Scorpions-Gitarrist Schenker: Die Welt braucht mehr Liebe

Interview  Scorpions-Gitarrist Rudolf Schenker spricht im Exklusiv-Interview über Musik, Hass und Grenzen.

Von Andreas Gugau
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Scorpions-Gitarrist Rudolf Schenker im März 2016 bei einem Konzert in Stuttgart. Foto: Andreas Gugau

Rock'n'Roll war früher eine Revolution. Inzwischen versuchen sich darin Rap-Musiker, wie der Eklat um die Echo-Preisverleihung gezeigt hat. Wir haben Scorpions-Gitarrist Rudolf Schenker zu Moral in der Musik gefragt und wie es mit der Rockband nach 52 Jahren weiter geht.

 

Wie beschäftigt sind Sie denn, wenn Sie gerade nicht auf Tour sind?

Rudolf Schenker: Das Nebenher ist ja zeitraubender als das Vergnügen. Auf der Bühne, das ist Vergnügen, ich habe immer viel Sport gemacht, Fußball gespielt als Junge bis es so dunkel war, dass man den Ball nicht mehr gesehen hat. Das hält fit und es macht Spaß.

 

Sie managen sich derzeit selbst?

Schenker: Ja, das kommt ja noch dazu. In unserer derzeitigen Phase haben wir gesagt, es macht gar keinen Sinn, einen neuen Manager einzuarbeiten. Wir müssten viel Zeit aufwenden und ihn ja auch noch bezahlen. Ich bin mit dem Kopf schon wieder in Mexiko. Wir touren in Spanien, Portugal, Frankreich, Israel, Neuseeland und China. Was soll das denn noch toppen?

 

Vom aktuellen Tagesgeschehen sind Sie dann ein wenig abgekoppelt. Haben Sie die Diskussion um die Echo-Preisverleihung mitverfolgt?

Schenker: Zurzeit schaue ich ja nichtmal Fernsehen, ich habe das nur am Rande mitbekommen.

 

Die Scorpions behalten also ihren Echo, den sie vor zwei Jahren für Ihr Lebenswerk bekommen haben?

Schenker: Ich habe mich nicht im Detail mit der Sache beschäftigt und so lange kann ich dazu natürlich nichts Genaues sagen.

 

Künstler haben ja eine gewisse moralische Verpflichtung. Oder muss ein Künstler nur das machen, was ihm Spaß macht?

Schenker: Die moralische Verpflichtung kommt automatisch, sobald man mit gewissen Sachen konfrontiert wird. Als wir das erste Mal nach Russland gegangen sind, nachdem unsere Eltern da ja mit Panzern aufgefahren sind, da wollten wir den Leuten zeigen, dass jetzt eine neue Generation kommt. Da hatten wir eine Verpflichtung. Deshalb haben wir weltweit immer danach gehandelt. Wir waren nicht die Rocker, die Fernseher aus dem Fenster geworfen haben, sondern die, die sich gut verstanden haben. Ob es nun mit Aerosmith oder van Halen oder Metallica war oder mit den Roadies.

 

Es kommt also hauptsächlich auf das Zwischenmenschliche an?

Schenker: Das ist der Punkt, wie verhalte ich mich den Menschen gegenüber, nicht nur den großen Gemeinschaften, sondern den einzelnen Menschen gegenüber? Der wird oft vergessen. Wenn man einen riesen Erfolg hat, dann vergisst man das ganz schnell. Aber das haben wir nicht gemacht, der einzelne Mensch steht bei uns immer im Vordergrund.

 

Das haben einige Musiker heute aber vergessen, wie es scheint?

Schenker: Die Gefahr besteht immer, dass man so beschäftigt ist, dass man das Drumherum gar nicht mehr wahrnimmt. Das ist wie wenn Du mit 280 auf der Autobahn fährst, da schaust Du auch nicht in den Rückspiegel. Und die, die dann schauen, was auf der Gegenfahrbahn passiert ist, die verursachen den nächsten Unfall.

 

Aber das Ego ist gerade heute ja ein wichtiger Bestandteil des Showgeschäfts. Sind da Grenzüberschreitungen ein Teil davon?

Schenker: Rock'n'Roll war ja immer eine Grenzüberschreitung, die Jugend wollte sich durchsetzen in den 1960er und 70er Jahren. Die Jugend hat durch ihre Musik die Verkalktheit der Gesellschaft aufgerissen. Das ging weiter bis in die 80er Jahre, bis diese Musik von den Massenmedien und von der Werbeindustrie entdeckt wurde. Die Gesellschaft hat die Rockmusik vereinnahmt. Eigentlich war das ja eine Revolution gegen die Gesellschaft. Und die Rapper versuchen, durch ihre Sprache, eine neue Revolution in Gang zu setzen. Da gehen sie über die Grenzen hinweg. Das haben früher Ältere in der Beat-Musik genauso gesehen.

