Blick ins Fenster bei der Neuen Kunst im Hagenbucher

Heilbronn  Einfach mal eben stehen bleiben und Filme von außen schauen bei der Neuen Kunst im Hagenbucher in der Kleiststraße. Wegen Corona sind alle Aktionen im Inneren der Künstlerwohnung für dieses Jahr abgesagt.

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Seit 2015 hat Die Neue Kunst im Hagenbucher eine Wohnung in der Kleiststraße 17 gemietet. Corona bedingt sind nun Filme im Fenster zu sehen.

Foto: Andreas Veigel

Internetbesuche in Museen interessieren sie nicht. "Das dient durchaus der Information", räumt Mechthild Bauer-Babel ein. Sie aber will das Original. Das Original ist seit einigen Jahren das Haus in der Kleiststraße 17. Genauer die Künstlerwohnung im Erdgeschoss.

Die Initiatorin der Neuen Kunst im Hagenbucher, die seit 1988 über 20 Jahre das ehemalige Hagenbuchergebäude am Wilhelmskanal für zeitgenössische Kunst und ungewohnte Formate geöffnet hatte, hat den Markennamen mitgenommen. Neue Kunst im Hagenbucher, kurz NKH, ist unverändert eine wohlklingende Adresse für Künstler aus dem In- und Ausland. Obwohl das Label umgezogen ist. Zuerst in einen Laden in die Dammstraße, seit 2015 ist die Kleiststraße das Domizil für ortsbezogene Arbeiten und Aktionen in der einfachen Dreizimmerwohnung, die Mechthild Bauer-Babel von der Stadt gemietet hat.

Blick durch Fenster

Ende März sollte Steffen Schlichter aus Kirchheim/Teck eine Installation präsentieren. Wegen Corona abgesagt, wie alle für dieses Jahr geplanten Projekte, wird Schlichters Arbeit wohl in anderer Form realisiert. Als Blick durchs Fenster. "Ich habe mich bewusst entschieden, keine Raumarbeiten zu zeigen. Ich will nicht aufpassen, dass Menschen Abstand halten."

Stattdessen zeigt die auch mit 82 Jahren diskussionsfreudige und couragierte Kunstermöglicherin, die sich ausdrücklich nicht als Galeristin versteht, erst einmal Filme. Dienstags und donnerstags zwischen Dämmerung und Dunkelheit flimmern bewegte Bilder im Fenster rechts neben der Eingangstür. Zurzeit sind es 28 Shorts von Gabi Rets, 28 kurze Filme, die im altmodischen Fernsehformat zwei Stunden lang Schleife laufen, vergnügliche und kuriose Minidramen: Die 5-Minuten-Fensterschau, kleine Bildergeschichten der Zeichnerin Rets aus dem niederländischen Nimwegen, werden mit Overheadprojektoren von innen projiziert. Eine unspektakuläre Sache, die eine umso auratischere Atmosphäre schafft.

Fensterfilme: Dienstags und donnerstags (außer 4. Juni), 20 bis 22 Uhr, Kleiststraße 17.

Wer vorbeikommt, bleibt neugierig bis irritiert stehen. Andere halten verstohlen nur kurz den Schritt an. Das Simple dabei: Wer draußen vorbeigeht, sieht vom Dunkeln aus ins Fenster, aber nicht in die Wohnung. Und doch ist es ein Einblick in ein Stück andere Welt. Und es beeinflusst die Wahrnehmung der übrigen Fenster, der heruntergekommenen Hausfassade, der multikulturellen Wohnsituation in der Kleiststraße. Die Kinder, die hier abends noch aus der Haustür springen, kennen die Zeichentrickfilme und lachen. Im zweiten Stock wird spät gegessen, an diesem lauen Abend stehen viele Fenster offen.

Voyeurismus ist Teil des Konzepts

Eine lautstarke Diskussion und das Geklapper von Geschirr dringen auf die Straße herunter, wo wenige Passanten auf das Fenster im Erdgeschoss blicken. Dieser Voyeurismus ist Teil des Konzepts. "Dieses nicht genau wissen, was da ist. Da taucht etwas auf wie selbstverständlich und verwundert zugleich", erklärt Mechthild Bauer-Babel die Situation, die an Straßenzüge in Holland erinnert: wenn man abends an einer unbekannten Adresse vorbeikommt und es sein kann, dass man mal eben stehen bleibt - und guckt.

Weitere Filme werden folgen, etwa eine Dokumentation zur Neuen Kunst im Hagenbucher von Almut Glinin. Auch hat Bauer-Babel Künstler eingeladen, etwas für das Wohnungsinnere zu schaffen, das der Flaneur allerdings nur von außen mit den Augen erhaschen wird. Aber wie stets bei der Neuen Kunst im Hagenbucher will sie den Künstlern keine Vorschriften machen.

Unter dem Label Neue Kunst im Hagenbucher ermöglicht Mechthild Bauer-Babel seit 1988 Aktionen, Performances und Projekte, die es sonst schwer nach Heilbronn schaffen würden. In Stuttgart geboren, in Weinsberg und Heilbronn aufge-wachsen, sammelte sie zu ihrem 50. Geburtstag vor 32 Jahren Geld für ein Buchprojekt für eine Kunstwoche: Es war die Geburtsstunde der Neuen Kunst im Hagenbucher, wenngleich Bauer-Babel noch keinen Ort dafür im Sinn hatte. Bei Erkundungen nach einem Raum stieß sie auf den ehemaligen Speicher für Ölsaaten am Hagenbucher.


Claudia Ihlefeld

Claudia Ihlefeld

Autorin

Seit ihrem Volontariat bei der Heilbronner Stimme 1991 schreibt Claudia Ihlefeld überwiegend über regionale Kultur und Kulturpolitik, aber auch über nationale und internationale Kulturereignisse.

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