Vor Konzert mit dem HSO: Pianistin Ragna Schirmer im Interview

Heilbronn  Am Sonntag um 19.30 Uhr steht die Pianistin Ragna Schirmer gemeinsam mit dem Heilbronner Sinfonie Orchester auf der Bühne der Harmonie. Im Interview spricht die Musikerin über ihre Beziehung zu Clara Schumann und von einem ganz besonderen Projekt.

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Vor Konzert mit dem HSO: Pianistin Ragna Schirmer im Interview
"In diesem Jahr ist Clara Schumann meine Hauptlebensaufgabe", sagt Pianistin Ragna Schirmer. Foto: Maike Helbig

Der Geburtstag von Clara Schumann jährt sich 2019 zum 200. Mal. Die Pianistin Ragna Schirmer hat sich deshalb etwas Besonderes einfallen lassen. Über ihr Schumann-Projekt und ihr Konzert mit dem Heilbronner Sinfonie Orchester (HSO) am Sonntag, 19.30 Uhr, in der Harmonie spricht die Musikerin im Interview.

 

Frau Schirmer, welche Rolle spielt Clara Schumann in Ihrem Leben?

Ragna Schirmer: In diesem Jahr ist Clara meine Hauptlebensaufgabe. Sie spielt schon lange eine Rolle, seit über 30 Jahren beschäftige ich mich mit dieser faszinierenden Frau. Dank vieler erhaltener Originaldokumente können wir ihr Leben auch nach 200 Jahren noch intensiv nachvollziehen: durch Briefe, durch Tagebucheinträge, aber auch durch Zeitzeugenberichte und die Programmsammlungen.

 

Ein gutes Stichwort: Für das Clara-Schumann-Jubiläumsjahr 2019 (200. Geburtstag) haben Sie in monatelanger Arbeit alle Konzertprogramme gesichtet und wollen die Auftritte so zahlreich wie möglich an ihren Originalorten neu erklingen lassen. Wie kam es zu diesem Projekt?

Schirmer: Da kamen viele glückliche Fügungen zusammen. Mich haben vor allem die Fragen interessiert, die noch nicht umfassend erforscht sind. Im Schumann-Archiv in Zwickau durfte ich Einblick in Claras Programmzettelsammlung nehmen. Und so entstand meine Idee, durch die Lande zu reisen, um nach Möglichkeit in den noch erhaltenen Originalsälen die Konzerte wieder aufzuführen. Mein Terminkalender füllte sich so recht schnell. Die schwere Aufgabe: 60 wirklich fleißige Künstlerjahre in einem einzigen Jubiläumsjahr zu beleuchten. Mit gewissem Stolz kann ich berichten, dass ich in diesem Jahr über hundert Auftritte zum Thema Clara Schumann realisiert habe.

 

Von Clara Schumann gibt es keinerlei Tonaufnahmen. Ein Hindernis?

Schirmer: Es ist kein Hindernis, eher Erleichterung. Denn: Authentizität ist relativ. Wenn wir eine Aufnahme hätten, dann müsste man sich in eine andere Zeit denken, in der man ein anderes Gefühl für Tempo und Timing hatte. Es wäre wichtig, in welchem Raum mit welchem Flügel gespielt wurde und was die Aufnahmetechnik mit dem Klang machte. Eine Aufnahme würde meine Vorstellung darüber sogar einschränken, wie es damals geklungen haben kann und wie Clara empfunden haben könnte.

 

Konzert mit dem HSO

Sonntag, 19.30 Uhr, Harmonie Heilbronn, Konzerteinführung um 18.45 Uhr. Karten in allen Geschäftsstellen unserer Zeitung, bei der Tourist-Info und an der Abendkasse.

Wie viel Clara steckt in Ihnen?

Schirmer: Ich bin Pianistin und Pädagogin und habe mich sehr viel damit beschäftigt, wie ein Mensch ein Musiker wird. Wie entwickelt er die Nervenstärke, die Disziplin, das Durchhaltevermögen, die Selbstkritik, aber auch die Freude und die Beziehung zu seinem Publikum. Ähnlich wie bei Clara Schumann gibt es in meiner Biografie viele Faktoren, die sich zum komplexen Leben einer Künstlerin addieren.

 

Zum Beispiel?

Schirmer: Bei Clara war sicher ein Aspekt die frühkindliche traumatische Prägung durch die Trennung der Eltern und dem anschließenden Entzug der Mutter. Sie hat das Klavierspielen zu ihrem Lebensmittelpunkt gemacht und sich die Liebe und die Zuneigung des Vaters erspielt. Meine Kindheit war zwar ganz anders, dennoch spüre ich noch heute, dass die Erfahrung der Zuwendung durch Applaus eine Gefühlsbekundung ist. Ich habe gespürt, was das mit einem Kind macht, wenn man täglich fünf, sechs Stunden am Klavier sitzt. Die Musik wird zu einem Lebensinhalt und einer Gefühlspartnerschaft.

 

Beim Konzert mit dem Heilbronner Sinfonie Orchester am kommenden Sonntag spielen Sie Clara Schumanns Klavierkonzert a-Moll op. 7.

Schirmer: Es ist ein Jugendwerk, das eher unbekannt ist. Clara hat damit begonnen, als sie 13 Jahre alt war, uraufgeführt hat sie es mit 15. In dieser Zeit ist in ihrem Leben viel passiert. Sie hat für Robert Schumann geschwärmt, er war noch verlobt und hat sich nicht für sie interessiert. Es spielen Eifersuchtsgefühle und Selbstfindung mit hinein. Es zeigt aber auch, dass sie sich am Konzertmarkt mit dem Werk profilieren und etablieren wollte.

 

Sie sind stolze Besitzerin von sieben Flügeln. Wo bringen Sie die unter?

Schirmer: Einige in meiner Wohnung. Darüber hinaus habe ich ein Lager, von wo aus die Flügel transportiert werden können. Ich reise auch mit meinen Instrumenten.

 


Ranjo Döring

Ranjo Doering

Autor

Ranjo Doering arbeitet seit 2015 bei der Heilbronner Stimme. Nach seinem Volontariat und einem Jahr als Redakteur bei der Hohenloher Zeitung ist er seit 2018 im Kulturressort tätig. Seine Schwerpunkte sind Musik, Film, Theater und Kabarett.

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