Vor der "Götz"-Premiere: Wo Willkür und Freiheit aufeinanderprallen

Jagsthausen  Warum für Regisseur Sewan Latchinian Goethes "Götz von Berlichingen" mitnichten aus der Zeit gefallen ist und ihm der titelgebende Reichsritter so nah steht: Premiere der Neuinszenierung diesen Freitag bei den Burgfestspielen Jagsthausen.

Von Claudia Ihlefeld

Vor der "Götz"-Premiere: Wo Willkür und Freiheit aufeinanderprallen

"Ich kann sagen, dass man in unserem Rechtsstaat meist Recht bekommt. Ich weiß aber auch, dass es dauern kann": Theatermann Sewan Latchinian.

Foto: Matthias Heibel

"Der Götz ist mir sehr nah". Wie nah, das hat Sewan Latchinian beim Wiederlesen dann doch überrascht. Als Intendant am Volkstheater Rostock nahm er es 2015 mit der Justiz auf, nachdem er aufgrund seiner harschen Kritik an den Kürzungen im Kulturbereich vorerst fristlos entlassen worden war. Wogegen er lange, aber erfolgreich prozessierte.

In diesem Sommer inszeniert Latchinian "Götz von Berlichingen" in der 70. Saison der Burgfestspiele Jagsthausen. Eine Ehre und Verpflichtung, wie der passionierte Theatermann sagt, der ab September künstlerischer Leiter der Hamburger Kammerspiele ist.

"Willkür, das ist die DNA des Stückes"

Ist der Kampf mit der Justiz ein Kampf gegen Windmühlen? Nein, meint der gebürtige Leipziger. "Ich kann sagen, dass man in unserem Rechtsstaat meist Recht bekommt. Ich weiß aber auch, dass es wohl dauern kann und wie wichtig es ist, eine Rechtsschutzversicherung zu haben."

Spricht man mit dem Sohn eines in Beirut geborenen und im Libanon aufgewachsenen Armeniers über den Begriff Willkür, ist man schnell beim Kern von Goethes "Götz". "Willkür, das ist die DNA des Stückes. Und Freiheit. Dass beides hier aufeinanderprallt, macht die Grundspannung des Dramas aus."

Ein wenig hat Latchinians Interesse am Stoff mit seiner eigenen Familiengeschichte zu tun: mit dem Völkermord an den Armeniern und deren Vertreibung aus dem Osmanischen Reich. "Dieses Trauma steckt auch in mir. Da fragt man sich schon einmal, wie viel Armenier, wie viel Deutscher ist in mir."

Latchinian kürzt und strafft Goethes "Riesenjugendstück"

Für Sewan Latchinian ist Goethes Sturm-und-Drang-Drama aus dem 18. Jahrhundert über das Schicksal eines Reichsritters aus dem 16. Jahrhundert mitnichten aus der Zeit gefallen. "Der ,Götz" ist viel besser als sein Ruf", sagt Latchinian, positiv beeindruckt davon, dass sich die Region diese jahrzehntelange Aufführungspraxis eines Stückes leistet, das der Regisseur als "identifikationsstiftend" bezeichnet.

"Da steckt so viel Wissen über Macht und Verrat in dem, was Goethe als 22-Jähriger schrieb." Dass Latchinian dieses "Riesenjugendstück" kürzt und strafft, steht außer Frage.

Unter zwei Stunden soll seine Inszenierung bleiben und der musikalischste "Götz" der vergangenen 70 Jahre werden. Dafür sorgen die Musiker der Berliner Band Wallahalla. 32 Instrumente spielen sie zu dritt.

Ein Götz mit afrikanischen Wurzeln väterlicherseits

"Wir leben in aufregenden Zeiten", sagt Latchinian. Er weiß wohl, "dass es auch in der Demokratie darauf ankommt, welcher Kaiser das Sagen hat". Als ein Beispiel nennt er den "hemmungslosen Subjektivismus" des Trump-Twitterns.

"Mir ist es lieb, dass wir nach 70 Jahren einen Götz mit afrikanischen Wurzeln väterlicherseits haben." Gerade, weil es egal ist, woher ein Mensch stammt, kommt Regisseur Latchinian auf die Besetzung der Hauptrolle mit Pierre Sanoussi-Bliss zu sprechen, einen erfahrenen Bühnenschauspieler und vielen aus der TV-Serie "Der Alte" ein Begriff. "Mensch ist Mensch: Dass wir das ausgerechnet mit diesem deutschen Klassiker zeigen, ist gut."

Sewan Latchinian hofft auf regenfreie Spieltage. Mit Freilichttheater hat er Erfahrung - für die Burgfestspiele, diesen romantischen Genius loci, den Geist des Originalschauplatzes also, könnte sich Latchinian eine Dachkonstruktion vorstellen. Und wie sieht sein "Götz" 2019 aus?

Die Dreierkonstellation Adelheid-Weislingen-Franz

Konzentriert, menschlich und politisch zeitlos, psychologisierend, musikalisch, reduziert und dabei analytisch präzise soll er sein. "Wir beeilen uns, lassen uns aber punktuell Zeit", sagt Latchinian und nennt als ein Beispiel die Dreierkonstellation Adelheid-Weislingen-Franz, die er "gründlicher beleuchten" will.

Götz" Sohn Carl ist halb Mensch, halb Puppe, während Kaiser Maximilian nicht leibhaftig auftritt, dafür als Stimme aus einer Sänfte spricht. Zwei Drehtage hat es Anfang Juni gegeben, einen vor dem Rathaus Heilbronn: um dann auf der Bühne als Mittelalter-TV vom Prozess gegen Götz zu berichten. Und einen im Roten Schloss in Jagsthausen.

Das Engagement der Laien auf und hinter der Bühne imponiert dem Regisseur. Grundsätzlich darf sich Latchinian auf "tolle Schauspieler" verlassen wie Christopher Krieg, der in der Burg bereits den Götz gespielt hat, oder Ann-Cathrin Sudhoff, die diesmal die Adelheid gibt. Wie emanzipiert ist Adelheid?

Latchinian verzichtet bewusst auf Kampfszenen

"Sie ist nicht nur emanzipiert, sondern auch abhängig", meint Sewan Latchinian. "Sie ist Witwe, das heißt, eine Frau in Not, und nicht nur Edelprostituierte. Und doch spielt sie mit Menschenherzen."

Auf die diffusen Kampfszenen im "Götz" verzichtet Latchinian ganz bewusst "in einer zu kriegerischen und waffenlastigen Welt". Die Kämpfe sollen im Kopf des Zuschauers ablaufen. Das ist intensiver.


Am Freitag ist Premiere

Freitag, 20.30 Uhr, Burghof: Karten gibt es in den Geschäftsstellen unserer Zeitung, bei den Burgfestspielen unter Telefon 07943 9123 45 sowie Abendkasse.

Der Regisseur: 1961 in Leipzig geboren, studierte Sewan Latchinian an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch Berlin. Der Regisseur, Schauspieler und Dramatiker arbeitete unter anderem mit Frank Castorf und Thomas Langhoff und ist Mitbegründer der Baracke des Deutschen Theaters Berlin. Latchinian spielte in Film- und TV-Produktionen und war Intendant in Senftenberg und Rostock. Der dreifache Vater ist verheiratet und lebt in Berlin, in der Uckermark und bald auch in Hamburg.

 


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