"Die Zertrennlichen" feiert Premiere in der Boxx des Heilbronner Theaters

Heilbronn  Annette Kuß inszeniert das Schauspiel von Fabrice Melquiot für Kinder ab neun Jahren. Premiere ist am Sonntag um 15 Uhr. Wie die Regisseurin im Stück ein komplexes Thema wie Rassismus für Kinder aufarbeiten will, erzählt sie im Gespräch.

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"Es ist eigentlich eine Romeo-und-Julia-Geschichte", sagt Regisseurin Annette Kuß über das Stück "Die Zertrennlichen", das am Sonntag Premiere feiert.

Foto: Nupnau

Die Frage, ob man man bereits in der Kindheit zum Rassisten wird, beantwortet Annette Kuß mit Nachdruck. "Absolut. Man wird nicht als Rassist geboren, sondern dazu erzogen oder kulturell geprägt", sagt die Leiterin des Jungen Theaters Heilbronn, die sich dem Thema Rassismus im Stück "Die Zertrennlichen" annimmt.

Die Inszenierung des Schauspiels von Fabrice Melquiot feiert am kommenden Sonntag um 15 Uhr Premiere in der Boxx. Im Zentrum des Stücks stehen das Zusammenleben verschiedener Kulturen auf engem Raum und die zerstörerische Kraft von Vorurteilen und Ressentiments.

Kindliche Liebe trifft im Stück auf Rassismus

Worum es geht? Sabah und Romain sind neun Jahre alt, wachsen in den französischen Banlieues auf, lernen sich durch einen Zufall kennen und sind voneinander fasziniert. Romains Eltern, die aus Paris kommen, verfolgen die Freundschaft der beiden Kinder jedoch misstrauisch. Ihrer Ansicht nach hat eine französische Familie keine algerischen Freunde. Während die Kinder ihre Gemeinsamkeiten entdecken, sehen die Eltern nur Unterschiede, behaftet mit Stereotype und Alltagsrassismus.

Die Zertrennlichen
Schauspiel von Fabrice Melquiot
für Kinder ab neun Jahren.
Premiere: Sonntag, 15 Uhr, Boxx.

Regie: Annette Kuß
Ausstattung: Yvonne Marcour
Mit Sarah Finkel und Rouven Klischies.

Für die Premiere am Sonntag gibt es noch einige Restkarten. Mehr Informationen unter 07131 563001.

Doch Romain und Sabah wollen ihre eigenen Erfahrungen machen und stürzen sich in eine kindliche Liebe voller Abenteuer. "Es ist eigentlich eine Romeo-und-Julia-Geschichte", sagt Annette Kuß über das 55-minütige Stück. Der Streit zwischen den Vätern eskaliert - und Sabahs Familie zieht schließlich weg. Erst Jahre später macht sich Romain auf die Suche nach ihr.

"Für die beiden ist es eine emotionale Achterbahnfahrt. Es hat alle Facetten von tiefer Traurigkeit bis hin zu Unsicherheit und himmelhochjauchzender Ekstase", sagt Kuß über die beiden Protagonisten.

Eine wichtige Rolle spielt dabei die Fantasie von Sabah und Romain. "Die Verbindung der beiden wird über die Fantasie erzählt. In dem Moment, in dem sie ihre Liebe und Verbundenheit stark spüren, entsteht ein gemeinsames Bild. Die Welt, in der sich die beiden treffen, ist aber kein Fluchtort, es ist viel mehr eine Anbindung an archaichische Traditionen."

Wegen Corona wurde das Bühnenbild neu konzipiert

Ein komplexes und vielschichtiges Thema wie Rassismus für Kinder aufzuarbeiten - wie kann das funktionieren? "Es gelingt dem Stück, weil es Situationen aufgreift, die die Kinder aus ihrem Leben kennen", sagt die Regisseurin, die sich in Vorbereitung auf das Stück intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt hat.

"Ich bin mir wieder mal über meine eigenen Privilegien bewusst geworden, die man oft gar nicht mehr wahrnimmt. Ich bin wahnsinnig erstaunt, wie viel Alltagsrassismus manche Menschen täglich ertragen und immer noch geduldig sein müssen. Das ist haarsträubend", sagt Annette Kuß, die betont, dass es im Stück auch darum ginge, dass Kinder ihre Eltern in Frage stellen können und sollen. "Sie sollen ermutigt werden ihren eigenen Urteilen zu trauen und ihre eigenen Gefühle wahrzunehmen, kurzum ihren Weg zu gehen", sagt die Leiterin des Jungen Theaters. "Das Stück macht das nicht proklamativ und fordert, sich von den Eltern abzuwenden. Es wird differenziert dargestellt."

Coronabedingt wurde das Bühnenbild für "Die Zertrennlichen" noch einmal neu konzipiert. Statt einer Vorstadtkulisse sind nun schlicht vier Schulbänke zu sehen. "Es wird getragen von den Schauspielern. Die Fantasie und die Realität, die Wohnblocks, der Wald, die Stadt, die Prügelei und das Krankenhaus - das alles wird zwischen den Tischen gespielt", sagt Kuß.

Der Autor

Fabrice Melquiot wurde 1972 im französischen Modane geboren. Er arbeitet als Theaterautor, Regisseur, Lyriker und Übersetzer. Als ausgebildeter Schauspieler ist er zunächst Mitglied der Compagnie Théâtre des Millefontaines um den Regisseur Emmanuel Demarcy-Mota, verfasst aber bereits seit 1998 Kinder- und Jugendstücke. Fabrice Melquiot ist Mitbegründer des Autorenkollektivs La Coopérative d"Écriture. Seit 2012/2013 leitet er das Kinder- und Jugendtheater "Am Stram Gram" in Genf. "Die Zertrennlichen" gewann im Herbst 2018 den Deutschen Kindertheaterpreis.

 


Ranjo Döring

Ranjo Doering

Autor

Ranjo Doering arbeitet seit 2015 bei der Heilbronner Stimme. Nach seinem Volontariat und einem Jahr als Redakteur bei der Hohenloher Zeitung ist er seit 2018 im Kulturressort tätig. Seine Schwerpunkte sind Musik, Film, Theater und Kabarett.

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