Bildhauerin und Malerin Ursula Stock hat den Zeitgeist ins Schwarze getroffen

Güglingen  Ihr Atelierhaus, das ihr Lebensgefährte, der Architekt Heinz Rall, entworfen und gebaut hat ist ein lichtdurchflutetes Gesamtkunstwerk, ein gut sortiertes Privatmuseum und eine Oase der Ruhe am Rande von Güglingen. Ein Atelierbesuch bei der Bildhauerin und Malerin Ursula Stock.

Von Leonore Welzin
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"Ich wuchs mit den Aufgaben, die sich mir stellten", sagt die Künstlerin Ursula Stock. Anlässlich des Hölderlin-Jubiläumsjahres 2020 hat sie eine Kunstmappe angefertigt, deren erste Auflage bereits vergriffen ist.

Foto: Leonore Welzin

Kaum bei Ursula Stock angekommen, klingelt das Telefon. Sie lebt und arbeitet im Atelierhaus, das ihr Lebensgefährte, der Architekt Heinz Rall, entworfen und gebaut hat. Der mediterrane Baustil mit Skulpturengarten kommt nicht nur dem Werk der vielseitigen Bildhauerin entgegen, er ist ein lichtdurchflutetes Gesamtkunstwerk, ein gut sortiertes Privatmuseum und eine Oase der Ruhe am Rande von Güglingen.

Ursprünglich hatte Ursula Stock Geistes- und Sozialwissenschaften studiert, zunächst in München, wegen Helmut Schelsky wechselt sie 1960 nach Hamburg. Der Wissenschaftler mit Bestsellern wie "Soziologie der Sexualität" (1955) und dem ebenfalls auflagenstarken Buch "Die skeptische Generation" (1957) galt damals als "Stichwortgeber des Zeitgeistes". Von ihm stammt auch das erste Lehr- und Handbuch zur modernen Gesellschaftskunde.

Holzreliefs sind ihre ersten Arbeiten

Schelsky verlässt Hamburg, Ursula Stock bleibt und studiert drei Jahre Malerei an der Hochschule für Bildende Kunst. Namhafte Professoren wie Klaus Bendixen (1924-2003), Hans Thiemann (1910-1977), Richard Lindner (1901-1978) und Eduardo Paolozzi (1924-2005) sowie Studien-Aufenthalte in Ägypten (1960), der Türkei (1962) und in Mexiko (1963-1964) bilden den Grundstock für frühe Arbeiten, beispielsweise die Holzreliefs aus den späten 60er Jahren mit Titeln wie "Quezalcoatl", "Coatlicue" oder "Huizilopotschli". Ausschließlich in Primärfarben, wirken diese Objekte wie aztekisch inspirierte Paraphrasen auf Barnett Newman"s Spätwerk "Who"s afraid of Red, Yellow and Blue".

Den abstrakten Anfängen folgte anschließend eine Phase surrealer Malerei mit thematischem Bezug zur Antike (Orpheus-Zyklus, 1979). Erst mit der Bildhauerei, nicht zuletzt durch die Zusammenarbeit mit dem Architekten Heinz Rall (1920-2006), wendet sie sich der Darstellung von Menschen zu. "Mein erster Bronzeguss war der Weinbrunnen in Güglingen, der dank einer Spezialarmatur auch Wein spenden kann - aus Trauben, die an Brüste antiker Fruchtbarkeitsgöttinnen denken lassen."

Ihr größtes Projekt war die Stadtkernsanierung des einst dörflichen Güglingen

"Ich wuchs mit den Aufgaben, die sich mir stellten", sagt die Künstlerin, die mitverantwortlich für die Stadtkernsanierung des einst dörflichen Güglingen war. Das visionäre Projekt wurde vom "Architekten", wie sie ihren Lebens-, Kunst- und seit 1999 auch Ehepartner nennt, initiiert. Nicht ohne heiße Diskussionen im Gemeinderat wurde es schließlich umgesetzt.

Zum 100. Geburtstag würdigt Güglingen nun den Architekten Heinz Rall mit einer Fotoausstellung, die vom Leiter des Römermuseums, Enrico De Gennaro, kuratiert wurde und über die sich Ursula Stock sehr freut. Flankierende Veranstaltungen fallen wegen der Corona-Pandemie derzeit leider aus. Darauf bezieht sich auch der Anrufer am anderen Ende des Telefons: Horst Seizinger. Der Schulleiter im Ruhestand und ehemaliger Gemeinderat, der einen Stadtspaziergang zur Ausstellung geplant hatte, berät nun, ob der Spaziergang im März nachgeholt werden könne. Ursula Stock ist zuversichtlich.

Als "Corona-Extra": 25 Variationen von Hölderlin

Sein Anruf hat noch einen Anlass: Er bedankt sich für die Kunstmappe "Hölderlin", die Ursula Stock als "Corona-Extra" zum 250. Dichterjubiläum angefertigt hat. Ausgehend von drei Bildnissen - dem idealisierten Hiemerschen Pastell des Jugendschönen, einer Bleistiftskizze des 16-Jährigen im Maulbronner Seminar und einer späten, 1823 im Tübinger Turm entstandenen des gebrochenen, alten Mannes - hat Stock 25 Hölderlin-Variationen gezeichnet. Der Dichter in drei Lebensphasen und in unterschiedlichen Konstellationen, unter anderem mit dem gleichaltrigen Beethoven oder der historischen Gestalt eines Pestarztes, der mit Schnabelmaske dem Dichter über die Schulter schaut. Die erste Auflage ist bereits vergriffen, Stock hat den Zeitgeist ins Schwarze getroffen und plant eine zweite Auflage.

Geschichte wird lebendig in den Brandenburger Torheiten

Geschichtliche Erfahrung und gegenwärtige Befunde galoppieren bei Ursula Stock auf einer Zeitachse, die aus der Tiefe mythischer Räume kommt. Eine Steilvorlage ist das Brandenburger Tor, Symbol für Teilung und Vereinigung, für Zukunftsvisionen und Vergangenheitsbewältigung. Unter dem Titel "Quadriga zügellos" präsentiert Stock 2000 zu ihrem Berliner Debüt Graphitzeichnungen und Skulpturen. 2004 riskiert sie einen kritischen Blick auf Berlins Bau- und Kulturpolitik und nennt es "Brandenburger Torheiten". Die "Berliner Sitzgelegenheiten" und ein "möblierter Irrgarten" sind glänzende Gartenmöbel aus Aluminium, wobei auch hier die überraschend ironischen Titel elegant die Bedeutungsschwere repräsentativer Funktionen an Orten wie der Landesvertretung Baden-Württemberg aufbrechen.


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