Camouflage-Sänger Marcus Meyn: "Wir haben den Nerv der Zeit getroffen"

Interview  Die Band aus Bietigheim-Bissingen feierte Ende der 80er Jahre weltweit große Erfolge mit Liedern wie "Love is a Shield" und "The Great Commandment". Mit Sänger Marcus Meyn haben wir uns über die Anfänge und die Zukunftspläne des Trios unterhalten.

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Im Jahr 2023 feiern Camouflage ihr 40-jähriges Bestehen als Band: Dann wollen (von links) Markus Meyn, Oliver Kreyssig und Heiko Maile auch wieder Konzerte spielen. Ein neues Album ist im Moment nicht geplant. Foto: Klaus J.A. Mellenthin

Mit "Love is a Shield" und "The Great Commandment" gelangen Camouflage aus Bietigheim-Bissingen Ende der 80er Jahre gleich zwei Hits. Ihr Album "Meanwhile" feiert in diesem Jahr 30-jähriges Jubiläum, die Band 2023 sogar ihr 40-jähriges Bestehen. Anlass für ein Gespräch mit Sänger Marcus Meyn.

 

Herr Meyn, lassen Sie uns zunächst zurückgehen an den Anfang der 1980er Jahre. Wie war das Leben damals in Bietigheim-Bissingen?

Marcus Meyn: Sehr behütet. Es gab tatsächlich eine Drogenszene, die Amerikaner waren damals noch stationiert und haben ziemlich viele Drogen mitgebracht. Die Stadt hatte eine wirklich tolle Kneipenszene und eine Disco, in der DJs Musik aus aller Herren Länder spielten. Interessant, denn so wurden uns viele Bands nahegebracht, die wir bis dato nicht kannten.

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1983 folgte dann die Bandgründung von Camouflage.

Meyn: Durch die Musik, die man hörte, hatte man große Lust, das selbst zu machen. Synthie-Pop-Bands wie Depeche Mode, Human League, Heaven 17 oder Gruppen wie Spandau Ballet, Simple Minds und natürlich auch Kraftwerk waren da wichtig. Gitarre und Schlagzeug wurden weggepackt, um stattdessen Synthesizer-Musik zu machen.

 

Camouflage wurden und werden immer wieder mit Depeche Mode verglichen. Nervt Sie der Vergleich?

Meyn: Irgendwann hat das schon genervt, weil der Vergleich sich immer wiederholt hat. Allerdings wurde nur in Deutschland in diesen Schubladen gedacht. Im Ausland war es den Medien und den Leuten total egal. Da waren wir eine Band, die elektronische Musik macht.

In den Vereinigten Staaten haben Camouflage große Erfolge gefeiert. Wie erklären Sie sich das?

Meyn: Erklären kann ich es nicht, aber die Plattenfirma hat uns von einigen Theorien berichtet. Einerseits waren unsere Schallplatten einfach als Import sehr beliebt. Der andere Grund war wohl, dass die Leute gedacht haben, wir wären Depeche Mode. Sie kannten keine andere Band, die so einen Sound hatte. Wir haben Verkäufe von Depeche Mode angekurbelt und andersrum. Es war eine erstaunliche Symbiose, die da entstanden ist. Irgendwie haben wir mit unserer Musik auch einfach den Nerv der Zeit getroffen.

 

Die Musik hat auch immer Anklang gefunden in der Gothic-Szene.

Meyn: Das ist die größte und treuste Fangemeinde, die wir haben. Aus dieser Szene kommen nach wie vor viele Menschen zu unseren Konzerten. Im Vergleich mit anderen Bands, die in dieser Szene gehört wurden, waren wir aber die mit der lebensbejahendsten und positivsten Musik. Generell war es schön zu bemerken, wie tief die Leute unsere Musik berührt, dass sie damit etwas Gutes verbinden.

 

Mit "Love is a Shield" und "The Great Commandment" kam Ende der 80er dann der große Erfolg. Haben Sie schon vorab gespürt, dass diese zwei Lieder Hit-Potenzial haben?

Meyn: Nein, wir waren von dem Erfolg total überrascht. Nie hätte ich gedacht, dass ein Song wie "The Great Commandment", der im Physikunterricht entstand, in Amerika in die Charts kommt. Man kann Erfolg nicht programmieren, es sei denn, man macht über viele Jahre immer das gleiche und versucht ihn zu konservieren. Es gibt Bands, die so den Erfolg ausschlachten. Das wollten wir nie.

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Mit dem dritten Album "Meanwhile", das 2021 sein 30-jähriges Jubiläum feiert, hat Camouflage viel gewagt und vor allem den Sound verändert, weg von elektronischen Klängen und hin zur klassischen Bandbesetzung.

Meyn: Es war eine Zäsur. Wir sind vom Trio zum Duo geschrumpft und haben die erste große Livetour mit Band gespielt. Daraus entstand die Freude, mit diesem Gerüst zu arbeiten und zu komponieren. Das war die Basis für unser drittes Album. Das war eine Entwicklung, die wir unbedingt machen wollten.

 

Die aber auch viele Fans deutlich vor den Kopf gestoßen hat.

Meyn: Darüber haben wir uns keine Gedanken gemacht. Unser Management und unsere Plattenfirma dagegen schon. Die waren nicht begeistert und haben das Unheil kommen sehen. Wir haben aber schon immer das gemacht, was wir wollen. Mit unseren beiden ersten Platten hatten wir ganz großes Glück, mit der dritten halt nicht mehr. Die Fans haben das nicht verstanden, und wir konnten keine neuen dazugewinnen.

 

Misserfolg ist für viele Künstler gleichbedeutend mit dem Karriereende. Camouflage feiern im Jahr 2023 aber 40-jähriges Bandjubiläum.

Meyn: Wir hatten Erfolg und Misserfolg. Es gab aber einen krassen Einschnitt in den 90ern. 1995 habe ich aufgehört, nur von der Musik zu leben. Mit meinem 30. Geburtstag ging ich erstmalig ein Angestelltenverhältnis ein und inzwischen habe ich eine Baufirma. Ich konnte einfach nicht mehr von der Musik leben. Wir haben mehrere Jahre nichts als Band gemacht, uns aber irgendwann wieder getroffen und entschieden: Wenn wir weitermachen, dann in Originalbesetzung. Denn wir machen Musik als drei Freunde.

 

Nach dem bislang letzten Streich "Greyscale" von 2015: Ist ein neues Album von Camouflage in Planung?

Meyn: Es ist nicht absehbar. 2023 wollen wir zum Bandjubiläum aber wieder Konzerte spielen. Wir wissen noch nicht was kommt, aber es wird definitiv etwas kommen.

 

Geschichte der Band

Die Band gründete sich 1983 in Bietigheim-Bissingen zunächst als Licenced Technology. 1984 folgte die Umbenennung in Camouflage (französisch für Tarnung, Verhüllung), inspiriert von einem Lied der Gruppe Yellow Magic Orchestra. Bis heute hat die Band acht Studioalben veröffentlicht, zuletzt "Greyscale" (2015). Die größten Erfolge hatten Camouflage Ende der 1980er.


Ranjo Döring

Ranjo Doering

Autor

Ranjo Doering arbeitet seit 2015 bei der Heilbronner Stimme. Nach seinem Volontariat und einem Jahr als Redakteur bei der Hohenloher Zeitung ist er seit 2018 im Kulturressort tätig. Seine Schwerpunkte sind Musik, Film, Theater und Kabarett.

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