Die Stuttgarter Gitarristin Jen Majura über das neue Album der Rockband Evanescence

Stuttgart  Seit 2015 ist Jen Majura Teil der US-amerikanischen Band, die 2003 mit "Bring me to life" einen weltweiten Hit landete. Wir haben uns mit der in Stuttgart geborenen Gitarristin über das neue Album "The Bitter Truth" unterhalten.

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Mit "The Bitter Truth" haben Evanescence rund um Sängerin Amy Lee (Mitte) ihr fünftes Studioalbum veröffentlich. Die Stuttgarter Gitarristin Jen Majura (links) ist seit 2015 Teil der US-amerikanischen Alternative-Rockband.

Foto: P. R. Brown

Die US-amerikanische Alternative-Rockband Evanescence gründete sich im Jahr 1995. Der Durchbruch gelang dann 2003 mit der CD "Fallen" und der Single "Bring me to life". Insgesamt verkaufte sich das Album über 14 Millionen Mal und brachte der Band in über 35 Ländern Platin- und Gold-Auszeichnungen ein. Die Band wurde mit mehreren Grammys und Echos ausgezeichnet. Jetzt erscheint mit "The Bitter Truth" das fünfte Studioalbum. Darüber konnten wir mit der in Stuttgart geborenen Gitarristin Jen Majura sprechen.

 

Frau Majura, zehn Jahre sind seit dem letzten, gleichnamigen Evanescence-Album vergangen. Wieso hat es so lange gedauert?

Jen Majura: Eigentlich kam das Leben dazwischen. Amy (Lee, Sängerin der Band, Anmerkung der Redaktion) ist Mama geworden, sie brauchte einfach eine Auszeit. Des Weiteren sind wir eine Band, die nicht einfach ein Produkt veröffentlichen will, nur um etwas zu veröffentlichen.

Das neue Album heißt "The Bitter Truth". Was ist die bittere Wahrheit?

Majura: Wir leben in einer Welt mit Instagram, mit Filtern, wo jeder seinen besonderen Lebensstil zur Schau stellen muss. Menschen zeigen sich in den sozialen Netzwerken als glücklich und super erfolgreich. Diese Oberflächlichkeit muss weg. Auf unserem Planeten passieren so viele Dinge in gefühlt immer schnellerer Zeit: US-Wahlen, die Black-Lives-Matter-Bewegung, die Klimakrise - die Welt ist in Aufruhr. Wir müssen als Menschheit heilen. Das geht nur, wenn wir unser wirkliches Ich zeigen. Wir müssen akzeptieren, dass wir Menschen sind mit Schwächen, Narben und blauen Flecken. Es geht darum, die Realität zu sehen, anstatt etwas zu zeigen, das man gar nicht ist.

 

Per se eine gute Idee. Ist das in einer globalisierten und oft auch kapitalistischen Welt nicht völlig utopisch?

Majura: Das hoffe ich nicht. Aber jeder kann seinen Teil dazu beitragen.

Die Single "Use my Voice" ist eine Aufforderung an Frauen, aufzustehen. Bei Evanescence sind gleich zwei starke Frauen in der Band. Die Rock- und Metalwelt ist ja aber immer noch sehr männerdominiert.

Majura: Es ist eine von Männern dominierte Szene, und die Frauen sind immer noch in der Minderheit, das stimmt. Ich sehe aber immer mehr starke Frauen und Musikerinnen. Wir Gitarristinnen stehen viel in Kontakt und unterstützen uns gegenseitig. Bei den Männern herrscht da eher eine Ellenbogenmentalität. Wir kommen aber langsam an den Punkt, an dem es egal ist, ob du Mann, Frau oder beispielsweise Transgender bist. Was allein wichtig ist: Wir sind alle Musiker, die mit ihrer Kunst und ihrer Kreativität Emotionen in den Menschen hervorrufen können.

 

Sie sind schon eine ganze Weile in der Musikbranche. Haben Sie jemals Sexismus erlebt?

Majura: Andauernd und ununterbrochen. Inzwischen bin ich stark genug, dass ich Contra gebe. Früher habe ich das weggekichert, weil ich nicht wusste, was ich sagen soll. Sachen, die wirklich unter der Gürtellinie waren, sexistische Kommentare von Kollegen, nicht ernst genommen werden - all das ist dumm und völlig überflüssig. Das Schlimme ist, dass es von der maskulinen Seite oft nicht als falsch empfunden wird. Inzwischen, denke ich, habe ich mir aber den Respekt erspielt.

Lassen Sie uns zurück in die 80er blicken. Ihr Vater war auch Musiker, aber in einem ganz anderen Genre.

Majura: Oh ja (lacht). Mein Papa war Bassist von Kiz, die während der Neuen Deutschen Welle mit "Die Sennerin vom Königssee" einen Hit hatten. Mein Vater kommt ursprünglich aus Thailand und kam als tourender Musiker nach Deutschland. Meine Mutter hat er damals dann als Fan kennengelernt - was eine romantische Liebesgeschichte. Ich war schon früh überall dabei, saß bereits als zweijähriges Mädchen am Bühnenrand und wollte daher nie etwas anderes werden als Musikerin.

 

Musik als Mittelpunkt des Lebens.

Majura: Ja, ich habe bereits mit sechs Jahren die Gitarre entdeckt. Alle in meinem Alter hörten damals Backstreet Boys, Take That oder Euro-Dance-Musik, ich habe mich mit Musikern wie Steve Vai und Joe Satriani auseinandergesetzt. Während andere in Cafés saßen, habe ich Gitarre gelernt. Das macht einen ein wenig zum Außenseiter, aber das hat mir nicht geschadet.

Apropos schaden. Viele leiden während Corona aufgrund mangelnder sozialer Kontakte und Einsamkeit. Wie haben Sie die Zeit verbracht?

Majura: Ich habe angefangen zu kochen, zu malen und zu stricken, mache Youtube-Projekte, bei denen ich mich an verschiedenen Musikstilen ausprobiere. Und ich habe meinem Wellensittich Cookie einen Instagram-Account erstellt.

 


Ranjo Döring

Ranjo Doering

Autor

Ranjo Doering arbeitet seit 2015 bei der Heilbronner Stimme. Nach seinem Volontariat und einem Jahr als Redakteur bei der Hohenloher Zeitung ist er seit 2018 im Kulturressort tätig. Seine Schwerpunkte sind Musik, Film, Theater und Kabarett.

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