Vorlesungsreihe nimmt sich Abi-Pflichtlektüren vor

Interview  Germanist Bernhard Greiner ist einer von drei Literaturwissenschaftlern, die auf dem Bildungscampus in Heilbronn über die Abi-Pflichtlektüren in Deutsch referieren: Die Vorlesungsreihe ist frei für alle Literaturfreunde - diesen Freitag ist Auftakt.

Von Claudia Ihlefeld

"Egal was der Teufel Faust bietet, es genügt ihm nicht": Germanist Bernhard Greiner im Gespräch

Bernhard Greiner

Foto: privat

Das Abendgymnasium des Kolping Bildungszentrums Heilbronn organisiert in Kooperation mit dem künftigen Literaturhaus Heilbronn und der Akademie für Innovative Bildung eine Vortragsreihe zu den Abi-Pflichtlektüren im Fach Deutsch.

Einer der referierenden Literaturwissenschaftler ist der emeritierte Tübinger Professor Bernhard Greiner, der 2018 eine neue "Faust"-Ausgabe vorgelegt hat. Über den Stellenwert der Geisteswissenschaften haben wir uns mit dem Philologen unterhalten.

 

Herr Professor Greiner, Sie waren schon einmal in Heilbronn: 1999 bei einer Tagung des Kleist-Archivs Sembdner. Inzwischen hat die Stadt nicht nur entschieden, das Archiv zu behalten, sondern flankierend dazu ein Literaturhaus zu etablieren. Freut das den Germanisten?

Bernhard Greiner: Das ist wunderbar, ganz gleich, in welcher Dimension das geschieht. Ein Literaturhaus lebt von der Aktivität derer, die es leiten und die eine Verbindung herstellen zu den Menschen der Stadt. Zu jenen, die noch klassisch lesen, und jenen, die ein ganz anderes Leseverhalten haben. Wichtig ist, diese Chance offensiv zu ergreifen. Das heißt, denen, die sich nur noch digital bewegen und Texte am Smartphone wischen, anzubieten: Macht einmal diese Erfahrung, vor seiner Seite zu sitzen, aufhören zu lesen - und nachzudenken.

 

Was reizt Sie daran, an einer Vorlesungsreihe zu Pflichtlektüren an Gymnasien teilzunehmen?

Greiner: Die Vorlesungen richten sich an Schüler, die sich auf die Abiturprüfung vorbereiten, die vielleicht auch Interesse haben, andere Zugänge zum Gegenstand kennenzulernen, die nicht fürchten, durch andere Sichtweisen verwirrt zu werden. Wenn ich mit meinem Vortrag einen Beitrag zum Deutschunterricht leisten kann, freut es mich.

 

Wie wichtig ist das Fach Deutsch?

Greiner: Es vermittelt nicht nur Kompetenzen: Umgang mit der Muttersprache, Textverstehen, historisches Bewusstsein, sinnvoller Umgang mit Medien. Es ist, wie die Geisteswissenschaften generell, ein Fach der Selbstreflexion. In der Beschäftigung mit Literatur lernen wir zu fragen, wer wir sind und woher wir kommen. Das ist die Aufgabe der Geisteswissenschaften, wobei die klassische Unterscheidung problematisch ist: die Naturwissenschaften als das, was von Natur aus ist. Und die Geisteswissenschaften als das, was durch den Geist hervorgebracht wird. Auch die Natur ist längst vom Menschen geprägt.

 

Zum Stellenwert der Geisteswissenschaften: Wie ist es um den Geist bestellt, wie wird die Welt vermessen?

Greiner: Der Begriff Geisteswissenschaft stammt aus dem 19. Jahrhundert, der Gegenbegriff zu Naturwissenschaft. Die einzelnen Felder, also Philosophie, Sprachen und Literaturen, Geschichte, Psychologie, nicht zu vergessen Theologie, verfügen über ein großes Potenzial an Kritik, die zu jeder anderen Wissenschaft auch gehören sollte. Dieses stark reflektierende Moment auf Ziele und Wertvorstellungen ist die Stärke der Geisteswissenschaften.

