Ein Amerikaner in Salzburg: Dan Safer hat den "Jedermann" choreographiert

Cambridge/Salzburg  Amerikanisch unkompliziert erzählt Dan Safer im Zoom-Gespräch, warum ihn die barocke Altstadt von Salzburg fasziniert, die Arbeit mit Lars Eidinger als Jedermann "amazing" professionell war und die Lage in seiner Heimat USA auch nach Donald Trump verfahren ist.

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Ein Amerikaner in Salzburg: Dan Safer, Tänzer und Choreograph, hat für die Neuinszenierung des "Jedermann" Schauspieler und Tänzer in Bewegung gebracht und findet nicht nur Lars Eidinger "amazing" professionell.

Foto: Maria Baranova

Wenn wir in den USA von einem historischen Gebäude sprechen, ist es 100 Jahre alt." "Amazing" - erstaunlich und einzigartig - erscheint Dan Safer dagegen die barocke Altstadt von Salzburg. Obwohl seine Arbeit als Choreograph für die Neuproduktion des "Jedermann" dem Amerikaner kaum Zeit gelassen hat, sich groß umzusehen.

Vier Wochen hatte das Team um Regisseur Michael Sturminger bis zur Premiere, gleich danach musste Safer wieder zurückfliegen. Sein Arbeitsvisum war abgelaufen. Dass die Neuinszenierung von Hugo von Hofmannsthals Spiel vom Sterben des reichen Mannes mit Lars Eidinger in der Titelrolle im nächsten Festspielsommer übernommen wird, damit rechnet Safer. Dann wird er wieder kommen.

Handwerk und unbedingte Disziplin

Fasziniert berichtet er von der "inspirierenden" Arbeit mit Bühnenstars wie Angela Winkler, Edith Clever oder Mavie Hörbiger. Auch wenn Dan Safer kein Deutsch spricht und sich das sperrige Drama Szene für Szene übersetzen ließ, hat er die Proben genossen und bewundert die Körpersprache, das Handwerk und die unbedingte Disziplin von "amazing" Lars, Edith und Kollegen.

Im Moment unterrichtet der Gründer und künstlerische Leiter der New Yorker Tanztheater Company Witness Relocation in Cambridge. Am MIT, dem Massachusetts Institute of Technology, eine der weltweit führenden Spitzenuniversitäten, die sich eine eigene Fakultät für Musik und Theater leistet. Und mit Dan Safer einen schillernd vielseitigen Dozenten.

Irgendwo zwischen Tanz und Theater

1973 in den, wie er scherzt, "wilden Suburbs" von New Jersey geboren, wollte Dan Safer ursprünglich Schauspieler werden, spezialisiert sich dann aber auf die körperbetonte, performative Kunst, irgendwo in der Mitte von Tanz und Theater. Auskunftsfreudig und amerikanisch unkompliziert erzählt der auffallend tätowierte und gepiercte Künstler beim Zoom-Gespräch von seiner Arbeit. Und der instabilen Situation in den USA der Post-Trump-Ära, in der der Geist des Mannes weiter irrlichtert, der seine Niederlage bei der Präsidentschaftswahl vergangenen November sich und seinen Anhängern nicht eingestehen mag.

"I mean, it is a real mess", ringt Safer nach Worten. Ein Schlamassel, in dem sich sein Land nach Donald Trump befinde. Ob und was sich mit Präsident Joe Biden ändern wird? "Biden ist nicht die Antwort, aber eine bessere Antwort als Trump." Dan Safer ist amerikanisch-pragmatisch. Der Ruf nach dem Staat, Jammern in der Krise, ist seine Sache nicht. Safer konzentriert sich auf die Arbeit. Ob es staatliche Hilfe gibt für Künstler während der Pandemie? Kaum. "Aber das war vor Covid nicht anders."

Steigende Neuinfektionen in den USA

Was sich verändert hat? "So much." Vieles hat sich wie überall ins Internet verlagert. Was den kuriosen Vorteil mit sich bringt, plötzlich Kollegen auf anderen Kontinenten zu begegnen. Dass das größte Festival für Musik und Schauspiel, die Salzburger Festspiele, live vor Publikum stattfindet bei einer hundertprozentigen Auslastung, hat Dan Safer so überrascht wie gefreut.

Zwei Mal noch wird der "Jedermann" aufgeführt, am 31. August enden die Festspiele. Was die sprunghaft steigenden Neuinfektionen in den USA für den Kulturbetrieb im Herbst bedeuten, daran möchte Safer jetzt nicht denken.

Theater, Tanz, Oper, Rockvideos, Fashion-Shows, Flash-Mobs, Filmproduktionen: Das Spektrum seiner Aktivitäten ist enorm - und lebt vor allem vom Live-Auftritt. Ob Dan Safer eine Show für eine New Yorker Kellerbar produziert oder für das Philadelphia Orchestra Strawinskys "Le sacre du printemps" choreographiert, vom Nationaltheater in Paris angefragt oder nach Sankt Petersburg engagiert wird: Letztlich interessiert ihn der bewegte Mensch, das Drama mit humanem Hintersinn, mehr als bloßer Glamour, als "fancy dance", wie er es nennt.

Nur keine Berührungsängste

Berührungsängste kennt der Menschenfreund Dan Safer so wenig wie die in Deutschland gängige Unterscheidung zwischen U- und E-Kultur, zwischen Unterhaltung und sogenannten ernsten Künsten. Dass er einst als Go-go-Tänzer sein Geld verdient und der Königin von Thailand die Geburtstagsparty choreographiert hat, spricht für seine Praxis.

So dürfte es auch "Jedermann"-Regisseur Michael Sturminger gesehen haben, als er für die Neuinszenierung einen gesucht hat, der Tänzer wie Schauspieler choreographieren kann und ein Gespür mitbringt für Menschen im Raum.

Zur Person

Dan Safer, 1973 in den "wilden Su-burbs" von New Jersey geboren, ist Gründer und künstlerischer Leiter der in New York ansässigen Tanztheater-Company Witness Relocation und Dozent für Bewegungstheater an der School of Humanities , Arts and Social Sciences des Massachusetts Institute of Technology (MIT). Safer arbeitet international, sein Spektrum umfasst Theater, Tanz, Oper, Rockvideos, Fashion-Shows und Filmproduktionen.


Claudia Ihlefeld

Claudia Ihlefeld

Autorin

Seit ihrem Volontariat bei der Heilbronner Stimme 1991 schreibt Claudia Ihlefeld überwiegend über regionale Kultur und Kulturpolitik, aber auch über nationale und internationale Kulturereignisse.

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