Auftakt der Freilichtspiele Schwäbisch Hall mit der Komödie "Eine Sommernacht"

Schwäbisch Hall  Die Freilichtspiele Schwäbisch Hall starten mit dem Zwei-Personenstück, inszeniert von Christian Doll, in die Spielzeit 2020/21. Im musikalischem Stück treffen ein Kleinkrimineller und eine Scheidungsanwältin aufeinander. Hat ihre Liebe eine Chance?

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Annäherung zweier Stadtneurotiker: Scheidungsanwältin Helena (Franziska Becker) trifft in "Eine Sommernacht" auf den Kleinkriminellen Bob (Alexander Martin). Hat ihre Liebe eine Chance?

Foto: Freilichtspiele Schwäbisch Hall, Ufuk Arslan Fotografie

"Vor zwei Jahren haben wir in einem Zirkuszelt gespielt. Im vergangenen Jahr haben wir den Theaterspaziergang ins Leben gerufen. In diesem Jahr haben wir die neue Parkbühne", sagt Christian Doll und schmunzelt. "Wir sind fleißig dabei, neue Räume zu erobern", ergänzt der Intendant der Freilichtspiele Schwäbisch Hall am Freitagabend zum Start der abgespeckten Spielzeit 2020/21. Einer Not-Spielzeit, in der man coronabedingt gezwungenermaßen neue Wege gehen muss. Und das alles unter dem programmatischen Motto "Alles anders!". Theater 2020, das bedeutet Theater unter Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln - für Besucher als auch für Schauspieler.

Mit der Komödie "Eine Sommernacht" - ein Stück mit Musik von David Greig und Gordon McIntyre - starten die Freilichtspiele auf der kleinen, improvisierten Bretter-Bühne vor dem Foyer des Globe Theaters. Passend für die kleine Freiluftbühne unter Bäumen inszeniert Christian Doll das beschwingte Zwei-Personenstück - die humorvolle und recht schräge Geschichte einer Liaison.

Die Geschichte wird aus mehreren Perspektiven erzählt

Bob (Alexander Martin), eigentlich Musiker, Dichter und Weltenbummler, verdient sein Geld als Kleinkrimineller im Dunstkreis der Unterwelt Edinburghs. Mit Mitte 30 stellt er sich die existenziellen Sinnfragen: Was habe ich in meinem Leben erreicht? Soll das schon alles gewesen sein? Warum nur ging seit der Schulzeit alles bergab? Im Dauerregen der schottischen Hauptstadt trifft der Sinnsuchende auf die ebenfalls an sich zweifelnden Helena (Franziska Becker), einer erfolgreichen Businessfrau mit Bindungsängsten. Die vermeintlich selbstbewusste Scheidungsanwältin steckt mitten in einer unglücklichen Affäre mit einem verheirateten Mann.

Nach einem alkoholgetränkten One-Night-Stand begegnen sich die beiden am nächsten Tag wieder: sie im völlig lädierten Brautjungfernkleid, er mit 15.000 Pfund Diebesgut in der Tasche. Die witzig-verquere Annäherung zweier Stadtneurotiker nimmt ihren Lauf.

Die klassische "Junge trifft Mädchen"-Geschichte wird in "Eine Sommernacht" schon durch die Erzählweise auf den Kopf gestellt.Ohne Linearität, sprunghaft und aus mehreren Perspektiven richten die Darsteller gleich eines Erzählers Blick und Stimme meistens in Richtung des Publikums, wenn sie eigentlich miteinander sprechen, berichten gleichzeitig über die Geschichte ihrer Liebe.

Die Requisiten werden multifunktionell eingesetzt

Gemeinsam mit Franziska Becker beweist Martin ein gutes Gespür für die Komik und Tragik der Figuren. Ihnen gelingt es, den Ängsten, Träumen und Wünschen im Mittsommer des Lebens mit Witz, Timing und der ein oder anderen Obszönität Leben einzuhauchen.

Die Suche nach Nähe und Körperkontakt gewinnt in Zeiten der Corona-Abstandsregeln eine weitere Bedeutungsebene. Den "entfesselten, hemmungslosen Sex" verbringen Helena und Bob gemeinsam und doch auf der Bühne in getrennten Betten. Untermalt wird das Stück mit augenzwinkernden Singer-Songwriter und Bluessongs, aus denen Alexander Martin mit Gitarre und einer Loop-Station den Soundtrack passend zur Szenerie bastelt. Kulissen sind in der Inszenierung überhaupt nicht vorhanden, Requisiten (Bühne und Kostüm Anne Brüssel) werden multifunktionell eingesetzt.

Viel Applaus nach 90 Minuten vom Publikum vor der gutgefüllten Parkbühne für eine dynamische Sommersatire, die gegen Ende zwar mit einigen Längen zu kämpfen hat, aber nachdenklich stimmt über Sinn und Unsinn der Liebe.

Weitere Aufführungen

Nächste Vorstellung, Dienstag, 4. August, 20 Uhr. Weitere Termine unter www.freilichtspiele-hall.de.


Ranjo Döring

Ranjo Doering

Autor

Ranjo Doering arbeitet seit 2015 bei der Heilbronner Stimme. Nach seinem Volontariat und einem Jahr als Redakteur bei der Hohenloher Zeitung ist er seit 2018 im Kulturressort tätig. Seine Schwerpunkte sind Musik, Film, Theater und Kabarett.

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