Auf Kollisionskurs: BOT toben im Science Dome der Experimenta Heilbronn

Heilbronn  Fantastisch bizarr und unverschämt musikalisch: Die Musik-Objekt-Performance der niederländischen Truppe BOT reißt im Rahmen ihrer zwei Auftritte bei Science & Theatre die Zuschauer zum Schlussapplaus aus den Sesseln im Science Dome.

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Wickie und die starken Männer: Die Musiktheatertruppe BOT aus dem niederländischen Arnhem lässt es krachen.

Foto: Sigrid Spinnox

Stumpf, schroff, plump nennt das Wörterbuch als Übersetzung für das niederländische bot. Als Substantiv wird die Übersetzung Knochen angeboten, auch Knospe, Stiefel, Butt und Flunder. Im Englischen derweil bezeichnet Bot, abgeleitet von Roboter, ein Computerprogramm, das sich wiederholende Aufgaben abarbeitet. Ohne auf menschliche Benutzer angewiesen zu sein, Internet-Suchmaschinen etwa.

Eine Menge Deutungsmöglichkeiten also könnte die Musiktheatertruppe BOT aus dem niederländischen Arnhem zu ihrem Namen bewogen haben. Tatsächlich vereinen Job Van Gorkum, Doan Hendriks, Geert Jonkers und Tomas Postema die Akribie von Knochenarbeit mit der Poesie einer Knospe in ihrem Konzert: eine bizarre Musik-Objekt-Performance, mit der sie im Science Dome der Experimenta an zwei Abenden zum Schlussapplaus das Publikum aus den Stühlen reißen.

 

Famose Performer und begnadete Rampensauen

Im Rahmen des Festivals Science & Theatre war es für die sympathischen Jungs, allesamt famose Bühnenperformer, begnadete Rampensauen und klasse Musiker, der erste Auftritt nach 20 Monaten. 2009 gegründet, haben sie ihre Show "Ramkoers" über 130 Mal gespielt, bis Corona dem im besten Sinne durchgeknallten Spektakel ein Ende beschert hat.

Kollisionskurs, so die Übersetzung von Ramkoers, das sind 50 erfrischend freche Minuten, in denen die vier in ihren Fantasieröcken wie Wickie und die starken Männer auf selbstgebauten Maschinen einen Klangkosmos zaubern zwischen Ballade, Rock und Ethnopunk. zwischen quietschen, fiepen und hämmern. Rauchkringel setzen poetische Momente wie auch der traumverlorene Sänger Van Gorkum, der durchaus Druck machen kann.

 

Mit recycelten Objekten

Das Bühnenspiel mit den Kollegen, einem Setdesigner, Komponisten und Mechaniker - wobei man das Gefühl hat, bei BOT macht jeder alles -, gleicht einem großen Abenteuerspielplatz für Erwachsene. Singen, tanzen, stampfen, klatschen auf und mit recycelten Objekten: Ihre multiinstrumentale Installation ist im Wortsinn fantastisch - und klingt einfach gut. So wie der Schuhplattler, bei dem die Funken stieben.

Auf einer Fahrradpumpenorgel, mit Pauke und Trompete, Knallfröschen, Salatschleudern, wunderlichen Megafonen, Feuerlöschern, einem Klavier im rotierenden Eisenrad, rumpelnden Fässern, Eisenstangen und Metallrillen entstehen harmonische und dissonante Klänge. Ein Ofenrohr wird zum Resonanzkörper, dann zermalmt eine Betonmischmaschine das Geschirr zu einem abgefahrenen Choral.

Eine Art menschheitsumarmender Dadaismus

Ob Gassenhauer oder Hymne, atonale Tonfolge, Volkslied oder Metal: BOT sind so anders gut, dass man es bedauert, wenn dieser Trip nach 50 Minuten zu Ende geht. Wer ihr Niederländisch nicht verstanden hat, sei getröstet. Es ist intelligenter Nonsense, den man auch so versteht: menschheitsumarmender Dadaismus zu heulenden Metallobjekten und scheppernden Trommeln.

Auch wenn es keine vordergründige Logik geben mag: Einer theatralischen Logik folgt "Ramkoers" wohl, wenn BOT gezielt zwischen kleinen Instrumenten und großen wechselt. Und das Tohuwabohu auf der Bühne ein Durcheinander ist, aber kein heilloses. Ihr Erfindungsreichtum folgt der zwingenden Logik, bei drohender Kollision weiterzumachen und folgt dem Mut, nicht aufzugeben, der Lust am Leben.

Gegen den Mehltau auf unseren Gemütern

2009, im Gründungsjahr der Truppe, erzählen sie nach der Show, hatte sich die Depression der weltweiten Finanzkrise wie Mehltau auf die Gemüter gelegt. Gegen den Mehltau auf unseren Seelen spielen sie seither an. Unheimlich musikalisch, nervenaufreibend raffiniert. Vielleicht mehr denn je in einer Zeit, in der ein Virus und seine Mutanten die Welt im Würgegriff halten.


Claudia Ihlefeld

Claudia Ihlefeld

Autorin

Seit ihrem Volontariat bei der Heilbronner Stimme 1991 schreibt Claudia Ihlefeld überwiegend über regionale Kultur und Kulturpolitik, aber auch über nationale und internationale Kulturereignisse.

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