Weltbuchtag: Die Kraft und Verlässlichkeit des geschriebenen Wortes

Region  Heute ist der Welttag des Buches. Woher das Wort "Buch" im Deutschen genau stammt, dazu gibt es jede Menge Theorien. Die Redaktion hat Menschen aus der Region gefragt, was sie mit Büchern verbindet und welche sie am meisten berühren.

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Ob der Ursprung des deutschen Wortes Buch in der Buche liegt, ist nicht geklärt. Tatsächlich wurden Runen als Vorläufer unserer Schriftzeichen in Buchenholz geritzt. Als Buch gilt laut Unesco-Definition eine nichtperiodische Publikation mit einem Umfang von mindestens 49 Seiten – zumindest für die Statistik. Apropos Statistik: Da rangieren die Esten ganz oben, was den individuellen Besitz von Büchern betrifft. Wie überhaupt die Nordlichter die fleißigsten Leser und Büchersammler sind. Zum Vergleich: 2018 besaß im Durchschnitt jeder Haushalt in Estland 218 Bücher, in Deutschland waren es 151.

25 Cent pro verkauftem Buch gehen an Unicef

Seit 1995 erinnert der von der Unesco initiierte Welttag des Buches und des Urheberrechts am 23. April an das Kulturgut Lesen und das geschriebene Wort. Warum der 23. April? Das Datum geht zurück auf den katalanischen Brauch, am Namenstag des Heiligen Georg Rosen und Bücher zu verschenken – Sant Jordi ist der Schutzpatron Kataloniens. Buchhändler geben Rabatte, katalanische Unternehmen schenken ihren Mitarbeitern Buchgutscheine. In Deutschland führen der Börsenverein des Deutschen Buchhandels und die Stiftung Lesen die Schüleraktion „Ich schenk dir eine Geschichte“ durch.

In Baden-Württemberg, angeregt vom Landesverband im Börsenverein, spenden Buchhändler pro verkauftes Buch an diesem Tag 25 Cent an ein Unicef-Projekt. Zudem verweist der 23. April auf die Todestage zweier Giganten der Weltliteratur: auf William Shakespeare und Miguel de Cervantes. Beide starben 1616. Allerdings galt in England damals noch der julianische Kalender, während Spanien schon mit dem gregorianischen Kalender rechnete. Und so starb Shakespeare zehn Tage nach Cervantes.

Doch was sagen Persönlichkeiten aus der Region über das Lesen und was verbinden sie damit? Die Redaktion hat sie gefragt und so einige tiefschürfende Gedanken erfahren.

"Alltagsgeräusche lassen mich in die Lektüre versinken." Sophie Püschel, 32 Jahre, Dramaturgin

Als Jugendliche entdeckte ich im elterlichen Bücherregal zwei Titel, deren Lektüre tiefen Eindruck bei mir hinterlassen hat. Zum einen Hans Falladas Roman „Wer einmal aus dem Blechnapf frisst“, dessen Protagonist Willi Kufalt an den Vorurteilen einer selbstgerechten Gesellschaft scheitert, die ihm den Weg zurück ins Leben verstellt. Niemand zuvor hat mir so eindrücklich das sich unerbittlich drehende Hamsterrad sozialer Ungerechtigkeit deutlich gemacht.

Zum anderen Christa Wolfs poetisch dichte Erzählung „Kein Ort. Nirgends“, in der die an sich und ihrer Umwelt zweifelnden Dichter Heinrich von Kleist und Karoline von Günderrode angesichts der zerschlagenen Utopien der Französischen Revolution eine zeitlose Vision formulieren: die Überwindung der Grenzen zwischen Idee und Wirklichkeit, Gedanke und Wort, zwischen den Geschlechtern und Menschen. Bis heute ist mir diese Utopie ein stiller Sehnsuchtsort geblieben.

Wo und wie ich lese? Am liebsten im Park, Café oder in der Bahn. Die Alltagsgeräusche lassen mich in meine Lektüre versinken. Bei schlechtem Wetter gibt es kaum etwas Schöneres, als mit Tee und einem guten Buch auf dem Sofa zu liegen und den Geist auf Reisen zu schicken. Reizvoll am Lesen ist der Perspektivwechsel. Indem ich durch die Augen eines anderen blicke, beginne ich anders über mich und die Welt nachzudenken. 

"Mein Lieblingsplatz zum Lesen ist am Fenster mit Blick auf meinen Garten." Harry Mergel, 65 Jahre, Oberbürgermeister der Stadt Heilbronn

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Auf ein bestimmtes Buch meines Lebens kann ich mich nicht festlegen, aber ich habe viele Bücher, die mich geprägt haben – sowohl persönlich als auch beruflich. In meiner Kindheit war es „Elf Freunde müsst ihr sein“ von Sammy Drechsel. In dem Buch geht es nicht nur um Sport- und Teamgeist, sondern auch um soziale Problemstellungen.

