Vom Leben gezeichnet: Wolfgang Ambros in Heilbronn

Heilbronn  Der ergraute Wiener Liedermacher Wolfgang Ambros gibt in der Heilbronner Harmonie ein nachdenklich stimmendes Konzert. Er stimmt aber auch Ohrwürmer wie "Schifoan" an

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Vom Leben gezeichnet: Wolfgang Ambros in Heilbronn

"Heilbronn? Ich dachte, das ist eine Heilanstalt." Auch wenn Wolfgang Ambros gebrechlich wirkt, seinen typisch wienerischen Humor hat er nicht verloren. In der Harmonie jubelten ihm die Fans mit gemischten Gefühlen zu.

Foto: Andreas Veigel

Wer den alten Wiener Schlawiner schon lange nicht mehr gesehen hat, muss zu Tode erschrecken. Mit krummem Rücken humpelt Wolfgang Ambros an einer Krücke auf die Bühne und erklimmt mühsam - als sei es der Watzmann - einen Barhocker. Er lehnt sich zurück und schnauft erstmal durch. "Gezeichnet fürs Leben", "Tendenz zur Demenz", "Mir tut das Kreuz so weh": Aufmerksamen Zuhörern im nicht ganz vollen Wilhelm-Maybach-Saal der Heilbronner Harmonie drängen sich förmlich Parallelen zwischen Liedtexten und Liedtexter auf. Der 67-jährige, österreichische Liedermacher, eine Ikone des Austro-Pop, ist in der Tat gezeichnet von seinem intensiven Leben. In erster Linie waren es aber ein Sturz und eine Operation, bei der 2014 sechs Wirbel versteift werden mussten, die ihn heute wie einen alten Mann daherkommen lassen.

Kongeniale Begleitmusiker und wienerischer Humor

Seine Gitarre hat der 67-jährige Lebemensch wie eh und je im Griff. Bei den Liedtexten tut ein Teleprompter gute Dienste. Seine dialektgefärbte Reibeisenstimme ist ganz die alte, fast. Und sein schwarzer wienerischer Humor, der weder sich noch die Welt allzu ernst nimmt, helfen dem ergrauten Barden über manche Unsicherheit hinweg. Nicht zu vergessen: zwei kongeniale Begleitmusiker, namentlich Roland Vogl, der von der Gitarre über den Bass bis hin zur stilechten Zither seine Saiten perfekt beherrscht, und vor allem Günter Dzikowski am Klavier, der schon bei Ambros erster Band Die No.1 vom Wienerwald in die Tasten haute. Die Begleiter stützen den gealterten Meister mit Instrumenten, Begleitgesang, Witz und Esprit.

Zwei Kostproben: Als Ambros vorsichtig andeutet, dass alle, die bei religiösen Witzen empfindlich sind, jetzt lieber den Saal verlassen sollten, "obwohl das doch nur als Spaß germeint ist", steht Dzikowski auf und deutet mit der Krücke auf seinen Freund: "Mir geht es wie dem Jesus, mir tut das Kreuz so weh, und außer alten Jungfern schwärmt niemand mehr für mich." Augenzwinkernd wird nebenbei das Publikum hochgenommen. "Wo sind wir denn hier eigentlich, waren wir schon mal da?" wird zum Running Gag. "Heilbronn? Ich dachte, das ist eine Heilanstalt." "Schwabenländle? Schaffe, schaffe Häusle baue, deshalb sind nicht so viele da."

Viele Fans singen feste mit

Beinahe aus dem Häuschen sind viele der rund 400 Besucher bei Ambros-Gassenhauern wie "Zwickt"s mi", "Skifoan" und "Zentralfriedhof", wobei sich das Trio den von manchen heißersehnten "Watzmann" verkneift. Insgesamt ist das zweieinhalbstündige Konzert weniger von zum Mitklatschen animierenden Hüttensongs geprägt, sondern eher von leiseren, nachdenklich stimmenden Liedern, die als Ganzes fast schon ein Resümee von Ambros" Leben bilden. "Ein Programm, das über das Übliche hinausgeht", wie er selbst sagt.

"Wenn man so an früher denkt", heißt es gleich zum Auftakt. Dem jugendlichen "I bin frei" folgt eine "Trilogie aus der Midlifecrisis", die mehrfache Würdigung des verstorbenen Wegbegleiters Georg Danzer und das wunderschöne Liebeslied "Wintersun", dem gleich nach der Pause Bob Dylans "Corinna" folgt.

Zum Abschied ein "Gott segne Euch!"

Fast philosophisch wird der etwas verlebte Wiener, wenn er vor dem Spiegel über die Begriffe "gut und schön" reflektiert. Richtig nett kann "der Wolferl" sein, wenn er nach einem aktuellen Geburtstagskind fragt, sich ein Uli aus Reihe vier erhebt und dieser prompt ein Ständchen bekommt. Es folgen das programmatische "Ä Mensch möcht ich bleiben" und das "Langsam wachsen wir zam" eines Menschen, der angekommen zu sein scheint. Schmissigen Zugaben wie "Da Hofa", "Die Blume vom Gemeindebau" und "Schifoan" schickt der Österreicher einen letzten, nachdenklich stimmenden Gruß hinterher: "Gott segne Euch!"


Kilian Krauth

Kilian Krauth

Autor

Kilian Krauth kümmert sich um die Heilbronner Kommunalpolitik, um historische und kirchliche Themen sowie um den Weinbau der Region und weit darüber hinaus.

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