Denis Scheck stellt in der Kunsthalle Würth seinen literarischen Kanon vor

Schwäbisch Hall  Astrid Lindgren, Leo Tolstoi, Hypatia: Denis Scheck hat die "100 wichtigsten Werke der Weltliteratur" zusammengestellt. In Schwäbisch Hall präsentierte der Literaturkritiker sein Buch.

Von Leonore Welzin
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"Genau so sieht"s bei mir zuhause aus", versichert der Literaturkritiker Denis Scheck dem Publikum in der Kunsthalle Würth in Schwäbisch Hall.

Foto: Leonore Welzin

Hypatia - schon mal gehört? Denis Scheck hat der spätantiken, griechischen Philosophin einen Ehrenplatz in "Schecks Kanon" eingeräumt. Zwar wusste der - laut "taz" - "bekannteste Literaturkritiker der Republik" anfangs nicht, wer in welcher Reihenfolge dabei sein sollte, aber der letzte Platz stand fest. Rang 100 der wichtigsten Literaten und Literatinnen gebühre Hypatia, so Scheck bei der Präsentation seines Kanons in der Kunsthalle Würth.

Obwohl oder weil von ihrem Schaffen nichts überliefert wurde als der ihr zugeschriebene Ausspruch "Verteidige dein Recht zu denken. Denken und sich zu irren ist besser, als nicht zu denken", sei es an der Zeit, sie zu rehabilitieren. Der Grund ihres Verschwindens ist grausam: 60-jährig wurde die kluge Wissenschaftlerin, die auch Mathematikerin und Astronomin war, 415 nach Christus von einem fanatisierten christlichen Mob ermordet.

Wer stellt einen Kanon eigentlich zusammen?

Hier ist er also, live und in Farbe, "der Streiter für das Gute, Schöne, Wahre": Cremig zart ist die augenzwinkernde Ironie, mit der Scheck im Literaturmagazin "Druckfrisch" angekündigt wird, geschmeidig, locker und eloquent ist seine Buchpräsentation, der das Haller Publikum hochkonzentriert folgt. Natürlich sei jeder Anspruch als einzelner Literaturkritiker einen Kanon zu formulieren schierer Größenwahn. Aber Größenwahn könne mitunter auch ganz lustig sein: "Nicht umsonst habe ich Astrid Lindgrens größenwahnsinnigen Herrn Karlsson vom Dach an den Anfang des Unternehmens gestellt." Ein Kanon könne niemals das Werk eines Einzelnen sein, vielmehr seien die wahren kanonisierenden Instanzen Zeit und Gesellschaft, in denen wir leben.

Folglich ändert sich der Kanon kontinuierlich: "Man denke an die 1978 begonnene Serie in der Wochenzeitung ?Die Zeit", die ebenfalls eine Bibliothek der hundert Bücher versammelte - und unter den hundert Autoren sage und schreibe eine einzige Frau, Anna Seghers, aufwies", so Scheck. "Auch um noch wie Marcel Reich-Ranicki selig einen rein deutsch-sprachigen Kanon vorzuschlagen, müsste man sich heute sehr dumm stellen. Meine Wurzeln liegen im literarischen Übersetzen und der Komparatistik", sagt der Literaturkritiker, der konstatiert, dass es kaum einen besseren Indikator für den Fortschritt im Nachdenken über Literatur gibt, als zu betrachten, was in verschiedenen Zeiten kanonisiert wurde.

Was Literatur leisten kann

"Was soll man lesen?" ist die eine Seite der Medaille. Mehr noch interessiert Scheck aber, warum wir lesen. Warum wurden Figuren wie Hänsel und Gretel, Lolita und Oskar Matzerath erfunden? Warum sollte uns die Niedertracht von Richard III. oder die Gier Dagobert Ducks interessieren? Literatur schärfe den Blick, man werde Dreck ausgesetzt, ohne sich dreckig zu machen, sie sei immer eskapistisch, zugleich aber die beste Konfrontationstherapie der Welt, sie verleihe Einsicht in unsere Einsamkeit und leiste uns dabei paradoxerweise Gesellschaft. Gute Literatur verwandelt uns. Deshalb seien Einflüsse auf unsere Neuroplastizität nicht zu unterschätzen. Autoren wie Paulo Coelho und Susanne Fröhlich könnten irreparable Gehirnschäden verursachen, vergleichbar mit jahrelangem Rauchen filterfreier Zigaretten auf Lunge. Wenn Pegasus mit Scheck durchgeht, gelüstet es die Literaturfans nach mehr.

Auch wenn die Zahl der Nichtleser in den letzten fünf Jahren um alarmierende zehn Prozent auf über 16 Millionen gestiegen sei, während parallel dazu das Häuflein der mehrmals pro Woche zu einem Buch Greifenden um fast zwei Millionen auf rund 12,5 Millionen zusammengeschmolzen sei, könne er das Miserere auf den Grundton "Seufz!" nicht mehr hören. Scheck hält es mit Robert Gernhardt: "Ums Buch ist mir nicht bange. Das Buch hält sich schon lange. Man kann es bei sich tragen und überall aufschlagen. Im Sitzen, Stehen, Knien, ganz ohne Batterien. Die meisten ander´n Medien, tun sich von selbst erledigen. Kaum sind sie eingeschaltet, heißt´s schon, sie sind veraltet".

Zur Person

Denis Scheck, geboren 1964 in Stuttgart, lebt heute in Köln. Bereits mit 13 Jahren gründete er eine literarische Agentur. Als Übersetzer und Herausgeber engagierte er sich für Autoren wie Michael Chabon und David Foster Wallace, Antje Strubel und Judith Schalansky. Lange arbeitete er als Literaturkritiker im Radio, heute ist er Moderator der Fernsehsendungen "Lesenswert" im SWR und "Druckfrisch" in der ARD. Denis Scheck ist seit 2014 mit der Journalistin Christina Schenk verheiratet, mit der er eine Aphorismen-Sammlung von Oscar Wilde herausgegeben hat. Neben Harald Unkelbach, Anna Maria Carpi, Harald Hartung, Sigrid Löffler, Péter Nádas und Jürgen Wertheimer ist Scheck Juror des Würth-Preises für Europäische Literatur.


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