Die offenen Fragen im Mordfall Kiesewetter: Ein Theaterabend in Heilbronn

Heilbronn  Das Recherche-Projekt "Verschlusssache" zum Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter basiert auf Dokumentarmaterial und Interviews und blickt auf die vielen Leerstellen des Falls. Das Inszenierungsteam Hans-Werner Kroesinger und Regine Dura stellt Verbindungen her zwischen dem NSU und der rechten Szene in Baden-Württemberg - und stellt unbequeme Fragen an die Stadt und den Staat.

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Schweigt Heilbronn? Zlatko Maltar (links), Sabine Unger, Gabriel Kemmether, Lisa Schwarzer, Tobis D.Weber, Lucas Janson.

Foto: Björn Klein

Tote Täter sind bequem für die ermittelnden Behörden", fällt gegen Ende eine Binsenweisheit, die es in sich hat. Auf der Bühne der Boxx des Heilbronner Theaters einem der sechs Schauspieler in den Mund gelegt, handelt es sich um ein Originalzitat, wie überhaupt der ganze Abend seine (Ein)Dringlichkeit aus Originaltexten bezieht. Und aus der Frage nach dem rechtsextremen Netz hinter dem Trio Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe.

Collagiert zu einem 90-Minuten-Dokumentartheater, gerät die Uraufführung von "Verschlusssache" zu einem Blick zurück, der sich nicht mit Erinnerungen zufrieden gibt, sondern unbequeme Fragen stellt. An die Stadt, den Staat und die Zivilgesellschaft. "Vor Ort - eine Recherche" lautete der Arbeitstitel, als sich Hans-Werner Kroesinger und Regine Dura im März diesen Jahres an die Arbeit machten, den Mord auf der Heilbronner Theresienwiese an der Polizistin Michèle Kiesewetter als Dokumentartheaterstück auf die Bühne zu bringen.

Ein Stück "aus der Stadt heraus" schreiben

Kroesinger und Dura waren nicht unvorbereitet angereist. Sie kannten die Protokolle aus den Untersuchungsausschüssen im Landtag und im Bundestag sowie aus dem Münchner NSU-Prozess. Um ein Stück "aus der Stadt heraus" zu schreiben, führten die beiden Interviews mit Experten aus dem Umfeld des Tatkomplexes Kiesewetter, mit Abgeordneten und Zeugen, die an den Untersuchungsausschüssen teilnahmen. Aber auch mit Bürgern, die den 25. April 2007 erinnern als einen sonnigen Tag, der sich ins kollektive Gedächtnis der Stadt graviert hat. Und mit Personen, die von Fahndungspannen nach der Tat berichten und weiteren Ungereimtheiten. Seither ringt Heilbronn mit dem Image als Stadt des Polizistenmordes.

Ein beklemmender Abend aus nüchterner Perspektive

Die verschiedenen Perspektiven auf diesen Fall, der als geklärt gilt, obgleich viele Fragen offen sind, hat Regine Dura zu einer Textfassung destilliert, die sie mit Hans-Werner Kroesinger theatralisch verdichtet. Das Inszenierungsteam will den Fall nicht lösen, sondern Verbindungen aufzeigen zwischen Nationalsozialistischem Untergrund (NSU) und rechter Szene in Baden-Württemberg. Dass sie sich dabei auf Material berufen, das jede Bürgerin, jeder Bürger kennen könnte, wenn sie sich damit beschäftigten, macht den Abend umso beklemmender, ohne dass das Stück von seiner nüchternen Erzählperspektive abweicht.

Auf der reduzierten Bühne (Sigi Colpe) passieren die Ungeheuerlichkeiten des Falls Michèle Kiesewetter Revue, gehen verschiedene Erzählstränge ineinander über und geben Lucas Janson, Gabriel Kemmether, Zlatko Maltar, Lisa Schwarzer, Sabine Unger und Tobias D.Weber der Fülle an Aussagen und Erinnerungen eine Stimme. Vor allem Zlatko Maltar gelingt es, mit unaufdringlicher Präsenz die Sprechrolle des Beobachters zu verlassen und Figuren zu schaffen: als Zeuge, als Stimme aus der Stadt, als Hauptkommissar, Befrager, Interviewer.

Staatsversagen im NSU-Komplex?

Manche Personen werden mit Namen genannt oder sind erkennbar wie Martin Arnold, der Kollege von Kiesewetter, der den Terroranschlag überlebt hat. Oder der Heilbronner Staatsanwalt Christoph Meyer-Manoras, der im Untersuchungsausschuss im Landtag befragt wurde. Der Ankläger hatte keines der Phantombilder veröffentlicht, die nach Aussagen von Augenzeugen gefertigt wurden. Auch nicht das Bild, das nach Angaben des schwer verletzten Arnold entstand. Meyer-Manoras hatte die Augenzeugen als nicht zuverlässig eingestuft.

Wurden hier hochkarätige Beweismittel zurückgehalten? Steht der Staatsanwalt für das Staatsversagen im NSU-Komplex? Kroesinger/Dura ziehen Verbindungslinien, die ein apathischer Erzähler (Tobias D. Weber) als Schaubild aus Namen, Institutionen und Organisationen an die Wand platziert: ein Netz aus Bezügen zwischen dem Verfassungsschutz, dubiosen V-Leuten, Polizeibeamten, Ku-Klux-Klan, rechtsradikaler Szene bis hin zur AfD. Aus überdimensionierten, grauen Ordnern quillen geschredderte Akten.

Anhaltender Applaus vom Premierenpublikum

Warum die Akten zum Fall Kiesewetter noch immer als Verschlusssache gelten mit geschwärzten Stellen, ist eine der vielen Leerstellen, in die der Theaterabend den Finger legt. Schweigt Heilbronn, die selbsternannte Wissenschaftsstadt, die Stadt mit Zukunft, und stilisiert sich lieber als Opferstadt? Das Stück legt es nahe, klagt an. Anhaltender Applaus vom Premierenpublikum.


Weitere Vorstellungen: www.theater-heilbronn.de

Hans-Werner Kroesinger, 1962 in Bonn geboren, einer der wichtigen Vertreter des deutschsprachigen Dokumentartheaters, hat mit Robert Wilson und Heiner Müller gearbeitet, inszeniert an Staats- und Stadtbühnen, in der freien Szene und seit 2000 mit der Dokumentarfilmerin, Dramaturgin und Autorin Regine Dura. Ihre Arbeiten entstehen nach intensiven Materialrecherchen als Stückentwicklungen. Das Regieduo Kroesinger/Dura beschäftigt sich mit politisch motivierter und struktureller Gewalt. Ihre Produktion"Stolpersteine Karlsruhe" wurde 2016 zum Berliner Theatertreffen eingeladen.


Claudia Ihlefeld

Claudia Ihlefeld

Autorin

Seit ihrem Volontariat bei der Heilbronner Stimme 1991 schreibt Claudia Ihlefeld überwiegend über regionale Kultur und Kulturpolitik, aber auch über nationale und internationale Kulturereignisse.

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