Wann ist ein Hit ein Hit?

Heilbronn  Am Sonntagabend hat SWR1 Pop & Poesie in Concert rund 2.500 Zuschauer in den Wertwiesenpark in Heilbronn gelockt. Sie wurden nicht enttäuscht.

Von Laura Ettle
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Die größten Hits als Bühnenshow: SWR 1 Pop & Poesie in Concert begeistert rund 2500 Fans im Wertwiesenpark. Foto: Andreas Veigel

Der Star des Abends ist Matthias Holtmann. Nachdem er unter Applaus die Bühne betreten hat, erklärt er die Idee: "Sie haben alle diese Lieder schon hundertmal gehört, können sie vielleicht sogar mitsingen, haben aber auf den Text nie geachtet", so der einstige SWR1-Kult-Moderator.

Am Sonntagabend lockt SWR1 Pop & Poesie in Concert rund 2.500 Zuschauer in den Wertwiesenpark in Heilbronn. Von zwei Schauspielern und Holtmann selbst werden Übersetzungen der Texte berühmter Hits szenisch vorgetragen. Im Anschluss interpretiert die Live-Band unter der musikalischen Leitung von Peter Grabinger den jeweiligen Song. Das aktuelle Programm der Hit-Show, die seit 2009 im Ländle die Hallen füllt: "Feelin" Alright".

Kraftvolle Hits und düstere Melancholie

Entsprechend dem Motto spielt die Band viele kraftvolle Hits, die dem Publikum einheizen, etwa "Don"t stop me now" von Queen oder "Smoke on the water" von Deep Purple. Aber auch düstere und melancholische Töne sind im Programm. Dem etwas schmalzigen "Feel" von Robbie Williams etwa entlockt der vorangestellte Textvortrag des Schauspielers Jochen Stöckle überraschende Tiefen. Und Sänger Alex Kraus bringt das Lied zu einem lebhaften Abschluss, als er am Ende noch seine Geige für ein Folk-Solo auspackt.

"Die Idee von Pop & Poesie wurzelt tief in der irischen Folklore", merkt Holtmann an. "Zumindest, was die Trinkgewohnheiten angeht". Der Erfinder von Pop & Poesie führt charismatisch durch den Abend. Zum Beispiel, wenn er einen Hörerbrief vorliest, den ein gewisser Herr Müller vor einigen Jahren geschickt hat: "Ihr Programm ist nicht schlecht, wenn Sie nur nicht immer diese Hottentotten-Musik spielen würden!" Dann verliest Holtmann seine Antwort, in der er wortgewandt darlegt, was die Musik der indigenen Bevölkerung Südostafrikas im Allgemeinen und der sogenannten Hottentotten im Besonderen vom SWR-Programm hinsichtlich Rhythmik, Harmonik und Instrumentation unterscheidet.

Hottentotten-Musik im Wertwiesenpark

"Wir haben uns damals überlegt, was er mit Hottentotten-Musik gemeint hat", fügt Holtmann hinzu. "Wahrscheinlich so etwas wie das hier". Und es betritt die zweite der beiden Textperformer die Bühne: Simone von Racknitz trägt hautenges Gold, in der Hand eine halb geleerte Whiskey-Flasche. In exaltiert-drunkenem Monolog beschwört sie Rauch und Gewitter. Im Anschluss stimmt die Band den Steppenwolf-Hit "Born to be wild" an. Und nun kommt auch die zweite der beiden Sängerinnen von Pop & Poesie zum Zug: Britta Medeiros begeistert durch ihren kraftvollen Alt und ihre lässige Performance.

Außer humorvoll durch den Abend zu leiten, macht Matthias Holtmann auch mit bei der szenischen Interpretation der Übersetzungen. Der Text des Peter, Paul & Mary-Klassikers "Leaving on a jet plane" etwa wird von Holtmann und Kollege Stöckle zusammen aufgeführt: Stöckle soll für seine Frau ein Abschiedsvideo auf Band sprechen.

"Thank You For The Music"

Nach jeder Strophe mäkelt Holtmann an der Interpretation Stöckles herum. "Nicht ganz so schnoddrig, ja?" Die letzte Strophe jedoch gelingt Stöckle so gut, dass sich Holtmann eine Träne aus dem Augenwinkel wischen muss. Für die anschließende Interpretation des Liedes darf Gitarrist Patrick Schwefel ans Mikrophon.

Und sogar Altmeister Holtmann kann es sich nicht verkneifen, selbst zu singen. "Es gibt einen fantastischen Hit, von dem ich immer das Gefühl habe: Den haben sie für mich geschrieben." Und er rezitiert: "Ich bin nichts Besonderes. Eher total langweilig. Aber wenn ich anfange zu singen... ." Dann stimmt der vierfache Vater, bei dem 2009 Parkinson diagnostiziert wurde, "Thank you for the music" von Abba an. Es ist ein bewegender Moment für alle Holtmann-Fans. Dass der Star-Moderator stimmlich nachgelassen hat, nimmt er mit Humor: "Ein Hit ist dann ein Hit, wenn ihn mein Gesang nicht kaputt kriegt."

 


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