Auftakt des Festivals Science & Theatre mit "Schwarze Schwäne" im Science Dome Heilbronn

Heilbronn  Zwischen Science Fiction und überzeichneter Gegenwart: Elias Perrig inszeniert die Uraufführung "Schwarze Schwäne" im Science Dome der Experimenta Heilbronn. Ein Gespräch mit dem Regisseur aus Berlin, der zwar eine Smartwatch trägt, den Hype um Künstliche Intelligenz aber durchaus skeptisch verfolgt.

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Zwischen Sci-Fi und Gegenwart: Regisseur Elias Perrig repariert gerne Computer und glaubt an die Kraft des analogen Theaters.

Foto: Andreas Veigel

Es ist nicht so, dass Elias Perrig grundsätzlich etwas gegen "jede Form von KI" hat. Schließlich trägt der Schweizer Regisseur aus Berlin eine Smartwatch, die ihm Freunde geschenkt haben, die wissen, dass er gerne Computer repariert.

Manch Funktion dieser intelligenten Uhr wie die Aufzeichnung seiner Schrittfolgen nervt Perrig - "ich treibe keinen Sport" - , während geistige Leistung nicht registriert wird.

Drei Mal vibrieren für rechts abbiegen

In einer fremden Stadt ist der Computer am Handgelenk jedoch praktisch, der durch Vibrieren anzeigt, wann man abbiegen soll. Drei Mal vibrieren für rechts, zwei Mal für links abbiegen. So dürfte er problemlos die Experimenta gefunden haben, wo heute Abend "Schwarze Schwäne" von Christina Kettering im Science Dome in Perrigs Inszenierung uraufgeführt wird.

Eigentlich hätte das Gewinnerdrama des Autorenwettbewerbs des ersten Festivals Science & Theatre 2019 im Januar 2021 Premiere gefeiert. Corona hat wie so Vieles auch das vereitelt. Bis zur Generalprobe waren Perrig und sein Team damals gekommen, seit letzter Woche laufen die Auffrischungsproben.

Ein System, das alles regelt?

"Schwarze Schwäne" ist nun Auftaktproduktion des zweiten Festivals, eine Kooperation zwischen Theater Heilbronn und Experimenta. Was gut passt, dreht sich doch das Generalthema der Festival-Neuauflage um Künstliche Intelligenz, kurz KI. Sprachassistenten wie Alexa und Siri hält Elias Perrig für überflüssige Systeme, die in die Privatsphäre eindringen. "Wenn mir jemand immer zuhört, finde ich das unangenehm." Doch nutzt Perrig smarte Heizkörper. "Das ist zwar datenschutzmäßig auch nicht ohne, scheint mir aber ökologisch sinnvoll."

Dass ein System, das alles regelt, nicht nur unter dem Aspekt des Datenschutzes fragwürdig ist, verhandelt Ketterings "Schwarze Schwäne". Dabei ist die Ausgangssituation des Stücks ziemlich real. Zwei Schwestern stehen vor der Entscheidung, die pflegebedürftige Mutter ins Heim zu bringen. Für die ältere, ein Single, eine Option. Für die jüngere kommt das nicht infrage. Sie nimmt die Mutter zu sich und ist bald überfordert: von den eigenen Ansprüchen, den gesellschaftlichen Erwartungen, von den Kindern und vom Unmut des Mannes.

Es kommt zur Tragödie

Um die Schwester zu entlasten, kauft die ältere einen Pflegeroboter: Rosie. Rosie ist stets ausgeglichen, zuverlässig und bester Laune. Alles perfekt also, bis Rosie das Kommando in der Familie übernimmt. Es kommt zur Tragödie. Und es stellt sich die Frage, inwiefern lernende Systeme Verantwortung tragen, beziehungsweise ihre Programmierer.

Denn Pflegeroboter sind längst unter uns: Sie reichen Kranken und Alten Medikamente und Nahrung, helfen beim Aufstehen, alarmieren den Notdienst. Rosie derweil hat sich emanzipiert. So duldet sie es nicht, wenn im Haus geraucht wird oder etwas geschieht, das Mutter nicht gut tut.

Wenn KI die beherrscht, die sie geschaffen haben

"Das Tolle an dem Stück zwischen Sci-Fi und überzeichneter Gegenwart sind die vielen realen Momente." Die Vitalwerte der Mutter werden gemessen, die Raumwerte im Zimmer. Smartwatch-Trägern ist das nicht unbekannt. Heikel wird es, findet Elias Perrig, wenn Systeme selbstprogrammierend werden. Was passiert, wenn KI die beherrscht, die sie geschaffen haben?

Perrig gefällt die Mehrdeutigkeit von Ketterings Stück für zwei Schauspielerinnen. Dazu machen die visuellen Projektionen von Franziska Nyffeler die Kuppel des Science Domes zur weiteren Mitspielerin.

Roboter sind auch eine Frage des Designs

Der Pflegenotstand betrifft uns alle. Die Pflege liegt nach wie vor in weiblicher Hand. Weil sich Frauen verantwortlicher fühlen? "Das Stück", räumt Perrig ein, "beschreibt einen weiblichen Kosmos." Rosie, der Roboter, hat einladende Körperformen, alles an ihr ist erst einmal positiv konnotiert. Roboter sind auch eine Frage des Designs. Fast 100 Prozent der Kriegsroboter sind männlich, hat Perrig festgestellt, als er sich zur Vorbereitung einige Genrefilme angesehen hat.

"Theater lebt vom Analogen"

Von der künstlichen Intelligenz zur künstlerischen Intervention: Wie zukunftssicher ist der Beruf als leibhaftiger Regisseur? Solange es Theater gibt, fürchtet Elias Perrig nicht um seinen Job. "Theater lebt vom Analogen, vom Direkten, ist jeden Abend anders." Das hat man auch während der Pandemie erlebt. "Da gab es sicher interessante neue digitale Formate. Ersetzen können sie das analoge Theater nicht."

Zur Person

Elias Perrig, 1965 in Hamburg geboren, studierte zunächst Molekularbiologie in Basel, bevor er seine Theaterlaufbahn als Regieassistent am Luzerner Theater begann. Von 1999 bis 2005 war er Hausregisseur am Staatstheater Stuttgart, von 2006 bis 2012 Schauspieldirektor am Theater Basel. Perrig, der als Gastdozent unter anderem am Mozarteum in Salzburg unterrichtet, lebt als freier Regisseur in Berlin.


Claudia Ihlefeld

Claudia Ihlefeld

Autorin

Seit ihrem Volontariat bei der Heilbronner Stimme 1991 schreibt Claudia Ihlefeld überwiegend über regionale Kultur und Kulturpolitik, aber auch über nationale und internationale Kulturereignisse.

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