Streetart in Heilbronn: Was hinter diesen Aufklebern steckt

Heilbronn  Die Botschaften kleben auf Briefkästen, Dachrinnen, Wänden und Pollern. Wer aufmerksam durch Heilbronn läuft, entdeckt Streetart, die zum Nachdenken anregt. Wer steckt dahinter – und was will uns der Künstler damit sagen?

Er braucht nur drei Worte: "Träumt die Erde". Diese Worte sollen die Welt verbessern. Zumindest ein bisschen. Denn die Möglichkeiten eines Künstlers sind begrenzt, sagt Michael Hieronymus. Der 56-jährige Heilbronner ist für Skulpturen aus Cortenstahl bekannt. Inzwischen versteckt er aber auch Botschaften in der Stadt.

Wer mit offenen Augen durch die Welt geht, entdeckt die weißen Aufkleber mit schwarzer Schrift: an Briefkästen, Dachrinnen, Wänden und Pollern. "Eigentlich überall", sagt der Künstler. Gleich mehrere sind auf der Heilbronner Allee zu finden. Selbst im Vatikan hat Hieronymus einen Sticker hinterlassen. Mit etwas Glück hat ihn noch niemand wieder abgezogen.

Nur einmal hat er Ärger bekommen. Da klebte eine seiner Botschaften auf einem anderen Kunstwerk, dem bekannten goldenen Hasen über der Heilbronner Inselspitze. "Ein Fehler", gibt Hieronymus zu. Er achtet darauf, dass der Untergrund durch seine Aufkleber keinen Schaden nimmt.

Mit den Botschaften ist es wie mit der Kunst: Jeder interpretiert sie anders

"Träumt die Erde" – für Michael Hieronymus ist das eine Frage, auch wenn kein Fragezeichen dahinter steht. Das fehlende Satzzeichen bietet nach Ansicht des Künstlers einen Vorteil für den Betrachter: Jeder kann die Worte anders interpretieren – so wie in der Malerei und Bildhauerei.

Hieronymus hat noch mehr Fragen. Fragen mit Witz. Wenn er sie liest, muss er lachen: "Werden Radieschen erwachsen". Oder: "Schlafen Äpfel". Er denkt oft darüber nach, ob Pflanzen nicht auch schützenswerte Lebewesen sind. Nur weil Radieschen bis zu ihrer Ernte in der Erde stecken und Äpfel am Baum hängen, heißt das ja nicht, dass sie nicht lebendig sind. Wer sich auf diesen Gedanken einlässt, achtet mehr auf seine Umwelt – auf Menschen, Tiere, Pflanzen und alles, was sonst noch leben könnte. Die Welt wäre dann ein besserer Ort, ist Hieronymus überzeugt.

Befehlen geht nicht, auf Veränderungen warten aber auch nicht

Ein paar Fragen sollen Menschen zu einem toleranteren Miteinander bewegen? "Sag mal zu den Leuten, wir essen diese Woche kein Fleisch. Dann drehen sie durch, obwohl es super sinnvoll wäre, es zu machen." Im Befehlston würden seine Botschaften nicht ankommen. Warten, bis die Menschen freiwillig einen autofreien Sonntag einlegen, um die Umwelt zu schonen, will Hieronymus aber auch nicht. "Bis dahin ist alles den Bach runter", sagt er. "Wir machen unsere Erde kaputt. Wenn die kaputt ist, ist sie kaputt. Es gibt nur eine." Wie die Menschen mit der Natur umgehen, findet der Künstler "wahnsinnig". Obwohl er manches gerne bestimmen würde, verzichtet er auf Befehle und lässt den Menschen Raum zur Interpretation.

Lieber schreibt er "Träumt die Erde". Schwarze Buchstaben auf weißem Grund, rund 50 weitere Botschaften hat er verfasst. Darunter auch diese: "Ist Heilbronn die traurigste Stadt im Universum". Gerade so groß wie Postkarten, sollen sie ihre Betrachter für die Umgebung sensibilisieren. Schlichte Worte, die sich beim Vorbeigehen nicht aufdrängen, aber doch auffallen.

Michael Hieronymus, Künstler aus Heilbronn
Seine Botschaften hat er nicht nur auf postkartengroße Aufkleber geschrieben: Auf großer Leinwand prangen sie auch in Lettern aus Blattgold. Foto: Lisa Reiff

Mancher erklärt Hieronymus für verrückt

"Träumt die Erde" hat Hieronymus nicht nur auf postkartengroße Aufkleber geschrieben: In seinem Atelier in der Heilbronner Werderstraße steht eine Leinwand, die größer ist als der Künstler selbst. Darauf prangen die drei Worte in riesigen Buchstaben aus Blattgold. 8500 Euro kostet das Kunstwerk. Die Erde ist teuer.

Michael Hieronymus weiß, dass ihn manche wegen seiner Botschaften für verrückt halten. Darauf gibt er nichts. Lieber konzentriert er sich auf das, was klappt. Seine Hoffnung: Vielleicht denkt der ein oder andere ja doch nach. Vielleicht fragt sich doch jemand beim nächsten Mal, wenn er beim Spazierengehen an einem Apfelbaum vorbeikommt: "Schlafen Äpfel?"

Cortenstahlskulptur von Michael Hieronymus
Am Weinsberger Klinikum am Weissenhof zeigt Michael Hieronymus seine Cortenstahl-Skulpturen. Foto: Klinikum am Weissenhof

Mehr Kunst von Michael Hieronymus 

Bekannt ist Michael Hieronymus für seine Skulpturen aus wetterfestem Cortenstahl. Seine künstlerische Arbeit wird von einer Vision bestimmt: die Gleichwertigkeit aller Lebewesen."Égalité" heißt eine Skulptur aus Cortenstahl, die dieser Gleichwertigkeit ein Denkmal setzen soll. Zu sehen sind die Stahlskulpturen beispielsweise am Klinikum am Weissenhof in Weinsberg. Der Skulpturenpark hinter der Kirche ist frei zugänglich. 

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Mehr über die Suche nach Streetart in Heilbronn

Wer sich in Heilbronn auf die Suche nach den aufgeklebten Botschaften von Hieronymus macht, wird mitunter enttäuscht. An der Bushaltestelle an der Allee und am Eingang zum Harmonie-Parkhaus wurden seine Botschaften bereits zerkratzt. Was dagegen hilft? Der Künstler kennt einen einfachen Trick: Am längsten unbeschadet bleiben seine Aufkleber, wenn man sich bücken muss, um sie zu erreichen.

 


Lisa Reiff

Onlineredakteurin

Als Onlineredakteurin kümmert sich Lisa Reiff seit 2018 darum, die Stimme-Leser auf allen digitalen Kanälen zu informieren. Am liebsten sammelt sie Leserfragen für die Serie “Noch Fragen?”, weil daraus Geschichten entstehen, die die Menschen in der Region besonders interessieren.

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