Reise durchs Gehirn beim Science & Theatre Festival in Heilbronn

Heilbronn  Mit den Stücken "The Curiosity of Brain" und "Eliza Uncanny Love" endete am Samstagabend das Festival Science & Theatre. Für die Zuschauer gab es einen Einblick in die Prozesse menschlichen Denkens mit der Frage: Können wir durch Robotik den perfekten Menschen erschaffen?

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Zärtliche Berührung: "Eliza Love Uncanny" übertragt in der Boxx des Heilbronner Theaters den Pygmalion-Mythos ins 21. Jahrhundert. Foto: Meinhardt & Krauss

Internet, Radio, Zeitung und Fernsehen: In Zeiten von sozialen Medien, Smartphones und der daraus resultierenden ständigen Erreichbarkeit ist der Mensch einer wahren Informationsflut ausgesetzt. Kein Ereignis, das nicht auf irgendeinem Kanal den Weg zu uns findet.

Alles, was der Mensch sieht, hört und fühlt wird vom Gehirn aufgenommen und verarbeitet. Verliert es bei der Menge an Informationen nicht den Faden? Welche Prozesse finden statt, wenn das Gehirn durch Reize von außen stimuliert wird?

Eine humorvolle und lehrreiche Fahrt durch unseren Denkapparat

Mit "The Curiosity of Brain" versucht das Brachland Ensemble aus Nürnberg, Hamburg und Brüssel mit einer Mischung aus Physical Theatre und Pantomimik und mit einer videotechnisch aufwendigen Inszenierung Einblicke in die Prozesse menschlichen Denkens zu geben. Die 75-minütige Vorstellung beim Science & Theatre Festival im gut gefüllten Science Dome am Samstagabend (am Nachmittag gab es eine verkürzte Vorstellung für Kinder ab acht Jahren) ist eine spannende, humorvolle und lehrreiche Fahrt durch den Denkapparat.

Den im Programmheft angekündigten Animationsfilm gibt es zwar nicht zu sehen, dafür aber ein schwarz-weißes Wissenschaftsvideo im Stile der 30er-Jahre. Dazu gibt Schauspieler Dominik Breuer den im grauen Morphsuit gekleideten Brain, eine Art Arbeiter zwischen den Synapsen, den die Sinneseindrücke und die verschiedenen Hirnareale immer wieder vor wahnwitzige Aufgaben stellen. Traumartige, psychedelische Momente treffen auf farbenfrohe, ruhige Sequenzen.

Untermalt wird die Performance von Edvard Griegs "In der Halle des Bergkönigs", mal in der klassischen Orchesterversion, mal, um das Chaos im Kopf zu symbolisieren, mit quietschenden Violoncelli in der Version der finnischen Cello-Rockgruppe Apocalyptica. Für Kinder und Jugendliche ist der Trip durch das menschliche Gehirn spannend, Erwachsenen wird dagegen wenig Neues präsentiert, gegen Ende kämpft das Stück deshalb auch mit einigen Längen.

Tolle Robotertechnik beim Figurentheaterprojekt "Eliza Love Uncanny"

Einen neuen Blick auf den Pygmalion-Mythos wirft zum Festivalabschluss Meinhardt & Krauss aus Stuttgart mit dem Figurentheaterprojekt "Eliza Love Uncanny" in der Boxx des Heilbronner Theaters. Dem Stück zugrunde liegt das Schauspiel "Pygmalion" von George Bernard Shaw und Ovids Erzählungen aus den "Metamorphosen" der griechischen Mythologie.

Die Geschichte über den Künstler Pygmalion von Zypern, der aufgrund schlechter Erfahrungen zum Frauenfeind geworden ist und nach der letzten, missratenen Beziehung nur noch für die Bildhauerei lebt. Er erschafft eine Frau aus Elfenbein. Ohne bewusst darüber nachzudenken, kreiert er eine Statue, die wie lebendig aussieht und in die sich der Künstler verliebt.

Die Statue aus Pygmalion wird zum intelligenten Roboter

Unter der Regie von Iris Meinhardt überträgt "Eliza Uncanny Love" den Mythos, die Begegnung zwischen Mensch und einem erschaffenen Kunstmenschen, ins 21. Jahrhundert, ersetzt die Statue durch einen Roboter mit Künstlicher Intelligenz. Über allem steht die Frage: Können wir durch Robotik den perfekten Menschen erschaffen? Schauspieler Ludger Lammers bewegt sich mit viel Körperpräsenz, wiegt sich in geschmeidigen, zärtlich-erotischen Bewegungen eng umklammernd an die mechanische Figur. Trotzdem entwickelt sich zwischen dem menschlichen und künstlichen Protagonisten keine harmonische Beziehung.

Überzeugen können die Robotertechnik (Nils Bennett und Michael Krauss) und die toll aufeinander abgestimmten Bewegungsabläufe von Mensch und Maschine. Untermalt wird die 70-minütige Performance mit spannenden, technoiden Klängen der Musikerin Anna Illenberger, deren Effektboard und Loop Station mal die passende Geräuschkulisse liefert, dann die Szenerie mit atmosphärischen Klangflächen untermalt, die an die britische Trip-Hop-Band Massive Attack erinnern.

 

Ranjo Döring

Ranjo Doering

Autor

Ranjo Doering arbeitet seit 2015 bei der Heilbronner Stimme. Nach seinem Volontariat und einem Jahr als Redakteur bei der Hohenloher Zeitung ist er seit 2018 im Kulturressort tätig. Seine Schwerpunkte sind Musik, Film, Theater und Kabarett.

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