Das Künstlerpaar VestAndPage produziert einen Performance-Film mit internationaler Beteiligung

Neckarsulm  Das Künstlerpaar VestAndPage produziert das vom Bund geförderte Performance-Film-Projekt "Strata": In Neckarsulm feilen Verena Stenke und Andrea Pagnes an ihren Kozepten, agieren dabei aber auch international.

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Konzeptentwicklung für einen Performance-Film mit internationaler Beteiligung: Die Masken an der Wand hat Verena Stenke selbst gemacht. Gemeinsam mit ihrem Mann Andrea Pagnes bildet Stenke das Künstlerduo VestAndPage.

Foto: Mario Berger

An der Wand in ihrem Studio hängen Fotos von Menschen, die ihnen wichtig sind. Yoko Ono etwa. Vor Jahren hatte sie Andrea Pagnes während der Biennale in Venedig als Assistenten engagiert. VestAndPage nennt sich das Künstlerduo, das in Neckarsulm an Konzepten feilt, aber international agiert. "Unsere Arbeit ist körperlich und psychisch extrem, so dass wir die Ruhe hier in der Provinz genießen." Würden Verena Stenke und Andrea Pagnes allen Einladungen nachgehen, wären sie in coronafreien Zeiten sowieso zehn Monate im Jahr unterwegs.

Seit sich Stenke, geboren in Bad Friedrichshall, und Pagnes, geboren in Venedig, 2006 in Berlin kennengelernt haben, realisieren sie als VestAndPage Performance- und Videokunst. Im Moment suchen sie "den Weg durch den Phantomschmerz Pandemie". Auch diesen Weg scheinen sie als Performance zu begreifen. Im Untergeschoss von Stenkes Elternhaus im Neuberg haben sich die beiden ein Studio und eine Werkstatt eingerichtet.Im Kopf, im Austausch mit Kollegen und am Rechner entwickeln sie das Performance-Film-Projekt "Strata".

Das Konzept hat die Verantwortlichen von "Neustart Kultur" überzeugt und wird gefördert vom Fonds Darstellende Künste aus Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien. In Zusammenarbeit mit dem Museum für Urgeschichte Blaubeuren, dem Museum Ulm, der Universität in Exeter und verschiedenen Netzwerken wie dem Studio Contemporaneo Venedig ist das Kunstfilmprojekt "Strata" eine internationale Kollaboration.

Drehstart ist im April in den Höhlen in Blaubeuren

Drehstart ist im April, bis August treffen - coronaregelkonform - in den Höhlen der menschlichen Vorgeschichte in Blaubeuren Theater, Tanz, Bildende Kunst, Performance und Musik auf Sozial- und Geowissenschaft.

Als Stenke vor ein paar Jahren ihren Mann zum Blautopf nach Blaubeuren führte, war beiden klar: Dies sollte der Ort sein für ein übergreifendes Projekt. Die wachsende Komplexität unseres Lebens verstehen sie "als evolutionäre Konsequenz". "Strata" bedeutet Schichten, ihr Film untersucht, wie die Trennung zwischen Natur und Kultur überwunden werden kann durch eine veränderte Sichtweise der Körper. "Uns interessieren Tiefenzeiten, nicht der Zeitgeist."

"Menschheit, Pluralität, Diversität, ein Riesenthema", das die beiden nicht abschreckt. Die Idee Gesamtkunstwerk ist für sie kein hohler Begriff. Stenke und Pagnes, die sich als "Kontrollfreaks" bezeichnen, schöpfen aus ihrem Erfahrungshintergrund: soziales Theater, Tanz, Bildende Kunst, Philosophie und Literatur.

Lebenswelten nachspüren

Jetzt wollen sie in den Höhlen der Schwäbischen Alb, wo die Menschen während der Eiszeit vor etwa 33 000 bis 43 000 Jahren lebten, Lebenswelten nachspüren.

Was abstrakt klingt, ist ihre künstlerische Strategie: das Beziehungsgeflecht zwischen Körper, Raum und Gesellschaft, dem sie schon in früheren Performance-Projekten auf der Spur waren - zu zweit an der Grenze zwischen Privat- und Sozialsphäre. Stenke und Pagnes auf Marina Abramovi? und Ulay anzusprechen, das international wohl spektakulärste Künstlerpaar der 70er und 80er Jahre, ist so naheliegend wie schmeichelhaft. Während sich Abramovi? und der 2020 verstorbene Ulay zum Abschluss einer legendären Aktion 1988 auf der Chinesischen Mauer öffentlich trennten, verbindet Stenke und Pagnes unverändert ihre radikale Art zu denken, zu handeln und zu fühlen.

Verena Stenke und Andrea Pagnes standen 2013, als Stenkes Vater starb, vor einem Dilemma. Nach Stationen in der Antarktis, Südamerika und Asien lebten sie wieder in Florenz. Obwohl oder eben weil ihre Kunstpraxis situationsbedingt auf soziale Kontexte antwortet, auf natürliche Umgebungen, historische Orte und Architekturen, haben sie entschieden, ihr Basislager in Neckarsulm aufzuschlagen.

Wenn die Pandemie es zulässt, sind sie wieder unterwegs

Konzepte können sie überall entwickeln, ihre Körper als Ausdrucksmittel überall einsetzen. Kommunikation findet international statt via Videoschalte. Wenn die Pandemie es zulässt, werden sie wieder unterwegs sein auf Festivals und Workshops.

Die von VestAndPage initiierte Venice International Performance Art Week wird dieses Jahr wohl nicht stattfinden. Auch nicht im Netz. "Wir glauben an die Unmittelbarkeit und Körperlichkeit der Performance. Diesbezüglich sind wir oldschool." Ähnlich alte Schule wie ihre Art, ihr Werkzeug, den Körper, fit zu halten: mit joggen und Yoga.

Künstlerduo

1962 in Venedig geboren, studierte Andrea Pagnes Literatur, Philosophie und Museologie und hat als Autor, Maler, Kurator, Glasbildhauer und mit dem Isole Comprese Teatro in Florenz im Bereich Soziales Theater gearbeitet. Seit 2006 bildet Pagnes mit Verena Stenke das Künstlerduo VestAndPage, das sich mit extrem körperbetonten Performance- und Videoarbeiten im Grenzgebiet zwischen Privatem und Sozialem den Themen Kommunikation und Transformation widmet. Eine "Poetik der Beziehungen" nennt es das Paar.

Prägend für Pagnes war seine Zusammenarbeit mit Yoko Ono 2003 während der Biennale in Venedig. Für ihr Projekt "Imagine Peace" im Rahmen der Reihe "Utopia Stations" heuerte Yoko Ono Pagnes als Assistenten an, der einen Sommer lang bis November ihren Part übernahm, nachdem der internationale Star der Performancekunst wieder in die USA zurückgeflogen war. Verena Stenke, 1981 in Bad Friedrichshall geboren, studierte Maskenbild, Bildende Kunst, Soziales und Orientalisches Theater, Tanz und Kampfkunst. Seit 2013 lebt und arbeitet VestAndPage in Neckarsulm und agiert international.

 


Claudia Ihlefeld

Claudia Ihlefeld

Autorin

Seit ihrem Volontariat bei der Heilbronner Stimme 1991 schreibt Claudia Ihlefeld überwiegend über regionale Kultur und Kulturpolitik, aber auch über nationale und internationale Kulturereignisse.

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