Autor Joachim Bessing hat den Roman "Hamburg. Sex City" veröffentlicht

Bietigheim/Region  Der gebürtige Bietigheimer Joachim Bessing erinnert sich in seinem autobiografischen Buch an eine pulsierende Metropole. Wir haben uns mit dem Autor über seine schwäbische Herkunft und den Mythos über die Stadt Hamburg in den 90er-Jahren unterhalten.

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Joachim Bessing hat den Roman "Hamburg. Sex City" veröffentlicht. Foto: Christian Werner

Lange Clubnächte, flackernde Leuchtreklamen auf St. Pauli und eine florierende Subkultur: In den 90er Jahren war Hamburg das popkulturelle Zentrum Deutschlands. Schriftsteller Joachim Bessing, der in Bietigheim geboren wurde, zog es mit Anfang 20 in den hohen Norden. In seinem neuen, autobiografischen Roman "Hamburg. Sex City" beschreibt der 49-Jährige seine Eindrücke und den Sprung von der schwäbischen Provinz in eine pulsierende Metropole.

 

Herr Bessing, Sie sind in Bietigheim geboren. Wie langweilig war denn das Leben in der süddeutschen Provinz?

Joachim Bessing: Es war überhaupt nicht langweilig. Ich hatte eine wirklich schöne Kindheit. Wir haben auf dem Land gewohnt und ich bin in der Natur aufgewachsen. Meine Großeltern kamen aus Heilbronn und meine Eltern wohnen immer noch in einem kleinen Ort im Strohgäu in der Nähe von Bietigheim. Ich bin Lokalpatriot und koche oft schwäbische Spezialitäten. Und ich komme immer wieder gerne hierher zurück. Problematisch wurde es damals erst, wie das bei vielen Jugendlichen ist, als ich mit 14 ein eigenes Leben haben wollte.


Anfang der 90er Jahre hat es Sie magisch nach Hamburg gezogen. Was hat die Stadt damals so schillernd und faszinierend gemacht?

Bessing: Zunächst einmal: Hamburg ist für mich inzwischen eine überbürgerliche, wahnsinnig langweilige und reizlose Stadt geworden. Kurze Zeit nach dem Mauerfall saßen dort aber noch alle großen Plattenfirmen, alle wichtigen Verlagshäuser und Werbeagenturen. Der größte Teil der Underground-Szene kam damals aus Hamburg. Wer homosexuell war oder dem Wehrdienst ausweichen wollte, ist nach Berlin gezogen. Alle anderen gingen nach Hamburg, da gab es keine Alternative. Andere Städte wie München waren viel zu nahe dran an dem, was man schon kannte.

 

Hat sich der Mythos der Metropole dann auch bewahrheitet?

Bessing: Das Nachtleben und der Subkultur-Mythos hat sich bewahrheitet. Ich bin dort richtiggehend aufgeblüht. Man hat Sachen erlebt, die es in Stuttgart einfach nicht gab. Ich habe zum ersten Mal Menschen aus vielen verschiedenen Ländern gesehen, denn Hamburg war als Hafenstadt eine Art Tor zur Welt. Es gab einfach alles, vom Transvestiten bis zum Drogensüchtigen. Alles war bunt und damit genau das Richtige, wenn man Anfang 20 ist und glaubt, die Welt steht einem offen.


Ihr Buch skizziert eine Metamorphose. Wie haben sich Sie und die Welt um Sie herum damals verändert?

Bessing: Ich war überrascht und überwältigt, dass das Leben doch noch aus ganz anderen Dingen bestehen kann. Soziale Beziehungen, Freundschaften, Liebe, Trennungen und der Tod treten ins Leben. Dadurch entdeckt man nochmal ganz neue Seiten an sich. Hamburg war aber nur eine Ouvertüre. Ich habe dort neun Jahre gelebt. Die Entwicklungen haben danach aber nicht aufgehört. Ich werde dieses Jahr 50 und sehe kein Ende (lacht).

 

Die Personen in Ihrem Buch tragen antike Namen wie Lukullus, Xerxes oder Venus. Spiegelt das das erhabene Gefühl in der Metropole wieder?

Bessing: Ja, es ist ein Gefühl der Jugend. Wenn der Körper vor Vitalität strotzt, hat man das Gefühl, dass man eine Art überirdisches Wesen ist - wahnsinnig attraktiv und mit Superkräften ausgestattet.


In den Diskussionen in Kneipen und WGs ging es schon damals um Themen wie die Gender-Problematik, Rechtsradikalismus und Feminismus. War das Hamburg der 90er Jahre der Vorbote von heutigen gesellschaftlichen Diskursen?

Bessing: Vielleicht in dem Sinne, wie Hegel es über Geschichte gesagt hat: Dass sie sich immer wiederholt als Tragödie oder Komödie. Auf jeden Fall war Hamburg im Vergleich zu Stuttgart eine sehr linke und liberal politisch geführte Stadt. Es gab eine offen legalisierte Hausbesetzerszene, die auch eine eigene Kultur hatte. Natürlich wurde in extrem linken und akademischen Kreisen alles schon mal vordiskutiert, was jetzt wieder aktuell ist.

 

Heute finden diese Diskussionen aber im öffentlichen Raum statt.

Bessing: Man kann sich fragen, woran das liegt. Ich habe das Gefühl, das hat was mit dem breit erreichten Wohlstand zu tun. Dass gewisse Fragen optimiert werden, weil alles andere schon so gut läuft. Vielleicht hat es auch mit der Akademisierung der deutschen Gesellschaft zu tun. Viele junge Menschen denken, dass man nur gut leben kann, wenn man studiert hat. Es hat, denke ich, auch damit zu tun, dass es inzwischen mehr Menschen auf der Welt gibt. In der Zeit, in der das Buch spielt und die ich erlebt habe, waren es knapp drei Milliarden, jetzt haben wir fast acht Milliarden. Je mehr Menschen an einem Ort leben, desto mehr Regularien braucht man, damit man sich nicht auf die Füße tritt.


Sie haben ein Buch über die ehemalige Hauptstadt Bonn geschrieben, jetzt über Hamburg. Darf man noch eine Abhandlung über Ihre Geburtsstadt Bietigheim erwarten?

Bessing: Ich möchte noch ein Buch über den Raum Stuttgart schreiben, also über meine Heimat. Aber ich werde noch Zeit dafür brauchen. Mir ist klar geworden, dass 20, 30 Jahre Abstand wichtig sind, um über etwas gut zu schreiben.

 

Zur Person
Am 26. Juni 1971 wurde Joachim Bessing in Bietigheim geboren. Er wuchs im Ditzinger Stadtteil Heimerdingen auf. Bekannt wurde er vor allem durch seine Herausgeberschaft des Buches "Tristesse Royale" (1999), mit dem das sogenannte "popkulturelle Quintett" (dazu gehören auch Benjamin von Stuckrad-Barre, Christian Kracht, Eckhart Nickel und Alexander von Schönburg) lanciert wurde. Nach "Bonn. Atlantis der BRD" (2019) ist sein neuestes Buch "Hamburg. Sex City" im Matthes & Seitz Verlag Berlin erschienen (188 Seiten, 16 Euro). Bessing lebt in Frankfurt am Main und in Berlin.

 

Ranjo Döring

Ranjo Doering

Autor

Ranjo Doering arbeitet seit 2015 bei der Heilbronner Stimme. Nach seinem Volontariat und einem Jahr als Redakteur bei der Hohenloher Zeitung ist er seit 2018 im Kulturressort tätig. Seine Schwerpunkte sind Musik, Film, Theater und Kabarett.

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