Die vielen Leben des Paul Gratzik

Heilbronn  Der Dokumentarfilm "Vaterlandsverräter" von Annekatrin Hendel macht deutsche Geschichte anschaulich. Im Rahmen der Reihe "Erinnerung ist Liebe zur Zukunft" des Heilbronner Theaters ist Hendels mit dem Grimme-Preis ausgezeichneter Film im Arthaus zu sehen. Die Regisseurin erzählt von ihrem persönlichen Blick auf die DDR.

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"Ich hab" viel zu wenig Leute angeschissen": 20 Jahre hat der Schriftsteller Paul Gratzik als IM Peter für die Stasi gearbeitet, bis er sich selbst enttarnt.

Foto: Salzgeber &Co.

Die Stasi hatte es geschafft, die Charismatiker in der Kulturszene für sich zu gewinnen", sagt Annekatrin Hendel. Einer dieser Charismatiker war Paul Gratzik, Arbeiterschriftsteller und doch etabliert in der DDR-Bohème der offiziellen Dichter, Liebhaber und informeller Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes. Über ihn hat Hendel ein dokumentarisches Porträt gedreht.

Für "Vaterlandsverräter", ihre erste Regiearbeit, 2011 bei der Berlinale uraufgeführt, erhält Hendel 2013 den Grimme-Preis. Zur Veranstaltungsreihe "Erinnerung ist Liebe zur Zukunft" des Heilbronner Theaters zur deutschen Wiedervereinigung, die mit der Präsentation des Films im Arthaus jetzt wieder aufgenommen wird, ist Annekatrin Hendel aus Berlin angereist. Und wünscht viel Vergnügen bei der Dokumentation über "dieses Monster, das ich liebe. Teilweise zumindest".

"Diese scheiß westdeutschen Filmfragen"

Es habe sie beschäftigt, wie das war, wenn er einen Bericht über einen Menschen schreiben sollte, den er mochte, hört man die Stimme Hendels aus dem Off. Die Kamera ruht auf Paul Gratzik im strahlend weißen Hemd mit kurzem Schlips und Hut. "Der größte Feind im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant" ist der Satz seiner Mutter, der ihm in den Sinn kommt. Dann kippt die Idylle der Ruderpartie, als Hendel nachbohrt. "Ich höre sie genau heraus, diese scheiß westdeutschen Filmfragen." Es soll nicht der letzte Ausbruch Gratziks in den nächsten 100 Minuten sein. "Ich habe kein Gewissen, ich habe keine Moral. Jedenfalls nicht Eure." "Schluss jetzt! Ich habe viel zu wenig Leute angeschissen. Bist Du jetzt zufrieden?"

Als IM Peter hat Peter Gratzik 20 Jahre lang Freunde und Kollegen im Auftrag der "Firma" bespitzelt, bis er sich 1983 selbst enttarnt. Danach fällt Gratzik durch fast alle Raster, für die Stasi ist er verbrannt. Nun wird er beobachtet. Gratziks Opfer-Akte umfasst mehrere Ordner, wie die jener, über die er ausgeplaudert hat.

Respektvoll und doch unerschrocken nachbohren

Alte Freunde wenden sich ab, bis auf Heiner Müller und die Schauspielerin Steffie Spira, dessen Geliebter Gratzik war. Bis zu seinem Tod 2018 stehen beide zu ihm. Diese mehrfach gebrochene Biografie eines vom Kommunismus überzeugten Mannes macht Geschichte anschaulich. Wie Hendels Film, der sich respektvoll nähert und unerschrocken nachfragt.

Die vielen Leben des Paul Gratzik

"Meine Sicht ist extrem persönlich": Annekatrin Hendel.

Foto: Tina Schulze

Zwischen Gratziks Versuch, aufrichtig zu sein, und seiner Wut über "die Kapitalisten und Ackermanns", aber auch über sich selbst, bewegt sich "Vaterlandsverräter". Ein Begriff, mit dem Gratzik Besucher begrüßt in seinem entlegenen Bauernhof in der Uckermark. Acht Jahre hat Annekatrin Hendel recherchiert, sich durch Stasi-Akten gearbeitet. "Ich bin sehr vorbereitet in die Dreharbeiten gegangen." Dabei dachte sie jeden Drehtag, dass es der letzte sein könnte.

Wie es ihr gelungen ist, dass sich Gratzik darauf eingelassen hat? "Eingelassen hat er sich nie. Er hat mitgemacht." Als "Vaterlandsverräter" fast fertig ist, zeigt sie ihm den Streifen. "Anne, du hast mich nicht verraten. Du hast mein Leben verfilmt." "Das ist nicht dein Leben", so ihre Antwort. "Sondern meine Sicht."

"Schreiben habe ich bei der Stasi gelernt"

Der 1935 geborene Sohn eines ostpreußischen Knechts wird Tischlerlehrling in einem Volkseigenen Betrieb, später studiert das Flüchtlingskind am Institut für Lehrerbildung. Schreiben habe er bei der Stasi gelernt, sagt er zu Hendel.

Gegenseitige Beobachtung im Kulturbetrieb

"Vaterlandsverräter" ist eine Reise zu den Stationen Gratziks in Mecklenburg, Dresden und Berlin. Erzählt Hendel von der Vergangenheit, dann schneidet sie Bilder des Storyboard-Zeichners Leif Heanzo in den Film. Wegbegleiter erinnern sich, etwa der Regisseur Ernstgeorg Hering, der die gegenseitige Beobachtung im Kulturbetrieb beklagt, Schauspielerin Ursula Karusseit und Gratziks Lektorin beim Westberliner Rotbuch-Verlag, die heute weiß, dass 90 Prozent der DDR-Autoren des Verlags mit der Stasi zusammenarbeiteten. Wie Sascha Anderson, der im Film allen Klischees des "Arschlochs" entspricht, wie ihn Wolf Biermann tituliert hat. Fassungslos reagiert die Opernsängerin Renate Biskup, als sie mit Pauls Stasi-Berichten konfrontiert wird.

Extrem unangenehm waren für Annekatrin Hendel die Begegnungen mit Gratziks Führungsoffizier, später ein enger Mitarbeiter des KGB-Agenten Putin in der DDR. "Die Überwachung", das muss die Filmemacherin beim Schlussgespräch noch loswerden, "hat mit der DDR nicht aufgehört."

Die Regisseurin

Geboren in Ost-Berlin, ihr Alter gibt Annekatrin Hendel nicht preis, war die Produzentin, Regisseurin und Drehbuchautorin nach ihrem Designstudium Kostümbildnerin und Ausstatterin für Bühne und Film. 1989 Mitbegründerin des Berliner Theaters 89, gründet sie 2004 die It Works! Medien GmbH. Hendel produziert für das Fernsehen, dreht Dokumentarfilme wie "Flake" über den Keyboarder von Rammstein, "Anderson","Fassbinder", "Familie Brasch" und "Schönheit & Vergänglichkeit" über den Berghain-Türsteher Sven Marquardt.


Claudia Ihlefeld

Claudia Ihlefeld

Autorin

Seit ihrem Volontariat bei der Heilbronner Stimme 1991 schreibt Claudia Ihlefeld überwiegend über regionale Kultur und Kulturpolitik, aber auch über nationale und internationale Kulturereignisse.

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