Zwischen Heintje und Hendrix: Uraufführung von "Born to Be wild?" im Theater Heilbronn

Heilbronn  Der Kulturkampf der 68er als musikalische Revue im Setting einer glitzernden Fernsehshow: "Born to Be wild?" von Kai Tietje und Stefan Huber erlebt diesen Samstag seine Uraufführungspremiere im Großen Haus. Ein Abend mit 24 Orchestermusikern und acht singenden Schauspielern.

Email
Zwischen Heintje und Hendrix: Uraufführung von "Born to Be wild?" im Theater Heilbronn

Mögen sich ein Leben ohne Musik nicht vorstellen: Stefan Huber (links) und Kai Tietje.

Foto: Dennis Mugler

Gibt es den Sound der 68er Jahre? "Ja, unseren." Und zwar in der Mischung, mit der die musikalische Revue "Born to be wild?" von Kai Tietje und Stefan Huber am Samstag im Großen Haus des Heilbronner Theaters uraufgeführt wird.

Das Fragezeichen im Titel kommt nicht von ungefähr. Denn "nein, eigentlich gibt es ihn nicht, den einen Sound dieser Zeit des Umbruchs", sagen Tietje, der für die musikalische Leitung verantwortlich zeichnet, und Huber, der Regie führt.

Das Progressive mit dem Konservativen konfrontieren

Die Idee, die Musik der rebellierenden 68er mit dem Schlager jener Jahre kurzzuschließen, hatte Tietje, über ein Jahr hat Huber dann an dem Konzept gefeilt, das Progressive mit dem Konservativen zu konfrontieren: die Musik von Jimi Hendrix, den Stones und Led Zeppelin mit dem Schlagern von Heintje, Alexandra, Christian Anders und dem Klang der Samstagabendsendungen im deutschen Fernsehen.

"Der Sound jener Jahre klaffte viel stärker auseinander als heute", meint Stefan Huber. Was jemand hörte, kam einem politischen Statement gleich. "Mit der Zeit haben sich die Gegensätze verschoben und hat sich der Schlager dem Pop zugewandt. Heute hören junge Menschen Helene Fischer." Dem Heilbronner Publikum ist Huber als Regisseur von "A Day On Abbey Road" in guter Erinnerung und von dem Beatles-Abend "White!".

"Das Publikum erlebt vor allem Musik"

Die Spannung zwischen Rock"n"Roll und Schlager ist gesellschaftlich zu verstehen und dennoch "extrem unterhaltsam und mit Augenzwinkern", sagt Kai Tietje, Dirigent und Arrangeur, der erstmals in Heilbronn engagiert ist. "Das Publikum erlebt vor allem Musik." Melodien, Hits und Lieder, die etwas in uns triggern, Erinnerungen wachrufen, zum Mitsummen anregen.

Was die einen Ende der 60er und Anfang der 70er als Lärm bezeichneten, war für die anderen ein Lebensgefühl, das sich gegen das Schweigen der Eltern richtete, gegen Autoritäten, den Vietnamkrieg. Kurzum: gegen das Establishment.

Backstage wird nicht nur Hasch geraucht

"Born to Be wild?" erzählt, wie dieser Kulturkampf im glitzernden Setting einer Fernsehshow Ende der 60er Jahre ausgefochten wird. Die Story: Der Aufnahmeleiter von "Mit Musik geht alles besser!" gerät in Hektik: Drei Musiker des Orchesters sind nicht da, stecken in einer Antikriegs-Demonstration fest, die Live-Sendung soll gleich beginnen. Ob die Idee gut ist, Gitarre, Bass und Schlagzeug der für einen Auftritt eingeladenen Rockband als Ersatz zu nehmen, darüber zu diskutieren ist keine Zeit. Die Gastmusiker proben den Aufstand und rauchen backstage nicht nur Hasch.

"Das ist unser Clash. Hier lassen wir die Kulturen aufeinanderprallen und machen schon mal ,Satisfaction" zur gediegenen Swingnummer", erklärt Tietje, wie sich im Laufe des Abends die Show auflöst - und die Gesellschaft. Die Besetzung des Orchesters mit 24 Musikern für Schlager und symphonischen Rock "ist eine Rarität". Dazu kommen acht singende Schauspieler, Tietje selbst übernimmt die Rolle des Dirigenten Max Wegener.

Beide können auch die Stille genießen

Geht mit Musik wirklich alles besser? Beide können sich ein Leben ohne nicht vorstellen. Wenngleich Tietje zu Hause kaum Musik hört. Wie Stefan Huber, der, wenn nicht die Musik seinen Berufsalltag dominiert, die Stille genießt. Ob sie sich an ihre erste Single erinnern? "Von den Beatles ,Hey Jude"", da war Stefan Huber - "ich komme aus einer Musikerfamilie" - sieben Jahre jung. "Karel Gott war meine erste", grinst Kai Tietje. "Meine Familie hat viel gefeiert, dann liefen Tony Marshall und James Last."

 


 

"Born to Be wild?"

Premiere: Samstag, 19.30 Uhr, Großes Haus, Theater Heilbronn.

Musikalische Leitung und Arrangements: Kai Tietje, Regie: Stefan Huber. Mit Stefan Eichberg, Julia Klotz, Frederik Bott, Johanna Sembritzki, Gabriel Kemmether, Pablo Guaneme Pinilla , Oliver Firit, Eve Rades, Winnie Bistram.

Die Macher: Stefan Huber, 1960 in Zürich geboren, hat an der Hochschule für Musik und Theater in Bern Schauspiel studiert und war unter anderem am Stadttheater Aachen engagiert sowie an den Vereinigten Bühnen Wien. Zu der Zeit gründete er die Musical-Comedy-Truppe Tietzes, mit der er auch im Fernsehen auftrat. Bereits in Aachen begann Huber, Regie zu führen. Seitdem erarbeitete er sich den Ruf als Spezialist für musikalische Programme, inszeniert in Deutschland, der Schweiz und in Österreich und lebt in Zürich und Berlin. Kai Tietje, Jahrgang 1968, ist studierter Ton- und Bildingenieur und hat zudem Dirigieren an der Hochsschule Düsseldorf studiert. Er war Kapellmeister und musikalischer Direktor der Musicalsparte am Landestheater Linz und ist seit 2014 Gastdirigent an der Komischen Oper Berlin. Tietje schreibt Stückbearbeitungen und Orchesterarrangements. Der Dirigent und Arrangeur lebt bei Nürnberg.


Claudia Ihlefeld

Claudia Ihlefeld

Autorin

Seit ihrem Volontariat bei der Heilbronner Stimme 1991 schreibt Claudia Ihlefeld überwiegend über regionale Kultur und Kulturpolitik, aber auch über nationale und internationale Kulturereignisse.

Kommentar hinzufügen