Theater Handgemenge aus Berlin beendet Festival Imaginale in Heilbronn

Heilbronn  Zwischen Figuren- und Objekttheater, Clownerie, Musik und Schauspiel: Die Theatergruppe Handgemenge zeigt zum Finale der Imaginale in der Boxx "Der Morgen kann warten".

Von Michaela Adick
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Theater Handgemenge aus Berlin beendet Festival Imaginale in Heilbronn

Politisch-poetisches Schattentheater beim Festival Imaginale in der Boxx Heilbronn.

Foto: Jörg Metzner

Wenn ich morgen früh aufwache, bin ich tot." Sagt Herr Petermann, ein Senior, dem man den Sponti-Spruch so gar nicht zutrauen will.

Doch man täuscht sich in der Figur des leicht labilen und etwas verwirrten Herrn Petermann, Protagonist des Schattenspiels "Der Morgen kann warten" mit dem das Internationale Theaterfestival animierter Formen, die Imaginale, in Heilbronn in der der Boxx in die letzte Runde gegangen ist.

Herr Petermann (Peter Müller), so zerbrechlich und schluffig er auch sein mag, hat noch etwas vor. Etwas, was er nicht mehr aufschieben kann oder will. Und das Theater Handgemenge aus Berlin, ein Puppenspielerkollektiv mit Wurzeln in der renommierten Puppenspielerakademie Ernst Busch, gönnt ihm zur großen Freude des Publikums dieses vermutlich allerletzte große Abenteuer.

Tolldreiste Befreiung aus dem Altenheim

Ist es denn zu viel verlangt, noch einmal aufbrechen zu wollen? Schlimm genug, dass dieser Aufbruch des Herrn Petermann für Außenstehende wie ein Ausbruch anmuten muss: eine tolldreiste Befreiung aus dem frustrierenden wie lieblosen Einerlei eines Alten- und Pflegeheims, das zu allem Übel auch noch mit den Freiheitsrechten ihrer Bewohner nach Lust und Laune umgeht. Zu ihrem eigenen Schutz selbstredend, wie die Schwester betont. Welch ein Euphemismus.

Und genau an diesem Punkt wird die Geschichte von Peter Müller und seiner Partnerin Susi Claus, die die dankbare Rolle der resoluten Nachtschwester übernimmt, nicht einfach zu einem weiteren poetischen Abend im Rahmen des Figurentheaterfestivals Imaginale: In diesem Moment, da sich die in Sonntagsreden beschworenen Freiheitsrechte der Heimbewohner als leere Worthülsen erweisen und die dreisten Entmündigungsversuche der Heimleitung in den Fokus rücken, wird die Geschichte brisant - und hochpolitisch zugleich.

In traumhaften Episoden

Auf zwei Handlungsebenen erzählt das Theater Handgemenge, das 1990 von Peter Müller mitbegründet wurde, seine Geschichte. Die Rahmenhandlung zeigt Susi Claus und Peter Müller in kurzen, griffigen Schauspielszenen, die abenteuerliche Flucht von Herrn Petermann als poetisches Schattenspiel. Auf einer Guckkastenbühne und in magischen Blau-, Weiß- und Schwarztönen sieht man Herrn Petermann, wie er sein Pflegebett frisiert: Ein Propeller muss her, Frau Luna (Susi Claus) weist ihm den Weg in die Freiheit. In traumhaften Episoden geht es für Herrn Petermann zurück in die Vergangenheit, die Türme seiner Heimatstadt tauchen auf und verschwinden, ein sehr lebendiger Wetterhahn gibt seine vorwitzigen Kommentare ab.

Weiter geht es über Stock und Stein, Kollisionen sind nicht ausgeschlossen. Ehefrau Gesine taucht auf, wird von ihm mit einem bangen "Aber es war doch Liebe?" überfallen, Hund Filou, längst in die ewigen Jagdgründe eingegangen, jault um die Wette mit seinem ehemaligen Herrchen.

Uralte Ängste des Menschen

Doch Herr Petermann sucht nicht nur die Freiheit, er hat auch noch letzte Fragen zu klären. Ob sein Leben ein gutes Leben war. Ob nicht alles vergeblich gewesen ist. Uralte Ängste des Menschen verhandelt das Theater Handgemenge hier, Ängste, die in ihrer Wucht geeignet sein könnten, einem Menschen Albträume zu verschaffen.

Mit zarten, filigranen Bildern weiß das Theater (Regie: Stefan Wey) diese Ängste zu konterkarieren, Christian Werdin hat zeitlos schöne Figuren entwickelt, Peter Müller setzt sie mit unauffälligen Lichteffekten und Projektionen in Szene. Am Schluss? Sieht man Herrn Petermann, den alten Schluffi, in Fleisch und Blut zum Kühlschrank tappen. Die Nacht mag vorbei sein, die Abenteuer vielleicht auch. Tot ist er noch lange nicht.

 

Imaginale

Tanz, Gesang, Videoinstallation, Puppen, die mit den Körpern der Spieler verschmelzen, Materialien wie Papier und Stoff: "Für uns ist die Imaginale eine sehr spezielle und sehr schöne Farbe im Spielplan, die wir nicht missen möchten und die wir in zwei Jahren wieder anbieten."

Die Vielfalt animierter Theateformen während des Internationalen Festivals Imaginale und die Zahlen geben Silke Zschäckel, Pressereferentin am Theater Heilbronn, recht. 1052 Besucher kamen zu den zehn Vorstellungen in Heilbronn, das entspricht einer durchschnittlichen Auslastung von 95 Prozent. Das biennale Großraumfestival findet auch in Eppingen, Stuttgart, Mannheim, in Ludwigsburg und Schorndorf statt. 


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