 

"Egal was der Teufel Faust bietet, es genügt ihm nicht": Germanist Bernhard Greiner im Gespräch
Er folgt seinem Lebensdurst und Weltenhunger: Faust im Studierzimmer (Gemälde von Georg Friedrich Kersting, 1829)

Wie könnte das konkret aussehen?

Greiner: Die ETH Zürich etwa, eine naturwissenschaftlich-technische Hochschule von internationalem Rang, verlangt, dass ihre Studierenden eine gewisse Anzahl an geisteswissenschaftlichen Veranstaltungen besuchen: um auch von außen auf das zu blicken, was sie studieren. Alle Schulen sollten dieses Vermögen zur Selbstreflexion vermitteln.

 

In Heilbronn referieren Sie über Faust und "Goethes Tragödie als ein Werk der Grenzüberschreitungen".

Greiner: Das Faust-Drama geht zurück auf eine historische Figur aus dem süddeutschen Raum und die Anekdoten, die über sie kursierten. Eine faszinierende Figur, die mit ihrem Drang nach Wissen und ihrer Missachtung der Autorität der Bibel aus theologischer Sicht die Todsünde der Superbia, der Überheblichkeit, begeht: Weil sie danach strebt, allwissend und unsterblich zu sein.

 

Wo beginnt die Grenzüberschreitung?

Greiner: Der neue Aspekt bei Goethe: Faust empfindet das Wissen, das er vorfindet, als ungenügend, ein Wissen ohne Lebensbezug. Das ist moderne Wissenskritik, dahinter aber steht das ältere Wissensideal der Magie und Alchemie. Alle Versuche der Entgrenzung scheitern, weil Faust im entscheidenden Moment auf sich als Besonderen reflektiert. Welche Genüsse, Güter, Erfahrungen auch immer: Egal was der Teufel ihm bietet, es wird ihm nicht genügen. Er negiert es - und das ist modern. Fausts Weg ist ein Weg der Zerstörung. Mephisto sieht in Faust den "Geist, der stets verneint".

 


Das Deutsch-Abi im Blick: Vorträge im Forum des Bildungscampus Heilbronn

Die Vorlesungen zu E.T.A. Hoffmann, zu Wolfgang Goethe und zu Hermann Hesse im Rahmen der Abitur-Pflichtlektüren in Baden-Württemberg im Fach Deutsch finden im Forum, Bildungscamus 1, statt und sind kostenfrei. Neben Abiturientinnen und Abiturienten sind alle Literaturfreunde eingeladen.

Die Vortragsreihe mit drei renommierten Literaturwissenschaftlern, die die Werke allgemein verständlich in den Blick nehmen, beginnt mit Stephanie Catani, Literaturprofessorin an der Uni Saarbrücken. Sie widmet sich diesen Freitag, 18 Uhr, E.T.A. Hoffmanns "Der goldne Topf".

Der emeritierte Tübinger Literaturprofessor Bernhard Greiner stellt am Mittwoch, 27. März, 18 Uhr, Goethes "Faust"-Tragödie als ein Werk der Grenzüberschreitungen vor. Greiner, 1943 in Landsberg am Lech geboren, war Germanistikprofessor in Freiburg und an der Uni Tübingen, zudem hatte er Gastprofessuren in Washington, Melbourne, Sydney, in Beijing sowie an der Hebrew University in Jerusalem. Greiner publizierte unter anderem zu Nietzsche, Goethe und Kleist, zur Literatur der DDR und zur jüdischen Literatur. 2012 erschien "Die Tragödie. Eine Literaturgeschichte des aufrechten Ganges", 2018 eine "Faust"-Ausgabe.

Der Saarbrücker Literaturprofessor Sikander Singh beleuchtet am Freitag, 29. März, 18 Uhr, Erzählstrategien der Moderne in Hesses "Der Steppenwolf".

Anmeldung: www.ag.kbz-hn.de. Im Parkhaus Ost, Dammstraße 1, stehen Parkplätze kostenlos zur Verfügung.

 

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