Dem Dichter grafisch nachgespürt: "Hölderlin-Bilder" von Lea van Heck

Lauffen  Feinsinnig und unaufdringlich präzise: Die Zeichnungen, Kupferstiche und Linolschnitte der belgischen Künstlerin Lea van Heck im Hölderlinhaus integrieren sich auf wundervolle Weise in die Dauerausstellung, die jetzt wieder geöffnet ist.

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Linolschnitte zwischen Figürlichkeit und Abstraktion: "Geburtshaus − der Neckar + F. Hölderlin" (links), daneben "Der Wanderer". Fotos: Mario Berger

Seit Jahrzehnten beschäftigt sich die belgische Künstlerin Lea van Heck mit Hölderlins Werk. Vor allem mit seiner späten Dichtung steht sie seit den 90er Jahren in einem grafischen Dialog. Mit Bleistift, Radiernadel und Linolwerkzeug schafft sie kleinformatige Bilder. Reduzierte Arbeiten, zarte Linien, die den Dichter Friedrich Hölderlin in seiner Genialität und Zerrissenheit, in seiner Präzision und Entrücktheit auf den Punkt bringen. Das Hölderlin-Haus in Lauffen zeigt jetzt bis Ende August 24 Bilder der Belgierin, figurative und abstrakte Miniaturen.

Integriert auf zwei Stockwerken in die literarische Ausstellung im historischen Haus der Familie Hölderlin in der Nordheimer Straße 5, scheinen sich van Hecks Zeichnungen, Kupferstiche sowie Linolschnitte und die Texte zu Leben und Werk Hölderlins wechselseitig zu befruchten. Der Rundgang durchs Haus gerät zu einer intimen Entdeckungsreise.

Ursprünglich sollte die Ausstellung im belgischen Leuven stattfinden

Dabei war die feinsinnige Bilder-Schau ursprünglich hier nicht vorgesehen. Als vergangenes Jahr van Hecks zum Jubiläum zu Hölderlins 250. Geburtstag geplante Ausstellung "Hölderlin-Bilder" in der belgischen Stadt Leuven coronabedingt abgesagt werden musste, schickte sie den fertigen Katalog an die beiden zentralen Hölderlin-Stätten in Deutschland: nach Tübingen in den Hölderlin-Turm, nach Lauffen ins Hölderlinhaus. Ohne Hintergedanke, einfach ein Belegexemplar.

Die Leiterin des Hölderlinhauses, Eva Ehrenfeld, indes war von den ausdrucksstarken Arbeiten so entzückt, dass sie einen Teil davon dringend in Lauffen präsentieren wollte. Zumal der Kontakt zu Lea van Heck bereits bestand, zwei Mal hatte die Hölderlin-vernarrte Künstlerin vor vielen Jahren seinen Geburtsort besucht. So zeigt etwa ein Linolschnitt Hölderlins Geburtshaus, reduziert wie das Negativ einer Schwarz-Weiß-Fotografie. Darunter hängt postkartengroß "der Neckar + F. Hölderlin" mit abstrakter Linienführung, die Assoziationen freisetzt. Wie auch der Linolschnitt "Der Wanderer" unmittelbar daneben, der den rastlosen Dichter mit wenigen Linien auf Papier bannt.

Emotional aufgeladene Zeichnungen

Mitunter ergänzt Lea van Heck ihre Hölderlin-Reminiszenzen mit Auszügen seiner Gedichte und aus Briefen, die sie handschriftlich mit Bleistift fein säuberlich notiert. "Liebste Mamma, Verzeihen Sie, daß ich mich habe zum zweitenmal an das Weiße Halstuch manen lasse", schrieb der 21-Jährige aus Tübingen. Die emotional spröde Korrespondenz mit der Mutter über Halstuch, Wäsche, Mantel und Strümpfe ist von verblüffender Zweckmäßigkeit. Umso mehr sind Hemd und Halstuch in van Hecks Zeichnungen emotional aufgeladen.

Dem Dichter grafisch nachgespürt: "Hölderlin-Bilder" von Lea van Heck

Integriert in die Dauerausstellung zu Leben und Werk Friedrich Hölderlins, präsentiert das Hölderlinhaus in Lauffen Zeichnungen, Linolschnitte und Kupferstiche von Lea van Heck, die sich vor allem mit dem Spätwerk des Dichters auseinandersetzt.

Neben Figuren oder deren Stellvertreter - etwa das Taschentuch, das die unglückliche Liebe zu Susette Gontard thematisiert, oder der in wenigen Strichen hingeworfene Kaltnadelstich "Der Brief" - spürt Lea van Heck in stilisierten Landschaften dem Wesen, der Stille, aber auch Melancholie Hölderlins nach: zwischen Leben und Tod, Wirklichkeit und Imagination. So wie der Dichter mit der Natur verschmilzt oder eins wird mit der "anderen Hälfte", der platonischen Liebe, so gefahrenvoll kann diese Sehnsucht werden. Unaufdringlich variieren die grafischen Arbeiten van Hecks Hölderlins Gemütsverfassung.

Die unverarbeiteten Verluste des Dichters

Im scheinbar leichten Spiel von Licht und Dunkel, Vorder- und Hintergrund zeichnen sich feingliedrige Gestalten ab und abstrakte Landschaftslinien. Man mag diese Blätter als geheimnisvoll poetisch deuten, aber auch als Zeichen für unverarbeitete Verluste des Dichters.

Die Wendungen in Hölderlins schicksalhaftem Leben übersetzt van Heck grafisch virtuos und unterschwellig psychologisierend. Aus Hölderlins Zeilen "Wo bist du Jugendlicher! Der mich immer zur Stunde wecke des Morgens, wo bist du, nicht!" wird in zarten, suggestiven Linien der Kupferstich "Der blinde Sänger". Den Besucher begleiten van Hecks Bilder als stille Zeugen durchs Hölderlinhaus.

Ausstellungsdauer

Bis 29. August, Donnerstag 17 bis 20 Uhr, Samstag und Sonntag 13 bis 18 Uhr, Eintritt: vier Euro. Die Ausstellung ist mit den üblichen Hygieneregeln geöffnet, zum Besuch des Hofcafés allerdings muss zudem eines der drei Gs - genesen, geimpft, getestet - erfüllt sein.

Lea van Heck, Jahrgang 1946, hat in Brüssel an der Hochschule der Künste studiert. Seit Jahren beschäftigt sich die Professorin für Grafik und Zeichenkunst mit Friedrich Hölderlin (1770 geboren in Lauffen, 1843 gestorben in Tübingen). Zu van Hecks Ausstellung "Hölderlin-Bilder", die ursprünglich 2020 im belgischen Leuven hätte stattfinden sollen, ist ein Katalogbuch erschienen, das für 30 Euro im Lauffener Museumsshop verkauft wird.


Claudia Ihlefeld

Claudia Ihlefeld

Autorin

Seit ihrem Volontariat bei der Heilbronner Stimme 1991 schreibt Claudia Ihlefeld überwiegend über regionale Kultur und Kulturpolitik, aber auch über nationale und internationale Kulturereignisse.

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