Stürmisch bewegt. Das Auftaktkonzert des Hohenloher Kultursommers

Neuenstein  Eröffnungskonzert Hohenloher Kultursommer im Rittersaal auf Schloss Neuenstein: Pianistin Ana-Marija Markovina harmoniert mit der Russischen Kammerphilharmonie St. Petersburg und lässt das Publikum begeistert lauschen.

Von Ralf Snurawa
Stürmisch bewegt. Das Auftaktkonzert der Hohenloher Kultursommers

Pianistin Ana-Marija Markovina und die Russische Kammerphilharmonie St. Petersburg unter Leitung von Juri Gilboa im Rittersaal des Neuensteiner Schlosses.

Foto: Snurawa

Seit 20 Jahren ist der italienische Komponist Federico Biscione mit der Pianistin Ana-Marija Markovina bekannt. Sie gestaltete am Donnerstag das Eröffnungskonzert des Hohenloher Kultursommers zusammen mit der Russischen Kammerphilharmonie St. Petersburg unter Leitung von Juri Gilbo.

Eine Auftragskomposition namens "Mohnblume"

Im Mittelpunkt stand dabei im Rittersaal des Neuensteiner Schlosses die Uraufführung von Bisciones Concertino für Klavier und Orchester mit konzertierender Trompete, das den Titel "Mohnblume" trägt. Mit diesem bezieht sich Biscione auf die Auftraggeberin, die Kulturstiftung Hohenlohe.

Dabei verknüpft er auch sich selbst über seinen Geburtsort Tivoli mit Hohenlohe über dieses Werk. Denn in Tivoli hatte Kardinal Gustav Adolf zu Hohelohe-Schillingsfürst die Villa d"Este vor dem Verfall gerettet und zu einem Treffpunkt für Künstler im 19. Jahrhundert werden lassen.

Darunter war auch Franz Liszt, der ja selbst in Schillingsfürst Gast des Kardinals war. Dessen Virtuosität und pianistisches Können hatten Biscione für sein Werk inspiriert. Kraftvoll ausgreifend klang es entsprechend zu Beginn und am Ende des Werks.

Fingerfertigkeit und gefühlvolles Nuancieren

Dazwischen wurde Ana-Marija Markovinas Fingerfertigkeit genauso in Anspruch genommen wie ihr gefühlvolles Nuancieren. Denn auf der einen Seite blies ein stürmischer Wind über das Mohnblumenfeld, auf der anderen Seite gab es zarteste Streicherklänge, die vom weich angeschlagenen Klaviertönen umspielt wurden, als drücke der Wind in die noch geschlossene Blüte.

Pavel Burtsevs Trompetenspiel war in dieser stürmisch bewegten wie auch zart innehaltenden und an Filmmusik erinnernden Komposition mal schneidend, mal gedämpft und entfernt zu hören, ähnlich wie in Dmitri Schostakowitschs erstem Klavierkonzert.

Zu diesem, das am Ende des Konzerts erklang, hatte Biscione mit seinem heftig beklatschten Concertino damit eine Brücke geschlagen.

Lust am Spiel mit den Tasten

Ana-Marija Markovina gestaltete Schostakowitschs Lust am Spiel mit den Tasten wie mit dem Zitieren und Karikieren überaus lustvoll aus, vor allem im finalen Satz, der zur klanglich geschärften Attacke auf die Ohren der Zuhörer geriet, aufgewühlt in den Streichern, fast schon derb im Trompetensolo-Galop.

Bravorufe und begeisterter Beifall von Seiten des Publikums waren da schon eine logische Konsequenz.

Vielleicht war einigen Zuhörern aber auch die Interpretation des langsamen Satzes nahe gegangen, der wie ein großer langsamer Walzer tönte. Denn der großen Geste, die gegenüber Rachmaninov ein wenig die Zunge herausstreckte, standen auch die wundervoll weiche Sanftheit der gedämpften Streicher und der gedämpften Trompete beim gesanglichen Spiel gegenüber.

Brücken schlagen

Bisciones "Mohnblume" hatte neben der Brücke zu Schostakowitsch in diesem Konzert auch eine zu Carl Philipp Emanuel Bach und sein selbst heute noch außergewöhnlich klingendes Klavierkonzert in c-Moll geschlagen. Die Buchstaben B-A-C-H hatte Biscione in sein Werk integriert und bisweilen auch etwas von der Entschiedenheit der Ecksätze von Bachs Werk.

Die wurde mit versöhnlicher Eleganz und virtuosen Figurationen konfrontiert. Zarte Tastenläufe bestimmten den langsamen Satz, kräftige Akzentsetzungen das Menuett. Besonders die Übergänge oder vielmehr Brüche im Ausdruck zwischen den Sätzen fesselten bei diesem Werk.

Perfekt und auch im gleichen Jahr wie Bachs Klavierkonzert komponiert, fügte sich da Joseph Haydns Sinfonie Nr. 47 in G-Dur. Dieselbe Entschiedenheit im Tonfall war im Eingangssatz zu spüren.

Anregend seltsame Harmoniefolgen

Bei aller Tändelei im langsamen Variationensatz ließ der sprechende Schluss mit seinen seltsamen Harmoniefolgen aufhorchen. Gustav Holsts "St. Paul"s Suite" wirkte da im Vergleich geradezu eingängig und einfach sowie espritvoll von den Musikern der Russischen Kammerphilharmonie wiedergegeben.


Der Komponist

Der 1965 in Tivoli in der Region Latium geborene Komponist Federico Biscione studierte am Konservatorium von L"Aquila Klavier, Komposition und Dirigieren. Dann vertiefte er seine Kenntnisse bei Vieri Tosatti, einem in Rom lebenden Opernkomponisten. Seit 2003 ist Biscione hauptsächlich als Komponist tätig. Seine Werke tendieren zur Tonalität und sind oft für kleinere Ensembles entstanden, aber auch für Orchester. 2005 erhielt er den ersten Preis des Kompositionswettbewerbs "Mozart oggi". Seit 2009 hat Biscione eine Professur für Komposition am Konservatorium von Bari inne.


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