Skurriler Abend mit Dr. Wahn in der Experimenta

Heilbronn  Es ist eine unterhaltsame One-Man-Show und metaphysische Reise. "Dr. Wahn - die All-umfassende Theorie der Welt" mit dem Schauspieler und Theatermacher Paul Kaiser beim Festival Science & Theatre und der Frage, was die Welt im Innersten zusammenhält.

Email
Paradox denken: Ein skurriler Abend mit Dr. Wahn in der Experimenta

Großartiger Schauspieler und Komödiant: Paul Kaiser ist Dr. Wahn, der manische Forscher und unorthodoxe Denker.

Foto: Juliane Zietzelsberger

Irgendwann an diesem Abend kommt Dr. Wahn kurz auf Heinrich von Kleists pessimistische Diagnose zu sprechen, dass das Paradies verschlossen sei und wir uns von hinten - vielleicht - wieder hereinschleichen könnten. Quasi einmal um die Welt und schauen, ob es ein Schlupfloch gibt, um die großen, existenziellen Fragen dieser Welt zu verstehen.

Was die Welt im Innersten zusammenhält, treibt Dr. Wahn wenn nicht in den Wahnsinn, so doch zu einem Parforceritt von Heraklit und Aristoteles über Johannes Keppler und Werner Heisenbergs Unschärferelation, die sich nicht mit Einsteins Relativitätstheorie vereinbaren lässt, zu Stephen Hawking. Nicht, ohne Descartes (Ich denke, also bin ich) und Friedrich Nietzsche (Die ewige Wiederkehr des Immergleichen) zu streifen.

Spielwütiger Typ mir roter Sturmfrisur

Knapp 100 Minuten unorthodoxes Nachdenken über naturwissenschaftliche Theorien und geisteswissenschaftliche Paradoxien: Weil alles immer irgendwie zusammenhängt, wie der Schauspieler Paul Kaiser in seiner aberwitzigen One-Man-Show "Dr Wahn - die All-umfassende Theorie der Welt" anschaulich durchdekliniert. Während sich die Bühne um den spiel- und bastelwütigen Typen mit roter Sturmfrisur ins Chaos verwandelt, was seine Gedanken umso nachvollziehbarer macht.

Ein intellektuelles Vergnügen ist das, was der geistreiche Sprachakrobat da verquirlt mit Requisiten wie seinem Schreibtisch, der multifunktional demontiert wird, Barbiepuppen, die die Anziehungskraft zwischen Mann und Frau erklären und warum der Akt der Kopulation letztlich ein Akt der Verzweiflung ist, der Einsamkeit zu entkommen, und sei es nur kurzfristig.

Kaiser/Wahn hantiert mit Mixern, Minigloben, erklärt anhand einer Plüschkatze das Heisenbergsche Paradoxon und mit einer Schwarzwalduhr und alten Weckern das Problem von Zeit und Raum.

Kaisers fantastische Gedankenreise hätte auch eine größere Spielstätte gefüllt

Der Begrüßungsraum im Untergerschoss der Experimenta ist am Freitagabend zu später Stunde ausverkauft, locker hätten die Veranstalter weitere Karten verkauft, Kaisers fantastische Gedankenreise hätte auch eine größere Spielstätte gefüllt. Konzept, Regie und Spiel des Stücks stammen allesamt von dem Schweizer Schauspieler, der in die Rolle des skurrilen Physikers Wahn schlüpft, dessen Frau kurz vor der Niederkunft steht, wie wir aus den kurzen Telefonaten erfahren. Bei denen fällt die Figur Wahn ins charmante Schwyzerdütsch. Um subito seinen fiktiven Vortrag wieder aufzugreifen und uns aufzuklären darüber, was letztlich nicht erklärbar ist.

Warum und worum dreht sich alles, wieso lässt uns die Gravitation am Boden kleben, welches ist der Grundbaustein der Materie? Ist nicht alles, also jedes kleinste Teil, Information? Und was tun wir mit dieser Information?

Schwarze Löcher und sterbende Galaxien

Unerschrocken denkt Wahn Widersprüche, springt hin und her zwischen Heraklits Panta rhei (alles fließt), schwarzen Löchern, sterbenden Galaxien, veranschaulicht das Ganze mit einer Sanduhr und dem Prinzip Spaghetti, die sich in die Länge ziehen lassen. Wahn trällert zu Schlagern, die krächzend aus einem alten Transistorradio tönen. Und kann dabei ganz grundsätzlich werden: "Wir sind verantwortlich für diese Welt. Wir kreieren die Welt. Wir sind zur Freiheit verdammt."

Wann wir das endlich kapieren? Viel Applaus für diese unterhaltsame Beweisführung, dass das Absurde Erkenntniswert hat.


Claudia Ihlefeld

Claudia Ihlefeld

Autorin

Seit ihrem Volontariat bei der Heilbronner Stimme 1991 schreibt Claudia Ihlefeld überwiegend über regionale Kultur und Kulturpolitik, aber auch über nationale und internationale Kulturereignisse.

Kommentar hinzufügen