Dann kam die Zeit, in der man versucht, die Welt zu verstehen, die Sturm und Drang-Zeit. Interessiert hat mich auch immer der politische Hintergrund, da fallen mir Ludwig Feuerbach, Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Karl Marx ein. Irgendwann habe ich festgestellt, dass das Sein das Bewusstsein prägt. Eine wichtige Erkenntnis und auch meine Grundhaltung als Politiker später.

Seit vielen Jahrzehnten lese ich gerne Christoph Ransmayr und Peter Handke. In den letzten Jahrzehnten sind auch die Werke von Gerhard Polt zu meinen ständigen Begleitern geworden. Er ist für mich nicht nur Kabarettist, sondern auch Autor, Philosoph, Philanthrop und Humanforscher. Mein Lieblingsplatz zum Lesen ist am Fenster mit Blick auf meinen Garten. Das sind die Stunden, in denen ich das Lesen wirklich genieße. Aktuell lese ich von Christoph Ransmayr „Atlas eines ängstlichen Mannes“, eine wunderbare Reise durch die Welt, durch Glück und Schicksal, durch Leben und Sterben. Da steckt alles drin, was ein gutes Buch braucht.

"Am liebsten lese ich Morgens beim Frühstück und abends vor dem Einschlafen." Miriam Wilke, 57 Jahre, Künstlerin, Grafikerin, Fotografin, Heilbronn

Miriam Wilke

Dantes „Divina Commedia“ begleitet mich, seit ich mit 20 Jahren auf das Hauptwerk des großen Italieners bei einer Freundin gestoßen bin. In deutscher Übersetzung, ich kann kein Italienisch. Und gerade das fasziniert mich: Wie die unterschiedlichen Übersetzungen das Wesen der „Göttlichen Komödie“ treffen.

Meine Lieblingsübersetzung stammt von Karl Vossler aus dem Jahr 1941. Vossler übersetzt die Versform prosaisch. Von den Übersetzungen, die ich hatte, besitze ich nur noch zwei. Die anderen habe ich ausgeliehen und nicht zurückbekommen, wie das so ist.  Wie Dante zu Beginn des 14. Jahrhunderts an das Genre mittelalterlicher Visionen vom Jenseits anknüpft, diese Reise in Ich-Form durch die Hölle über das Fegefeuer zum Paradies, das ist eine Art Harry Potter seiner Zeit. Genial, wie Dante sprachliche Bilder schafft, die bei mir innere Landschaften erzeugen.

Und wie politisch Dante, der seine Heimatstadt Florenz verlassen musste, bei aller Poesie schreibt: ein Buch, das ich immer wieder in die Hand nehme. Auch bei den Zeitgenossen packen mich Autoren, die mit Sprache Stimmungen illustrieren. Wie „Die unheimliche Bibliothek“ von Haruki Murakami und „Was man von hier aus sehen kann“ von Mariana Leky. Wie und wo ich am liebsten lese? Morgens beim Frühstück und abends vor dem Einschlafen.

"Meine Bücher sind im ganzen Haus verteilt." Carmen Würth, 83 Jahre, Gründerin der Bibliothek Frau Holle, Künzelsau

Carmen Wuerth

Lesen ist für mich so wichtig wie Zähneputzen. Wenn ich keine Termine habe, lese ich schon morgens zum oder nach dem Frühstück. Meine Bücher sind im ganzen Haus verteilt, so kann ich mich geschwind auf einen Stuhl, ein Bänkchen oder die Treppe setzen und ein Buch aufschlagen. Dazu muss es aber still sein. Ich kann dabei auch keine Musik hören.

Ich habe ein paar Bücher, die mich schon lange begleiten. Etwa „Der Mann mit den Bäumen“ von Jean Giono. Wenn man diese wahre Geschichte intensiv liest, kann man daraus alles lernen, was man fürs Leben braucht. In „Sternstunden der Menschheit“ erzählt Stefan Zweig von Menschen, die etwas erfunden oder angedacht haben, das für die ganze Menschheit nützlich war. Wenn es einem nicht so gut geht, liest man einfach diese positiven Geschichten.

Auch „Das Buch der Werte“ von Friedrich Schorlemmer und Marc Aurels „Selbstbetrachtungen“ lese ich gerne. Und ein absolut wichtiges Buch für mich ist „Der Mann, der überlebte“ von Lawrence Elliott, der die Lebensgeschichte von George W. Carver und seinen Kampf für die Würde und Rechte von Afroamerikanern erzählt.

