So war die Premiere vom neuen "Götz von Berlichingen"

Jagsthausen  Zwischen Idealismus und Größenwahn: Regisseur Hansgünther Heyme zeichnet den Götz als empfindsamen Intellektuellen. Verhaltener Premieren-Applaus für einen souveränen Tim Grobe in der Titelrolle bei den Burgfestspielen Jagsthausen.

Von Claudia Ihlefeld

Ein Stoff für Sozialromantiker und Utopisten? Johann Wolfgang Goethe hat eine Figur aus der Zeit der Bauernkriege des Spätmittelalters gewählt, um eine Diagnose seiner Zeit zu erstellen, der Umbruchjahre um 1770. Eine Diagnose seiner, also unserer Zeit will auch Regisseur Hansgünther Heyme stellen und begreift Goethes „Götz von Berlichingen“ als politisch zeitlosen Text - ohne sich mit effekthascherischen Aktualitätsbezügen anzubiedern.

Heymes Inszenierung bei den Burgfestspielen Jagsthausen ist eine klug reduzierte, ernsthaft-ruhige Deutung ohne Mummenschanz und Säbelrasseln mit einem souveränen Tim Grobe in der Titelrolle dieses deutschen Helden mit der eisernen Faust. Ihm steht die Freiheit, frei zu sein, über allem. Götz fordert sie nicht, er nimmt sich die Freiheit - und scheitert. Seine pathetische Prognose kurz vor dem Tod zeichnet eine deprimierende Zukunft: „Es kommen die Zeiten des Betrugs ... . Die Schwachen werden regieren, mit List, und der Tapfre wird in die Netze fallen, womit die Feigheit die Pfade verwebt.“

Tim Grobe behauptet sich im Kampf gegen die Windmühlen des Systems

Von Feigheit, Opportunismus, Willkür und Lobbyismus einer satten Machtelite, die alle Hebel in Bewegung setzt, erzählt dieses Sturm-und-Drang-Drama und setzt dabei ganz auf Goethes Text und die Macht der Sprache. Einiges dürfte uns bekannt vorkommen, folgen Politik und Wirtschaft, Abhängigkeiten und Konsum seit jeher den gleichen Mechanismen. In diesem Kampf gegen die Windmühlen des Systems behauptet sich Tim Grobe. Sein Götz ist keine gemütlich-dickwanstige Figur, auch wenn er vor Gewalt bei der Umsetzung seiner Ziele nicht zurückschreckt.

Grobe, langjähriges Ensemblemitglied am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, ist ein präziser Textarbeiter mit subtiler Gestik. So wie Heyme gegen jegliche hemdsärmelige Sauf-Kumpanei und plumpe Männlichkeit inszeniert, gibt Grobe streckenweise den empfindsamen Intellektuellen. Ein Heiliger ist er dabei nicht in seiner Mischung aus Größenwahn und Idealismus, aus Dickköpfigkeit und Rechtschaffenheit. Vielmehr einer, der es nicht erträgt, dass sich einige wenige auf Kosten der Mehrheit bereichern.

Fast möchte man von einer modernen Ehe auf Augenhöhe sprechen

Grobes Götz plädiert für ein Leben, das mit dem auskommt, was man zum Leben braucht. Verlässliche Freunde, Liebe, Familie, Essen und guten Wein. Isa Weiß in der Rolle seiner Frau Elisabeth mit schwarzem Hut und eleganten Spitzenhandschuhen ist weder frommes Weib noch treusorgende Mutter, fast möchte man von einer modernen Ehe auf Augenhöhe sprechen, in der jeder seines Weges geht.

Während Valerija Laubach als Adelheid mit der kühnen Frechheit einer Domina ohne Peitsche auftritt, bleibt der Weislingen von Franz-Joseph Dieken blass. Ob er nun auf der Seite des Bischofs von Bamberg steht oder auf der seines alten Freundes Götz: Es scheint keinen Unterschied zu machen, die Zerrissenheit der Figur ist nicht greifbar. Dass der Georg nicht nur der simple Knappe von Götz ist, sondern ein differenzierter Charakter, zeigt Mats Kampen. Und auch das frische Spiel von Luisa Meloni als unbeschwerte Marie gefällt.

Verhaltener Applaus trotz souveränem Ensemble-Spiel

Mit dem politisch denkenden Heyme haben die Burgfestspiele einen renommierten Regisseur engagiert, der seit den 60er Jahren die deutsche Theaterlandschaft prägt und einst als Klassik-Killer galt, der den Wunsch nach herkömmlicher Theaterkost nicht erfüllt. Ein Klassik-Killer ist Heyme, Jahrgang 1935, nicht mehr. Dafür arbeitet er zu nah am Text und lässt Goethes Sprache schillern.

Heyme, der auch für die Ausstattung verantwortlich zeichnet, lässt auf einer konzentrierten Shakespeare-Bühne spielen ohne große Umbauten und mit fliegendem Tempo in den Übergängen. Links und rechts stehen die wenigen Requisiten bereit zum Einsatz, Tische, Stühle, ein paar Waffen. Der Vorhang aus blau-dunkelroten Stoffbahnen erinnert an eine Wanderbühne. Das Volk blickt von den Galerien herab auf das Spiel der Mächtigen oder sitzt auf metallenen Leitern, die Verbindungstreppen vom Burghof zur Empore sind gekapert. Wie der Chor in der griechischen Tragödie führt diese schwarz gekleidete Masse mahnend durch das zweieinviertel-Stunden-Stück. Denn sein Versprechen, unter zwei Stunden zu bleiben, hat Heyme dann doch nicht eingelöst. 

Verhaltener Premieren-Applaus für diesen „Götz von Berlichingen“, trotz souveränem Ensemblespiel und dem klugen Mut, die Burg einmal anders in den Griff zu bekommen.