bodensee" (1956). Nach der Digitalisierung des Films fand die Premiere dann auf einer Bodenseefähre statt. "Ohne Leidenschaft und Liebe zum Film kann man kein Wanderkino betreiben", sagt Hannemann, der das mögliche Ende "dieses Kulturguts" auch als herben Verlust für kleinere Gemeinden beschreibt.

"Das wird das kulturelle Leben stark verändern. Solche Events stärken den Zusammenhalt, man trifft dort auf Freunde und Nachbarn." Noch sind Göbelt und Friedrich nicht in Rente. Beide wollen noch einige Zeit weitermachen. Was dann kommt? Der Ausgang ist offen, vielleicht gibt es ja aber noch ein Happy End.

Premiere im Arthaus-Kino: Montag, 20. September, 18 Uhr, Regisseur Wolfram Hannemann sowie Gerhard Göbelt und Klaus Friedrich sind anwesend. Karten: www.kinostar.com.

Wolfram Hannemann, Jahrgang 1958, wurde in Ludwigsburg geboren und wuchs in Kornwestheim auf. Er studierte Informatik, arbeitete 14 Jahre als Softwareentwickler. Dann machte er sich mit einem Versandhandel für Laserdiscs selbstständig. Seit vielen Jahren arbeitet Hannemann als Filmkritiker und als Filmemacher. 2016 erschien sein Doku-Debüt "Lob ist schwerer als Tadel", in dem er die Arbeit von neun Filmkritikern beleuchtet.

 

Ranjo Döring

Ranjo Doering

Autor

Ranjo Doering arbeitet seit 2015 bei der Heilbronner Stimme. Nach seinem Volontariat und einem Jahr als Redakteur bei der Hohenloher Zeitung ist er seit 2018 im Kulturressort tätig. Seine Schwerpunkte sind Musik, Film, Theater und Kabarett.

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