Plädoyer für die Wissenschaft beim Festival Science & Theatre

Heilbronn  Das Theater an der Parkaue - Junges Staatstheater Berlin präsentiert mit "In dir schläft ein Tier" in der Boxx ein Plädoyer für die Wissenschaft und wider die Angst. Über den Fortschritt - oder das Prinzip Trial and Error.

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Schwerer als das Hirn: "In dir schläft das Tier" beim Festival Science & Theatre

Leidenschaftlicher Forscher und nicht frei von Eitelkeit: Erik Born ist Emil von Behring, der 1901 den ersten Nobelpreis für Medizin erhielt.

Foto: Christian Brachwitz

Das Experiment ist das Herz der Forschung. Es gibt ein Problem, die Wissenschaft sucht nach der Lösung, darf auch scheitern. Hat sie eine Lösung gefunden, tut sich das nächste Problem auf. Das nennt man Fortschritt oder das Prinzip von Trial and Error. Eine Methode, mit der Emil von Behring und Paul Ehrlich ein Mittel gegen die Diphtherie entwickelt haben, eine Krankheit, die auch Würgeengel der Kinder genannt wurde.

"In dir schläft ein Tier" nennt Oliver Schmaering sein 2017 uraufgeführtes Stück für das Theater an der Parkaue - Junges Staatstheater Berlin. Mit dem Auftragswerk für Menschen ab neun Jahren - was ziemlich anspruchsvoll ist - war die muntere Truppe aus fünf Schauspielerinnen und Schauspielern zweimal zu erleben beim Festival Science & Theatre: morgens und am frühen Donnerstagabend in der Boxx des Heilbronner Theaters.

Das vermeintliche Chaos der Wissenschaft

45 Minuten lang wird eine Liebeserklärung an die Wissenschaft, ihre Möglichkeiten und Grenzen sowie ihr vermeintliches Chaos erzählt, werden Assoziationen angeregt und bleiben Fragen offen. Was durchaus beabsichtigt ist, wie die Macher in der anschließenden Publikumsdiskussion bekunden, bei der nicht nur Mütter Fragen stellen, sondern auch Töchter diskutieren. Und der Autor einer Paul-Ehrlich-Biografie, Axel C. Hüntelmann vom Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin an der Charité Berlin.

Am Nachmittag hatte Hüntelmann an der Talk-Runde "Geht es auch ohne Helden?" in der Experimenta teilgenommen, einem Gespräch über Irrtümer, Helden und lehrreiche Einblicke. Denn auch das bietet das Festival Science & Theatre als Kooperation zwischen Theater Heilbronn und der Experimenta: Diskussionsrunden mit Experten über Wissenschaft, Medien, die Zukunft und unsere Ängste.

Über das Theater an der Parkaue

Das Theater an der Parkaue - Junges Staatstheater Berlin in Lichtenberg, eines der größten Staatstheater für junges Publikum in Deutschland, gehört zu den vier subventionierten, als Regiebetriebe geführten Bühnen Berlins neben dem Maxim-Gorki-Theater, der Volksbühne und dem Deutschen Theater. Das Theater belegt eine Hälfte eines 1910/11 erbauten Schulgebäudes und wurde 1948 auf Anordnung der sowjetischen Militäradministration gegründet. Die andere Hälfte war das Zentralhaus der Jungen Pioniere.

Eine Mischung aus Alice im Wunderland und Labor

Um Ängste, aber auch Erfolge der Wissenschaft ging es nun in der Boxx - spielerisch und sinnlich, wenn sich die Bühne (Marie Gimpel) in ein Labor verwandelt. Eine Mischung aus Alice im Wunderland und staubtrockener Studierstube: mit fantastischen (Glücks)-Rädern aus leuchtenden Messkolben, blubbernden Reagenzgläsern, einer kreisrunden, ins Millionenfache vergrößerten Bakterienkultur, als blicke der Zuschauer selbst ins Mikroskop.

Mit heulenden Wölfen, einem Pferd, Bakterienkönigin Coryne. Und mit dem Forscherpaar Behring und Ehrlich und schließlich Ultima, dem letzten Mädchen, wie sein Name sagt. Sie braucht Hilfe, fiebert und treibt, real oder als Traum, die Wissenschaftler an, ohne Unterlass zu forschen. Zeit kann man nicht gewinnen, nur verlieren.

Gemäß dem Klischee von durchgeknallten Naturwissenschaftlern

Mit leichter Hand (Regie: Hanna Müller), Humor und jeder Menge Subtext, den man verstehen kann, doch nicht muss, um den Budenzauber zu erspüren, folgt der Zuschauer Behring (Erik Born) und Ehrlich (Andrej von Sallwitz) durch den Wissenschaftsdschungel. Die zwei sind, es lebe das Klischee, durchgeknallte Naturwissenschaftler, die sich in einer Diskussion verlieren, ob man sich schon Guten Morgen gesagt hat oder nicht. Und die leidenschaftlich der Frage nachgehen, warum man krank wird: Vielleicht übt das Herz fürs Sterben?

Der Forscher darf sich im Dreck wälzen, wach bleiben bis nach Mitternacht und kalt essen. Etwaige Rufe "zu Tisch" ignoriert er, blättert lieber hektisch in alten Büchern und hantiert an Messgeräten.

In jedem von uns leben zwei Kilo Bakterien

Mit Wolfsmasken geben die Schauspieler bedrohlich einen griechischen Chor. Laura Lippmann ist Coryne, die triumphiert, in jedem von uns lebten zwei Kilo Bakterien, die schwerer wiegen als das Hirn. Nina Maria Wyss ist Ultima, verfolgt vom Würgeengel Diphtherie. In Personalunion spielt Sophia Hankings-Evans Das Problem, Die Lösung und Das Pferd, was tatsächlich zusammenhängt: Erst durch Versuche am Pferd konnte der Impfstoff gegen die Krankheit entwickelt werden.

In rascher Folge werden Themen wie die Sisyphusarbeit der Forschung verhandelt und die Crux der Gewöhnung als schärfste Waffe gegen Medizin. Gerade deswegen versteht sich "In dir schläft ein Tier" als Plädoyer für die Wissenschaft und wider die Angst.


Claudia Ihlefeld

Claudia Ihlefeld

Autorin

Seit ihrem Volontariat bei der Heilbronner Stimme 1991 schreibt Claudia Ihlefeld überwiegend über regionale Kultur und Kulturpolitik, aber auch über nationale und internationale Kulturereignisse.

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