Radikaler Geist mit pietistischen Wurzeln: Zur Biografie von Friedrich Hölderlin

Biografie  Vor 250 Jahren wurde Friedrich Hölderlin in Lauffen geboren

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Radikaler Geist mit pietistischen Wurzeln: Zur Biografie von Friedrich Hölderlin

Hölderlin, Pastell, 1792

Foto: dpa

Der Vater gebürtiger Lauffener, die Mutter aus Frauenzimmern und in Cleebronn aufgewachsen, der Stiefvater aus Nordheim: Friedrich Hölderlin wird am 20. März 1770 in eine schwäbisch-pietistische Familie geboren. Jahre später sollte sein Bruder Carl die Tochter des Pfarrers aus Klingenberg heiraten. Und doch dürften die viereinhalb Jahre, die Hölderlin in Lauffen lebt, wenig Einfluss auf sein späteres Leben gehabt haben.

Als Hölderlin zwei Jahre alt ist, stirbt sein Vater an einem Schlaganfall, zwei Jahre später heiratet die Mutter Johann Christoph Gok, die Familie zieht nach Nürtingen. Im Alter von sechs geht Hölderlin auf die Lateinschule, wo der gesamte Unterricht auf Latein erfolgt. Als er neun Jahre ist, stirbt sein Stiefvater.

Strenge und Engstirnigkeit Maulbronn

Mit 14 wird er in die Klosterschule Denkendorf aufgenommen. In Württembergs Klosterschulen wird die künftige Elite herangezogen, alle Beamte und Pfarrer durchlaufen diese Ausbildung. Nach zwei Jahren wechselt Hölderlins Jahrgang nach Maulbronn. Die extrem strengen Regeln dort und die Engstirnigkeit, aber auch seine erste Liebe setzen ihm zu. 1788 legt er das Abitur ab.

Während des Studiums an der Universität Tübingen als Stipendiat im Stift schließt er mit den späteren Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling Freundschaft. Da er sich weigert, eine kirchliche Laufbahn einzugehen, schlägt sich Hölderlin als Hauslehrer für Kinder wohlhabender Familien durch, hält es aber nie lang an einem Ort aus. Eine Karriere als Universitätsprofessor, wie sie Hegel und Schelling gelingt, bleibt ihm verschlossen.

Psychiatrische Zwangsbehandlung im Tübinger Klinikum

1802 erhält Hölderlin die Stelle als Hauslehrer der Kinder eines Hamburger Konsuls und Weinhändlers in Bordeaux. Er reist zu Fuß dorthin und kehrt nach wenigen Monaten aus ungeklärten Gründen zurück in angeblich verwahrlostem und verwirrtem Zustand. 1806 wird er in eine 231-tägige, psychiatrische Behandlung im Tübinger Klinikum gezwungen. Der Medizinstudent und spätere Dichter Justinus Kerner behandelt ihn.

1807 wird Hölderlin als unheilbar entlassen und lebt bis zu seinem Tod 1843 im Haushalt des Tischlers Ernst Zimmer in einer Turmstube oberhalb des Neckars, im Hölderlinturm.

"Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch"

Hölderlin in Zeiten von Corona: Das Deutsche Literaturarchiv Marbach sitzt an der Überarbeitung des Jubiläumsprogramms für Friedrich Hölderlin. Vor Ausbruch der Pandemie war ein Aufführungsmarathon von über 600 Veranstaltungen bundesweit und im Ausland geplant. So fällt auch heute Abend, an Hölderlins 250. Geburtstag, der Festakt zur Eröffnung des Hölderlinhauses in Lauffen aus.

Stattdessen wird es neue Publikationsformen geben und eine stets aktualisierte Online-Präsenz. Die Eröffnung von Hölderlins Geburtshaus, aber auch die große Ausstellung im Deutschen Literaturarchiv Marbach, sind vorerst nur verschoben. Wie aktuell Hölderlins Texte sind, zeigt die Zeile "Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch" von 1803 aus der Hymne "Patmos". 

 

 


Claudia Ihlefeld

Claudia Ihlefeld

Autorin

Seit ihrem Volontariat bei der Heilbronner Stimme 1991 schreibt Claudia Ihlefeld überwiegend über regionale Kultur und Kulturpolitik, aber auch über nationale und internationale Kulturereignisse.

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