"Das Spiel von Liebe und Zufall" feiert in Schwäbisch Hall Premiere

Schwäbisch Hall  Glam Rock trifft Gummihuhn: Philipp Moschitz inszeniert bei den Freilichtspielen Marivaux' bekannteste Komödie. Vom Premierenpublikum gibt es für den bunten Slapstick-Spaß reichlich Applaus.

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"Schsch, nichts verraten!" Erst allmählich wird der Rollentausch in Marivaux' Verwechslungskomödie aufgedeckt. Regisseur Philipp Moschitz hat sie mit viel Slapstick angereichert. Foto: Freilichtspiele Schwäbisch Hall, Ufuk Arslan Fotografie

Die Frage ist doch: Werden wir geliebt, weil wir sind, wie wir sind? Oder weil wir haben, was wir haben? Einen gut bezahlten Beruf, ein schickes Apartment und ein flottes Auto zum Beispiel. Um das herauszufinden, bedarf es in der Regel etwas Zeit. Ein paar Tage mindestens, wenn nicht sogar Wochen oder Monate. Und ist man sich dann der Motive seines Partners oder seiner Partnerin sicher, dann, ja dann kann man ja gemeinsam den Bund der Ehe eingehen.

Doch so viel Zeit lässt der französische Dramatiker Pierre Carlet de Marivaux seiner Hauptfigur Silvia nicht. Dorante, ihr Ehemann in spe, ist schon im Anmarsch. Gesehen haben sich die beiden noch nie. Monsieur Papa hat den Deal eingefädelt - wir schreiben nämlich das Jahr 1730.

Hautenge Leggings, farbige Perücken

Immerhin kann Silvia ihren Vater dazu überreden, dass sie mit ihrer Kammerzofe Lisette die Rollen tauschen darf und so den ihr Versprochenen genauer prüfen kann. Was sie nicht weiß, ihr Vater und Bruder dafür schon: Dorante und sein Diener Harlekin hatten die gleiche Idee, auch sie sind in die Klamotten des jeweils anderen geschlüpft. Und so beginnt "Das Spiel von Liebe und Zufall".

Am Ende der Premiere bei den Freilichtspielen Schwäbisch Hall gibt es am Donnerstagabend reichlich Jubelrufe und Applaus, obwohl das Publikum zunächst etwas braucht, um in die Inszenierung von Regisseur Philipp Moschitz hineinzufinden. Denn so mancher mag sich da noch verwundert die Augen gerieben haben, wie bunt es in Marivaux" bekanntestem und meistgespieltem Stück zugeht. Und zwar buchstäblich.

Cornelia Brey, verantwortlich für Bühne und Kostüme, hat das sechsköpfige Schauspielensemble auf neonleuchtende Podeste gestellt und optisch quasi auf Rokoko-Glam-Rock getrimmt. Silberne Leggings, pinkfarbene Perücken und grelles Makeup für die Herren fehlen ebenso wenig wie knallige Kleider mit traubenförmigen Schürzen für die Damen.

Vater und Sohn halten die Fäden in der Hand

Und Lisette ist ja auch ein sauberes Früchtchen, wie sie mit dem falschen Dorante (Nathanaël Lienhard) spielt und ihn sich zurecht zieht, bis er hündisch winselnd vor ihr auf dem Boden liegt und darauf hofft, dass seine Liebe doch erwidert werden möge. Alice Hanimyan lässt diese Lisette ganz selbstbewusst in ihrer neuen Rolle aufgehen. Martina Lechners Silvia, eine anfangs um keine Antwort verlegene junge Frau, weiß hingegen bald nicht mehr, wie ihr geschieht, als sie sich in den falschen Harlekin (Patrick Nellessen) verguckt.

Vater und Sohn halten im Hintergrund die Fäden in der Hand. Wo Martin Maecker als Mario maliziös stachelt, versucht sich Vater Orgon alias Dirk Weiler gutmütig und wie ein Grundschulpädagoge mithilfe von Handzeichen durchzusetzen.

Das Zeremoniell der Ständegesellschaft wird auf die Schippe genommen

Eine Inszenierung in der Inszenierung ist das. Philipp Moschitz hat sie mit viel Slapstick à la Mel Brooks und Luis de Funès angereichert. Wenn die Figuren gerade keinen Text haben, lässt er sie vom Bühnenrand für komische Einwürfe und Soundeffekte sorgen. Stichwort: quietschendes Gummihuhn.

Ansonsten trotzt Moschitz dem Ensemble in dieser rasanten Verwechslungskomödie, die auch das Zeremoniell einer Ständegesellschaft auf die Schippe nimmt, die groteskesten Verbeugungen ab und jagt es in kleinen Trippelschritten derart geschwind die steile Große Treppe hinauf und hinab, dass einem beim Zusehen ganz angst und bange werden kann. Und Heiko Lippmann hat ihm obendrein noch einige schöne A-capella-Nummern mit auf den Weg gegeben. Denn wie schon die Beatles wussten: All you need is love.

 


Christoph Feil

Christoph Feil

Autor

Seit 2015 ist Christoph Feil bei der Heilbronner Stimme. Er arbeitet im Ressort Leben und Freizeit. Darüber hinaus schreibt er für das Thementeam Wissen, hat den aktuellen Buchmarkt im Blick und stellt für das "Interview der Woche" Menschen gerne Fragen.

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