Die Kuratorin der Städtischen Museen Heilbronn und der feministische Blick auf die Kunst

Heilbronn  Barbara Martin arbeitet seit wenigen Wochen als Kuratorin bei den Städtischen Museen Heilbronn: Über die Liebe zu Originalen und warum man sich mit Joseph Beuys ewig beschäftigen kann.

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Mit spitzen Fingern in weißen Schutzhandschuhen: Ob das Material aus der Beuys-Box zu dessen legendärer Honigpumpe in die Beuys-Ausstellung 2021 kommt, wird Kuratorin Barbara Martin noch entscheiden.

Foto: Mario Berger

Das mit der Kunstgeschichte war auch eine "Bauchgeschichte". Gelten Geisteswissenschaften und vor allem die Kunsthistorie doch als brotlose Disziplin. Was Barbara Martin nicht davon abhalten sollte, in ihrer Heimatstadt Karlsruhe das zu studieren, was sie interessiert. Kunstgeschichte eben.

Später sattelt die heute 37-Jährige noch die Fächer Kuratorisches Wissen und angewandte Kunstpublizistik drauf. Und ist nachgerade prädestiniert für ihren neuen Job. "Das war durchaus strategisch gedacht." Seit Mitte September ist Barbara Martin Kuratorin bei den Städtischen Museen Heilbronn. Promoviert hat sie über das Frauenbild in der französischen Plakatkunst im späten 19. Jahrhundert: zwischen Verklärung und Verführung. "Ich habe nach wie vor großes Interesse an Grafik, aber nicht nur. Das Spannende hier am Haus sind die Bandbreite und die Freiheit, mit verschiedenen Themen zu arbeiten."

"Wir Frauen haben noch lange nicht alles erreicht"

Der feministische Blick spielt dabei durchaus eine Rolle. "Es geht grundsätzlich darum, die Kunst zu würdigen, aber ich schaue aus einer feministischen Perspektive darauf", sagt Barbara Martin, die es irritiert, dass nicht wenige Frauen heute den Begriff Feminismus scheuen: mit dem Hinweis, "wir Frauen" hätten alles erreicht. "Das ist nicht wahr", stellt Martin klar. Weder im Alltag, in der Gesellschaft, noch in der Kunst und der Kunstwissenschaft.

Was sie ganz generell am Ausstellungswesen interessiert? "Mit Originalen arbeiten und sie präsentieren. Sie gehören der Allgemeinheit. Sonst wäre ich an der Universität geblieben, das war mir aber zu sehr wissenschaftlicher Elfenbeinturm."

Auf ihr Studium folgen ein Volontariat im Landesmuseum Hannover, projektbezogene Mitarbeit, schließlich eine Stelle in der Galerie Stihl in Waiblingen. 2019 überlegt Barbara Martin, sich selbstständig zu machen. Sie schreibt den Katalog zur Sammlung der Hannover Rück, einer der größten Rückversicherungen weltweit. Als es gerade ins Laufen kommt mit der Selbstständigkeit, kommt der Lockdown. "In Zeiten der Pandemie ist freies Arbeiten keine gute Idee." Ihre Stelle in Heilbronn nennt sie einen "Glücksfall".

Eine Ausstellung zum 100. Geburtstag von Beuys

Anlässlich des 100. Geburtstages von Joseph Beuys im kommenden Jahr kuratiert Barbara Martin nun ihre erste Ausstellung für die Kunsthalle Vogelmann im Sommer 2021. Titel der Schau in Kooperation mit dem Museum Ulm: "Ein Woodstock der Ideen - Joseph Beuys, Achberg und der Süden". Was zunächst sperrig klingt, ist ein Zitat. Denn tatsächlich galt der kleine Ort Achberg bei Lindau als Woodstock der Ideen.

Beziehungen zum Süden bestehen nicht nur, weil Joseph Beuys Gast war beim Internationalen Kulturzentrum in Achberg. Der Künstler, der den Begriff der Sozialen Plastik prägte, hat in einer Filzfabrik in Giengen an der Brenz seine Filzstoffe gekauft. Und die Honigpumpe, die auf der Documenta 6 in Kassel für Furore sorgte, ließ Beuys im Pumpenwerk in Wangen im Allgäu fertigen. Letztlich aber soll die Ausstellung neben den Bezügen zu Süddeutschland vor allem Beuys" gesellschaftspolitischen Anspruch zeigen: mit Arbeiten aus der Beuys-Sammlung der Städtischen Museen Heilbronn sowie mit Leihgaben.

Die Twin Towers wirken wie Buttersticks

Mit spitzen Fingern in weißen Schutzhandschuhen greift Barbara Martin nach einer Grafik aus dem Beuys-Depot, die die Beschäftigung mit dem Material Fett augenscheinlich macht. 1975 nach einer 3-D-Postkarte entstanden, zeigt Beuys hier in vierfacher Ausgabe die Twin Towers in New York, die er mit einer gelblichen Schuhcreme bestrichen hat. Der Effekt: Die Zwillingstürme wirken wie die in den USA handelsüblichen, länglichen Buttersticks.

In Beuys' Vorstellung heilt das weiche Material den kranken Kapitalismus. Ob die Grafik in die Ausstellung Einzug hält oder die Box mit Unterlagen zu seiner Honigpumpe oder beides, wird Barbara Martin erst entscheiden. Auch wenn sie sich monatelang mit dem Phänomen Beuys beschäftigen könnte, die Kuratorin ist noch mit weiteren Ideen zu Projekten bis 2023 beschäftigt.

Zur Person: 1983 in Karlsruhe geboren, studiert Barbara Martin in ihrer Heimatstadt Kunstgeschichte und angewandte Kulturwissenschaft und wird mit einer Arbeit über das Frauenbild in der französischen Plakatkunst promoviert. An der Ruhr-Universität Bochum absolviert sie ein Aufbaustudium Kuratorisches Wissen und Kunstpublizistik. Seit September ist Martin Kuratorin bei den Städtischen Museen Heilbronn und hat an der Ausstellung mit Fotografien von René Groebli mitgearbeitet, die letzte Woche hätte eröffnet werden sollen. "Es ist ein seltsames Gefühl, wenn man exklusiver Betrachter einer fertigen Ausstellung ist."


Claudia Ihlefeld

Claudia Ihlefeld

Autorin

Seit ihrem Volontariat bei der Heilbronner Stimme 1991 schreibt Claudia Ihlefeld überwiegend über regionale Kultur und Kulturpolitik, aber auch über nationale und internationale Kulturereignisse.

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