 

Aber hat nicht auch eine Grenzüberschreitung eine Grenze. Speziell wenn es dann antisemitisch und frauenfeindlich wird?

Schenker: Klar gibt es Grenzen. Wenn eine Gesellschaft im Gesamten etwas nicht mehr vertreten kann, dann ist diese Grenze erreicht. Aber die derzeitige Diskussion ist wichtig, dass man darüber spricht, damit sich jeder über diese derzeitige Situation bewusst wird.

 

Und konkret zu den aktuellen Vorwürfen gegen Kollegah und Farid Bang?

Schenker: Was die machen, das geht gar nicht. Man kann nicht auf eine Gesellschaftsgruppe einschlagen. Das ist eine ganz falsche Form. Manche können sich einfach nicht mehr halten, manche Menschen gehen über gewisse Punkte hinaus. Vielleicht sind sie sich dessen gar nicht bewusst. Mit der Diskussion wurde das natürlich promoted aber gleichzeitig auch eine Warnung ausgesprochen. Jede Medaille hat immer zwei Seiten und so ist es auch hier.

 

Hass ist Ihnen also fremd?

Schenker: Ich würde so etwas gar nicht machen. Es gibt andere Wege, Menschen zu bewegen, die Liebe zum Beispiel. Liebe wird oft vernachlässigt, dabei ist Liebe der Schlüssel des Lebens. Liebe öffnet alles. Deshalb haben die großen Meister wie Buddha oder Jesus mehr erreicht als alle Machthaber mit ihren Kriegen. Schau mal Syrien an! Da wird ein ganzes Land vollkommen zerstört, das ist der reine Wahnsinn. Was ist denn da normal dran? Nur weil die Machthaber das als normal ansehen? Das ist doch Wahnsinn. Und wir schauen alle zu!

 

Es ist eine schwierige Lage, gerade in Syrien.

Schenker: Ja, aber so schwierig ist das ganze Leben. Aber die Liebe kann die Menschen vereinen. Papst Franziskus zum Beispiel. Der Mann hat durch seine Art eine positive Energie in die Kirche gebracht. Der sitzt nicht auf dem hohen Ross, der ist ganz unten und sagt, ich bin Diener Gottes.

 

Sind Sie gläubig?

Schenker: Ich glaube auf jeden Fall. Ich beschäftige mich mit Gott seit ich geboren bin. Ich habe mich mit Philosophie und Glaubenssachen beschäftigt. Die Menschen sollten mehr meditieren, damit sie zu sich selbst finden. Wenn wir mehr meditieren, sind die Menschen ausgeglichener.

 

Wie lange wird es denn die Scorpions noch live zu sehen geben?

Schenker: Wir haben 2010 aus tiefer Überzeugung unsere Abschiedstournee gegeben. Aber dann haben wir endlich Zeit gehabt für MTV unplugged. Danach hatten wir unser 50-jähriges Bestehen und dann sind da ja noch neue Fans. Eine neue Generation, denen wir zusammen mit anderen alten Bands noch etwas bieten wollen, handgemachte Musik, nicht nur Computermusik.

 

Gibt es denn Pläne für ein neues Album?

Schenker: Wir werden sehen. Wenn wir jetzt in Mexiko sind und die Stimmung passt, dann hat man ja schon mal neue Ideen. Und wenn wir irgendwann der Meinung sind, das sollte der Öffentlichkeit mitgeteilt werden, dann kann es gut sein, dass wir ins Studio gehen.

 

Die Scorpions sind ja quasi aus der Zeit gefallen, nach 50 Jahren immer noch als Band zusammen. So etwas gibt es heute kaum noch. Woran liegt das?

Schenker: Die Plattenfirmen tun sich schwer, seit das Internet so verbreitet ist. Man hat keine Kontrolle mehr über seine eigene Musik und die Streaming-Dienste machen es nicht leichter. Da landest Du einen Superhit und am Ende fragst Du Dich, wo das ganze Geld hin ist. Manchmal weiß es niemand so genau.

 

Also keine Band mehr, die ein halbes Jahrhundert zusammen spielt?

Schenker: Das kann es noch geben. Wenn junge Leute ein Ziel vor Augen haben und daran festhalten, dann können sie es schaffen. Aber das wird immer seltener der Fall sein.

 

Konzert

Die Scorpions spielen am 27. Juli vor dem Residenzschloss in Ludwigsburg. Karten gibt es noch im Vorverkauf.

Zur Person

Der Gitarrist Rudolf Schenker gründete vor 52 Jahren als 17-Jähriger bei Hannover die Rockband Scorpions, eine der erfolgreichsten deutschen Bands. Er machte zunächst Ausbildungen als Elektriker und Fotograf, ebvor er Berufsmusiker wurde. Zu seinen bekanntesten Kompositionen gehören Stücke wie "Rock you like a Hurricane", "The Zoo", "Big City Nights" und "No One like You". Der 69-Jährige lebt nach wie vor in der Nähe von Hannover. 

 

 

 


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