Beobachter des Alltags: Die irritierenden Skulpturen von Elmgreen & Dragset

Künzelsau  Das Museum Würth 2 in Künzelsau präsentiert eine Werkschau der Robert-Jacobsen-Preisträger Elmgreen & Dragset und entführt in formal klare und dabei absurde Räume.

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Michael Elmgreen (links) und Ingar Dragset sind Träger des Robert-Jacobsen-Preises der Stiftung Würth. Foto: Würth

Seit 26 Jahren arbeiten sie zusammen. Ihre skulpturalen Installationen finden sich weltweit im öffentlichen Raum und in renommierten Sammlungen. Jetzt wurde das Künstlerduo Elmgreen & Dragset mit dem 14. Robert-Jacobsen-Preis der Stiftung Würth ausgezeichnet: für ihr "weniger von einer marktgängigen Handschrift als von einer menschlichen Haltung" geprägtes Gesamtwerk, das eine gesellschaftliche Relevanz behauptet, wie die achtköpfige Jury urteilt.

Seit 1993 wird der Preis in Erinnerung an den dänischen Bildhauer Robert Jacobsen (1912-1993) alle zwei Jahre an zeitgenössische Plastikerinnen und Plastiker vergeben. Erstmals ist er mit 50 000 Euro dotiert.

Mit subversivem Humor

Mit subversivem Humor reflektieren Michael Elmgreen und Ingar Dragset soziale und kulturelle Strukturen und arbeiten mit Strategien des Absurden und der Irritation. Dabei gehen Elmgreen und Dragset, die in Berlin leben, offenbar nüchtern pragmatisch, mitunter popkulturell vor, und doch stehen ihre handwerklich perfekten Plastiken in einer skulpturalen Tradition. Diese Ambivalenz macht die ästhetische Wirkung ihres Werks aus.

Eine kleine Werkschau in Kooperation mit den Künstlern mit ausgewählten Arbeiten im Belvedere im Museum Würth 2 und im Skulpturenpark um das Carmen-Würth-Forum in Künzelsau-Gaisbach bringt diese Arbeitsweise des Duos exemplarisch auf den Punkt: Elmgreen und Dragset hinterfragen Gewohntes und Gewohnheiten, auch den Ausstellungsbetrieb und die Kunstwelt, wie jüngst mit ihrer Intervention auf der Art Basel. Und sie schaffen zeitlos übertragbare Raumsituationen, die man überall auf der Welt versteht, wie Laudator Bernhard Maaz anmerkt, Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen und Mitglied des Kunstbeirates der Sammlung Würth. "Die Arbeiten weisen eine hohe soziale Relevanz und extreme Eindringlichkeit auf."

Ausstellungsdauer

Museum Würth 2, bis 6. Februar, täglich von 11 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei.

"Unsere Arbeit ist kein Kompromiss"

Die Künstler selbst sprechen von "observation of society": Diese Beobachtung ihrer Umgebung verstehen sie als eine Form, sich auszudrücken. Nicht von ungefähr hat der 1961 in Kopenhagen geborene Michael Elmgreen ursprünglich Gedichte geschrieben und vorgeführt und der 1969 geborene Norweger Ingar Dragset Schauspiel studiert.

Ob sie immer einer Meinung sind? Wie hat man sich die gemeinsame Arbeit vorzustellen? "Unsere Arbeit ist kein Kompromiss", sagt Elmgreen. "Sondern das kleine grüne Monster zwischen uns."

Ein Betonsegment der Berliner Mauer

Beobachter des Alltags: Die irritierenden Skulpturen von Elmgreen & Dragset
Im Museum Würth 2 ist eine Werkschau des international gefragten Duos Elmgreen & Dragset zu sehen. Foto: Würth

Auf dem Platz vor dem Carmen-Würth-Forum steht mit "Statue of Liberty" ein so formal klarer wie symbolträchtig hintersinniger Kommentar zur deutsch-deutschen Wiedervereinigung und zum Ausverkauf von Geschichte. In ein Betonsegment der Berliner Mauer haben die Künstler einen Geldautomaten eingelassen und nennen diesen Mauerdurchbruch Freiheitsstatue. Meist assoziierten die Menschen mit der Mauer heute nur Graffiti, "die es auf der Ostseite definitiv nicht gab", erinnern die Künstler.

Sehen und gesehen werden, oben und unten, privat und öffentlich, Ausgrenzung und Dazugehörigkeit sind Themen ihrer minimalistischen Formensprache. "The Observer", mit nacktem Oberkörper und einer Kippe in der Hand, lehnt sich über einen Balkon und blickt nachgerade provozierend auf den Betrachter herab. War der Balkon einst bourgeoise Bühne, ist er hier Chiffre anonymer Wohnzellen.

Blick in die Hohenloher Landschaft

Den Beobachtungsposten gibt auch der Bademeister-Typ mit seinem Feldstecher nicht auf: Die Skulptur "Watching" fügt sich kongenial in den Ausstellungsraum Belvedere, der wiederum den Blick freigibt in die Weite der Hohenloher Landschaft. An der Wand gegenüber zieht mit Spachtel und kraftvollem Duktus die, als sei sie aus Carrara-Marmor, rein weiße Figur "The Painter" eine weiße Farbbahn über eine akkurat gespannte Leinwand.

Bei aller Viel- und Doppeldeutigkeit besticht die Präzision der Skulpturen. Wie bei "Human Scale", einem charmanten Schwimmbad-Loop mit winzig-blauem Sprungbrett, zu dem sie David Hockneys Pool-Bilder inspiriert haben. Draußen im Skulpturengarten entdeckt, wer aufmerksam schaut, drei der sogenannten "Adaptations": verfremdete Verkehrsschilder aus Spiegelglas, die den reglementierten Alltag ad absurdum führen. So wie überhaupt das Absurde der Leitfaden ist im Werk von Elmgreen & Dragset.

Zur Person: Das bekannteste Projekt des Künstlerduos Elmgreen & Dragset dürfte "Prada Marfa" sein, eine 2005 in der texanischen Wüste eröffnete maßstabsgetreue Nachbildung einer Boutique des Modeunternehmens. 2011 stellt ihre Bronze "Powerless Structure", ein Junge, der auf einem Schaukelpferd reitet, auf dem Trafalgar Square London die Tradition von Kriegsdenkmälern infrage. Seit 2008 erinnert eine Skulptur der beiden im Tiergarten Berlin an die homosexuellen Opfer der Nazis.


Claudia Ihlefeld

Claudia Ihlefeld

Autorin

Seit ihrem Volontariat bei der Heilbronner Stimme 1991 schreibt Claudia Ihlefeld überwiegend über regionale Kultur und Kulturpolitik, aber auch über nationale und internationale Kulturereignisse.

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