Das Hölderlinhaus ist jetzt auch für Besucher geöffnet

Lauffen  Coronabedingt drei Monate später als ursprünglich geplant: Das historische Hölderlinhaus in Lauffen präsentiert sich frisch renoviert und mit einer Ausstellung, die den Kultdichter in seinen Gedichten und Briefen lebendig werden lässt.

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An das Haus, das sein Großvater 1743 in Lauffen kaufte und bis 1750 zu einem großzügigen, barocken Beamtenhaus um- und ausbauen ließ, dürfte sich Friedrich Hölderlin kaum erinnert haben. Wenngleich er in dem Gedicht "Stuttgart" seinen "Lieben Geburtsort" erwähnt.

Umso intensiver erinnert die neu gestaltete Ausstellung im Hölderlinhaus an den Dichter. Seit gestern ist das aufwendig renovierte, unter Denkmalschutz stehende Haus in der Nordheimerstraße 5 für das Publikum geöffnet. Drei Monate später als geplant, die Eröffnung mit Prominenz aus Kultur, Wissenschaft und Politik ist aufgrund der Corona-Pandemie ausgefallen.

Dass die Ausstellung im März fertig war, vieles im Haus aber nicht, steht auf einem anderen Blatt. Lieferschwierigkeiten und die Unwägbarkeiten am Bau nennt Eva Ehrenfeld als Gründe, präsentiert dafür jetzt eine feine Ausstellung. "Wir lassen Hölderlin durch seine Texte persönlich sprechen, um in seine Seele zu schauen", sagt die Leiterin des Hölderlinhauses, von der die Konzeption der Schau stammt, die ganz ohne Originale auskommt. Die liegen im Tresor im Hölderlin-Archiv in der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart.

In vier Themenbereichen - Familie, Beziehungen, Autor und Weltsicht - mit zahlreichen Unterkapiteln werden selbstredende Zitate aus Briefen und Gedichten gezeigt. Literatur und Sprache sollen als Erlebnisraum erfahrbar werden. Und das überwiegend mit "analogen" Mitteln, wie Ehrenfeld sagt.

Hohe Auflagen vom Denkmalamt - zu Recht

Das Haus der Familie Hölderlin, die nie wirklich heimisch wurde in Lauffen, ist das wohl authentischste Gebäude unter den Orten, an denen der Dichter lebte, wenn auch nur zwei Jahre. Die Auflagen des Denkmalamts? Hoch, aber zu Recht. So wurde etwa das historische Pflaster im Hof belassen beziehungsweise wurden einzelne Pflastersteine in den neuen Belag integriert. Bis Mitte August soll der Anbau mit einem Veranstaltungsraum fertig sein.

Die ältesten Mauerreste im Eingangsfoyer bei der Kasse sind von 1560. Blickt man nach oben, sind die Zwischendecken ausgebeint und strahlen Hölderlinworte in Leuchtschrift. Im Übergang zum eigentlichen Wohntrakt der Hölderlins, dem Introraum, läuft ein Filmmitschnitt aus dem Schülermusical "Hölderlin". Der Film über Hölderlin-Orte, der künftig hier projiziert wird, ist noch in der Mache.

Literarische Schau in den vier Räumen der einstigen Wohnetage

Im Flur bei der einstigen Haustür erkennt man am groben Fußboden, dass die Hölderlins Landwirtschaft betrieben, das heißt, betreiben ließen. Links und rechts befinden sich heute zwei museumspädagogische Räume. Eine Treppe reicht über drei Stockwerke und wird von einem für die Zeit kostbar verzierten, gedrechselten Baumstamm gehalten. Rund 270 Jahre liefen Personen hier hoch und runter, doch sie ist gut erhalten und führt zur literarischen Schau in den vier Räumen der einstigen Wohnetage.

Die Ausstellung zeigt Hölderlins Willen, Schriftsteller zu werden, seine politische Haltung, aber auch seinen Eigensinn. Der verzweifelte Schüler der Maulbronner Klosterschule kommt zu Wort, der streitbare Student in Tübingen, der Liebhaber und Frauenfreund, der stramme Wanderer, politische Schwärmer und radikal politische Kopf. Schließlich wird der geniale Schöpfer gefeiert von bizarren Worten wie "leichtanregendes Licht", "lebenatmend", "bleierne Zeit", "Fremdlingin" oder "ruhigahnend", die der Lyrik der Moderne einiges vorwegnehmen.

Kultautor und gebrochene Lichtgestalt

Als Leuchtschrift schweben Worte des Sprachschöpfers Friedrich Hölderlin im behutsam renovierten historischen Wohnhaus der Familie in Lauffen.

Fotos: Ralf Seidel

Eva Ehrenfeld weiß um die Schwierigkeiten einer Literaturausstellung. Lange Erklärtexte möchte der Besucher nicht lesen. Allein die markanten Beispiele aus Hölderlin- Gedichten und Briefen machen den Mensch und Dichter lebendig: den Kultautor und die gebrochene Lichtgestalt, die die Hälfte ihres Lebens seelisch und geistig zerrüttet im Turm in Tübingen verbrachte.

Zur Vertiefung von Leben, Werk und der Epoche Hölderlins dient ein Audioguide. Betritt man den Erlebnisraum Gedicht, bringt ein Bewegungsmelder die Stimme von Schauspieler Hanns Zischler zum Sprechen, dem begnadeten Rezitator. Im Dachgeschoss sind Äußerungen zu Hölderlin zu hören. Weitgehend original, lädt das Sommerzimmer mit neuem Sofa und Sessel zum Lesen und Verweilen ein.

 

Historischer Ort

Geboren 1770 in Lauffen, gestorben 1843 in Tübingen, zog Friedrich Hölderlin im Alter von zweieinhalb Jahren nach dem frühen Tod des Vaters mit der Familie in das Haus, das sein Großvater gekauft hatte. Zwei Jahre später ziehen die Hölderlins nach Nürtingen. Jetzt ist das historische Haus wieder zugänglich: Donnerstag, Samstag und Sonntag 13 bis 18 Uhr. Coronabedingte Anmeldung unter www.hoelderlinhaus.de

 

Claudia Ihlefeld

Claudia Ihlefeld

Autorin

Seit ihrem Volontariat bei der Heilbronner Stimme 1991 schreibt Claudia Ihlefeld überwiegend über regionale Kultur und Kulturpolitik, aber auch über nationale und internationale Kulturereignisse.

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