"Sonny Boys" im Heilbronner Komödienhaus: Lass altern, Kumpel

Heilbronn  Minutenlang feiert das Publikum das von Jens Kerbels inszenierte Stück "Sonny Boys". Neil Simons Komödie von 1972 ist im Komödienhaus mit zwei großartigen Darstellern besetzt.

Von Andreas Sommer
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"Sonny Boys" im Heilbronner Komödienhaus: Lass altern, Kumpel

Krieg der Greise: Willie Clark (Frank Lienert-Mondanelli, links) und Al Lewis (Stefan Eichberg).

Foto: Jochen Klenk

"Ich mache mit, bin aber dagegen": Diesen Satz aus Neil Simons 1972 uraufgeführter Komödie "Sonny Boys" posaunen die beiden Hauptprotagonisten Willie Clark und Al Lewis mehrfach hinaus. Er bezieht sich auf die geplante einmalige Wiedervereinigung des seit elf Jahren zerstrittenen Komiker-Duos für eine TV-Show. Heute wirkt der Satz wie eine Aktualisierung der Regie mit Blick auf den Politikbetrieb in unserem Land. Was beweist, dass der unverwüstliche Broadway-Hit des US-Amerikaners (1927-2018) auch mit 47 Jahren auf dem Buckel noch immer etwas zu sagen hat über das Älterwerden, über Hassliebe, das Schauspielerdasein, das Loslassenkönnen, über Selbstüberschätzung, Verbitterung, Vereinsamung und die Melancholie der Komik.

Minutenlang hat das Premierenpublikum die Inszenierung von Jens Kerbel am Samstagabend im Komödienhaus beklatscht. Kerbel arbeitet die Tragik dieser Komödie subtil heraus und zeigt Willie und Al als Fossile einer Zeit, die es nicht mehr gibt. Dabei kann er sich auf Persönlichkeit und Temperament seiner Hauptdarsteller verlassen: Die sind schlichtweg großartig.

Frank Lienert-Mondanelli ist der schrullige, vergessliche, verwahrloste Bohemien Willie Clark, der in einem ranzigen Hotelzimmer haust und sich von Dosensuppen und Tee ernährt. Über dem Bett müht sich ein schlapper Ventilator, an der Wand prangt ein Plakat aus den glorreichen Zeiten des Komiker-Duos (Ausstattung: Carla Friedrich). Willie ist ein zynischer Nörgler. Und wie sein Ex-Kumpel Al Lewis eine gealterte Diva. Stefan Eichbergs Al ist die Korrektheit in Person in edlem Zwirn und mit kontrolliert pointierter Sprache. Seinen Partner Willie hat er 43 Jahre lang mit seinem ewigen Zeigefingerstupsen und seiner feuchten Aussprache an den Rand des Nervenzusammenbruchs gebracht - und daran hat sich nichts geändert.

Abschied

Frank Lienert-Mondanelli ist 1955 in Wolfen in Sachsen-Anhalt geboren. 1976 bis 1979 studierte er an der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch". Sein erstes Engagement führte ihn 1979 ans Maxim Gorki Theater Berlin, 1982 wechselte er ans Deutsche Theater Berlin. Seit dem Jahr 2008 gehört er zum Heilbronner Ensemble, wo er in der Titelrolle von Gotthold Ephraim Lessings "Nathan der Weise" einen starken Einstand feierte. Nach der laufenden Spielzeit zieht er zu seiner Familie nach Eisenach. 

Den beiden Sprachästheten Lienert-Mondanelli und Eichberg zuzuhören und zuzuschauen, ist ein Genuss. Lienert-Mondanelli erinnert an den armen Poeten von Carl Spitzweg, wie er im braungestreiften Bademantel vor seinem Uralt-Fernseher hockt und alte Serien guckt. Seine angebliche Fanpost, die Engagements für Werbespots und kleine Auftritte sind nur Produkte seiner Fantasie. Wie er Willies gekränkte Eitelkeit und das verlottert Cholerische seiner Existenz in Gesten, Blicke und Worte fasst, ist große Schauspielkunst.

Neil Simons illusionslosen Blick auf das Showbusiness, seinen Dialogwitz und seine melancholischen Momente stützt Kerbels klug getimte Regie, die den alten Männern ihre Würde und ihren verqueren Humor lässt. Marek Egert als Willies Neffe und Agent ist ein gutmütiger, naiver und überforderter Büro- und Familienmensch, immer auf dem Sprung.

Marie Ulbricht bedient als Krankenschwester zwei Klischees: das des großbusigen, blonden und doofen Nichts im berühmten Arzt-Sketch der Komiker - mit seinem Frauenbild längst aus der Zeit gefallen - und das der rotzig-frechen Pflegerin, die ihre Schutzbefohlenen hasst. Zweieinhalb Stunden dauert der vergnüglich-nachdenkliche Schlagabtausch - bis zum versöhnlichen Ende.

 

 


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