"Ich habe immer ein Buch dabei und kann auch im Zug oder in der Warteschlange lesen." Lucas Muth, 35 Jahre, Volontär, Literaturhaus Heilbronn

Lucas Muth

Was mein Lieblingsbuch ist? Das ist wohl eine gefürchtete Frage eines jeden Literaturwissenschaftlers. Viele Bücher haben mich geprägt, am meisten beeindruckt hat mich „Stoner“ von John Williams. Die Titelfigur William Stoner wächst auf einer Farm in Missouri auf, wird an die Uni geschickt, um dort Landwirtschaft zu studieren, verliebt sich dann aber in die Literatur als Wissenschaft und steigt zum Professor auf. Das Buch ist toll geschrieben und hat wundervolle Passagen.

In den 1960ern erschienen, geriet „Stoner“ in Vergessenheit und wurde erst wieder in den 2000ern bekannter. Ich habe es während einer Phase meines Lebens gelesen, zu der es gepasst hat, nämlich am Anfang meines Studiums. Ich will den Zauber nicht zerstören, darum habe ich es nur einmal gelesen.

Für mich bietet Literatur einen ganz besonderen Zugang zur Welt und zu den Menschen. Früher konnte ich nur in ganz ruhigen Situationen lesen, inzwischen bin ich viel flexibler, habe immer ein Buch dabei und kann auch im Zug oder in der Warteschlange lesen. Manche Bücher erfordern aber auch Arbeit. Möchte ich Stellen später wiederfinden, markiere ich sie auch schon mal mit einem Stift. Wenn die Ausgabe allerdings zu schön ist, dann tue ich mich schwer damit. Dann kaufe ich mir dafür eine einfachere Ausgabe, von Reclam zum Beispiel.

"Am liebsten verziehe ich mich mit einer Tasse Tee oder einem Glas Rotwein in eine ruhige Ecke." Oli Palko, 50 Jahre, Betreiber des Alten Theaters Sontheim

Oli Palko

Romanleser bin ich nicht so sehr. Ich bin eher ein Mensch, der sich mit Psychologie, Philosophie und Kreativität auseinandersetzt. Ich bin ein sehr konzentrierter Leser, am liebsten verziehe ich mich mit einer Tasse Tee oder einem Glas Rotwein in eine ruhige Ecke. Wenn ich Einflüsse von außen habe, dann bin ich viel zu abgelenkt und studiere lieber die Menschen.

Ich habe zu Hause zwischen 600 und 700 Bücher – und nur sehr wenige in digitaler Form. Ein Buch, das mich ein Leben lang begleitet hat, ist „Selbstbetrachtungen“ von Marc Aurel. Dieses Buch kann ich immer wieder lesen, es ist zeitlos. Dann bin ich ein großer Fan von Viktor Emil Frankl, einem österreichischen Neurologen und Psychiater. Sein berühmtestes Buch ist „Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn“. Auch in seine Essays kann ich immer wieder reinstöbern, alles von ihm hilft mir ein Stück weiter.

Ein ganz prägendes Werk für mich ist auch „Flow“ von Mihaly Csikszentmihalyi. Das Buch steht bei mir immer so im Regal, dass ich es sehen kann. Aktuell lese ich von der Tanztherapeutin Gabrielle Roth „Leben ist Bewegung“. Sie ist ein sehr interessanter Mensch und gibt Einblicke in die Entstehung der 5-Rhythmen-Praxis. Wenn ich mich zwischen der Musik und Büchern entscheiden müsste? Ich würde die Bücher wählen. 


Claudia Ihlefeld

Claudia Ihlefeld

Autorin

Seit ihrem Volontariat bei der Heilbronner Stimme 1991 schreibt Claudia Ihlefeld überwiegend über regionale Kultur und Kulturpolitik, aber auch über nationale und internationale Kulturereignisse.

Ranjo Döring

Ranjo Doering

Autor

Ranjo Doering arbeitet seit 2015 bei der Heilbronner Stimme. Nach seinem Volontariat und einem Jahr als Redakteur bei der Hohenloher Zeitung ist er seit 2018 im Kulturressort tätig. Seine Schwerpunkte sind Musik, Film, Theater und Kabarett.

Christoph Feil

Christoph Feil

Autor

Seit 2015 ist Christoph Feil bei der Heilbronner Stimme. Er arbeitet im Ressort Leben und Freizeit. Darüber hinaus schreibt er für das Thementeam Wissen, hat den aktuellen Buchmarkt im Blick und stellt für das "Interview der Woche" Menschen gerne Fragen.

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