Was beim Festival Science & Theatre in der Experimenta und in der Boxx geboten wird

Heilbronn  Mit "Kafka in Wonderland", einer rasant-makaberen Produktion der Künstlergruppe half past selber schuld aus Düsseldorf, startet das Science Theatre als Kooperation zwischen dem Heilbronner Theater und der Experimenta. Die Dieter-Schwarz-Stiftung finanziert das Festival.

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"Kafka in Wonderland" eröffnet in der Experimenta das Festival Science & Theatre

Foto: Krischan Ahlborn

Wie sieht unser Leben aus, wenn eine Firma namens Wonderland Incorporation den Tod überflüssig macht mittels Genetik, Robotik und Nanotechnik? Und die allumfassende Digitalisierung uns via Upload in eine Cloud verpflanzt, in der ewiges Leben möglich ist, sofern wir Geld besitzen, uns in die schickste Cloud zu streamen?

"Kafka in Wonderland", eine Produktion des deutsch-israelischen Künstlerduos half past selber schuld, brachte zum Auftakt von Science & Theatre im Science Dome in der Experimenta Heilbronn kafkaesk-grotesk und kurzweilig-makaber auf den Punkt, worum es diesem wohl in seiner Art einzigartigen Festival geht: mit der Bandbreite theatraler Mittel an der Schnittstelle von Wissenschaft und Bühne ausloten, was technischer Fortschritt für den sozialen Menschen bedeutet.

Bis einschließlich Samstagabend in der Experimenta und in der Boxx

Mit einer Summe im oberen fünfstelligen Bereich finanziert die Dieter-Schwarz-Stiftung das 1. Science & Theatre-Festival Heilbronn, das bis einschließlich Samstagabend sechs Produktionen präsentiert in der Experimenta und in der Boxx des Theaters, zu Talk-Runden mit Experten einlädt und zu Publikumsgesprächen. Und schließlich am Samstag das Siegerstück kürt, das aus dem begleitenden Dramenwettbewerb hervorgeht.

Die Kooperation zwischen Stadttheater und Experimenta soll keine Eintagsfliege sein und das Festival fortgeführt werden. Das Siegerdrama wird kommenden Herbst als Inszenierung des Heilbronner Theaters im Science Dome uraufgeführt. Und so sind am Mittwochabend zum Auftakt der Geschäftsführer der Experimenta Wolfgang Hansch und Intendant Axel Vornam voll des Lobes über die Kooperation, nicht nur ihrer gemeinsamen Wurzeln im Osten der Republik wegen, an die Hansch in "diesen Wendetagen" erinnert.

Während die Wissenschaft, wie es Hansch nennt, vor allem "intrinsisch" motiviert ist, also einem inneren Forschergeist folgt, stellt Theater, so Vornam, "gesellschaftspolitische Fragen" und führt den Wertediskurs mit "unserer Kompetenz, sinnlich und erfahrbar".

Ein Bühnencomic mit acht fast unsichtbaren Spielern

Sinnlich erfahrbar, mit unbändiger Spielfreude und fantastischem Spaß an Requisiten blickt half past selber schuld auf das Jahr 2053: mit den Mitteln des Puppenspiels, Tanz und Trickfilmprojektionen entsteht, was die Truppe aus acht fast unsichtbaren Spielern Bühnencomic nennt. Eine rasante Show in Englisch und Deutsch mit philosophischem Tiefgang und hohem Unterhaltungswert.

Die ungemütliche Zukunftsvision, die sie entwerfen? Das Gedankenexperiment "Kafka in Wonderland" zeigt mit der Rasanz einer Revue, wie im virtuellen Medienzeitalter der Menschen zum berechenbaren und - kein Paradox - gefährlichen Wesen mutiert.

Wenn die Datenquelle Mensch verstummt

Es ist wie mit der Büchse der Pandora und den Geistern, die man rief. Und nicht mehr loswird. Wie unterhalten sich Chatbots, virtuelle Gesprächsteilnehmer, die mit Daten gefüttert sind, wenn die Datenquelle Mensch verstummt? Mit Science-Fiction-Ästhetik ploppt immer wieder auf der Leinwand die Figur des Johnny Cashmir auf, Sprecher einer futuristischen Newssendung, der die jüngsten Horrornachrichten aus der Schönen Neuen Welt verliest. Etwa, dass eine Mikrowelle, Leihmutter eines Instant Babys, die Sorgerechte für das Kind reklamiert, das das Gerät ausgebrütet hat.

Unter dem Motto "Make people. Better." lässt Wonderland Incorp. Mensch und Maschine verschmelzen in Manier eines Überwachungsstaates. Selbstoptimierung durch Künstliche Intelligenz, das Ausmerzen von Gefühlen und Körpergerüchen sowie - in bester kapitalistischer Manier - Wirtschaftlichkeit sind erklärte Ziele.

Zeitkonflikte gibt es auch in Wonderland

Die Begegnung von Mensch, oder was davon übrig geblieben ist, und Roboter verhandelt das Materialtheater furchtlos mit Comic-Stilistik. "There is only one thing in life", röchelt ein Alter mit dem Blues eines Tom Waits, "that" s death." Niemals will er sein Bewusstsein auflösen in der Wonderland-Cloud, sondern einfach sterben zum Entsetzen seiner "Daddy"-heulenden Kinder.

Zielkonflikte gibt es auch in Wonderland: Für das selbstfahrende Auto, das sich in einer brenzligen Situation entscheiden muss, seinen Insassen zu opfern, zwei Passanten auf dem Zebrastreifen oder die dicke Frau, deren Verlust, so hat es das Auto gespeichert, das kleinere Übel ist. Oder für den Massenmörder, der in einer köstlichen Szenenfolge umgepolt werden soll und auf die Probe gestellt wird, ob er einem (Plüsch)Kaninchen die Möhre gibt oder das Vieh absticht. Nach 70 Minuten dann: begeisterter Applaus.

Was noch auf dem Programm steht 

  • Ist ein Theater ohne Menschen noch ein Theater, fragt Théâtre Nouvelle Génération aus Lyon in "Artefact", für die Vorstellung am Freitag, 11 Uhr, in der Experimenta gibt es noch Karten, die Abendvorstellung ist ausverkauft.

  • Ebenfalls ausverkauft ist "Dr Wahn - die allumfassende Theorie der Welt" am Freitagabend in der Experimenta mit Paul Kaiser aus München.

  • Für "The Curiosity of Brain" mit dem Brachland Ensemble, eine Hirnforschung als Mischung aus Physical Theatre und Animationsfilm, gibt es Karten für die 14 Uhr-Vorstellung am Samstag.

  • Die Produktion "Eliza Uncanny Love" in der Boxx am Samstag ist ausverkauft.

  • Das Duo Meinhardt & Krauss aus Stuttgart fragt, ob wir mit humanoidem Robotikbau, Algorithmen und komplexer Programmierung Wunschwesen bauen können.

  • Für den Dramenwettbewerb hat sich eine fünfköpfige Jury durch 27 Texte gelesen, die vor allem aus dem deutschsprachigen Raum eingesendet wurden, aus Großbritannien, den USA und Frankreich. Die drei besten werden in szenischen Lesungen (ausverkauft) ab 15 Uhr am Samstag von Ensemblemitgliedern des Heilbronner Theaters vorgestellt.


Claudia Ihlefeld

Claudia Ihlefeld

Autorin

Seit ihrem Volontariat bei der Heilbronner Stimme 1991 schreibt Claudia Ihlefeld überwiegend über regionale Kultur und Kulturpolitik, aber auch über nationale und internationale Kulturereignisse.

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